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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweites Buch

Des Autors Prolog

Sehr treffliche und mannhaftige Degen, edle freie gestrenge Herren und all ihr andern, die ihr euch gern jedweder Anmut und Tugend befleißigt: ihr laset unlängst die große unschätzbare Chronik des ungeheuren Riesen Gargantua und habt als wahre Gläubige daran so steif und fest geglaubt als an ein heiliges Evangelium oder unfehlbaren Bibeltext; habt auch manchmal euch die Zeit damit nebst den ehrsamen Frauen und Fräulein vertrieben, wenn ihr ihnen – just müßig – daraus fein lange und schöne Geschichten erzähltet. Derhalben gebühret euch denn groß Lob und ein unsterbliches Ehrengedächtnis. Und wenn es meinem Willen nachging, sollt sich ein jeder seiner besondern Geschäft entschlagen, sich um sein Gewerb nicht kümmern, all seine sieben Sachen gar aus dem Sinn tun, um lediglich hierin zu leben mit äußerlich ganz unzerstreuten, gesammelten Sinnen, bis man's zuletzt auswendig wüßt'. Daß, wenn die Kunst zu drucken etwa durch Zufall abkäm, oder künftig die Bücher alle zugrunde gingen, ein jeder es seinen Kindern haarklein einlernen könnte, und von Hand zu Hand auf Erben und Nachfahren weiter pflanzen, wie eine heilige Kabbala. Denn es ist weit mehr Frucht darin, als sich ein ganzer Haufen grober Narren und Grindköpf träumen läßt, die von diesen kleinen Fröhlichkeiten soviel verstehn als ein alter Steißtrommler. Arme Gichtbrüchige und Venerische haben wir oftmals gesehen, wenn man sie eben gesalbt und über und über eingeschmiert hatte, daß ihnen die Gesichter wie Schlösser an einem Beinhaus leuchteten und die Zähn im Halse klappten wie ein Spinett oder Orgelklavier, wenn man drauf spielt, und ihnen der Schaum vorm Mund stand wie einem Eber, den der Hund im Garne zaust! Was taten sie dann? Ihr einziger Trost war, eine Seite aus unserm Gargantua verlesen hören. Und wir haben ihrer darunter gesehen, die sich zu hundert steinalten Teufeln verschworen haben, wo sie aus Lesung dieses Buchs nicht merkliche Schmerzenslinderung schöpften, mitten in der Schwitzkur. Nicht mehr noch minder als die Weiber in Kindesnöten, wenn man ihnen das Leben der heiligen Margret vorliest. Ist dies ein Kleines? Zeiget mir, in welcher Fakultät, Sprache oder Wissenschaft ihr das Buch wollt, das solche Tugend, Eigenschaft oder Vorzug hätt', und ich zahl die nötige Nierenspülung. Nein, nein, ihr Herrn, es ist unvergleichlich, ohne Beispiel, es hat seinesgleichen nicht. Ich behaupt's bis zum Feuer exclusive. Auch hat die Welt durch unumstößliche Erfahrung den großen Gewinn und Nutzen erkannt, der ihr aus dieser Gargantuachronik erwachsen ist; denn die Buchdrucker haben in zwei Monden mehr davon verkauft, als man neun Jahr lang Bibel kaufen wird. Derhalb ich dann (als euer untertäniger Sklave) auf Mehrung eurer Kurzweil bedacht, jetzt euch ein ander Buch von gleichem Schrot und Muster darbring, nur daß es noch etwas manierlicher und glaubhafter ausfallen wird denn jenes: nämlich, von den erschrecklichen Heldentaten und Abenteuern Pantagruels, dem ich, seit ich die Kinderschuh vertreten hab', bis diese Stund um Lohn gedienet; da ich dann mit seinem Urlaub einen Rutsch in meine alte Kuhweid auf Besuch gemacht hab', mich umzuschauen, wer noch etwa von meinen Leuten das Leben hätte. Drum, diesem Vorwort ein End zu machen: gleichwie ich mir zu meinem Teil mit Leib und Seel, mit Darm und Dung hunderttausend Teufel auf den Hals wünsch, wo auch nur ein einzig Wort in der ganzen Geschicht erlogen ist – so seng euch das höllische Feuer, Sankt Asmus' Haspel zerwirr euch die Därm, Krätz und Wolf fress' euren Leib, und ihr müsset wie Sodom und Gomorrha in Feuer und Schwefel zum Abgrund gehn, wo ihr nicht festiglich alles glaubet, was ich in gegenwärtiger Chronik euch nach der Reih berichten werd.

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