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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Fünfzigstes Kapitel

Wie der Thelemiten Lebensart reguliert war

Ihr ganzes Leben ward nicht geführt nach Satzung, Regel noch Statuten, sondern nach eigner freier Wahl. Sie stunden vom Bett auf, wann ihnen gut schien; tranken, aßen, arbeiteten, schliefen, wann sie dazu das Verlangen ankam. Keiner weckt' sie, keiner zwang sie, weder zum Trinken noch zum Essen, noch sonst etwas. Denn also war es vom Gargantua eingerichtet. In ihrer Regel war nicht mehr als dieses einzige Gebot:

TU WAS DU WILLST,

weil wohlgeborene, freie, wohlerzogene Leut in guter Gemeinschaft aufgewachsen, schon von Natur einen Sporn und Anreiz, der sie beständig zum Rechttun treibt und vom Laster abhält, in sich haben, welchen sie Ehre nennen. – Aus dieser Freiheit erwuchs in ihnen ein löblicher Wettstreit, alles zu tun, wovon sie sahen, daß es dem einen angenehm war. Wenn einer oder eine sprach: »Lasset uns trinken«, so tranken sie alle. Sprach er: »Lasset uns spielen«, so spielten sie alle. Sprach er: »Kommt ins Feld spazieren«, so gingen alle gleich hinaus. Wollten sie auf die Vogelbeize oder Jagd, so setzten sich die Frauen auf schöne Zelter, und jede trug, zierlich behandschuht, auf ihrer Faust ein Sperber, Habicht oder Falken. Die Männer trugen die andern Vögel. So adlig waren sie all erzogen, daß unter ihnen auch nicht einer noch eine war, die nicht hätt' lesen, schreiben, singen, musizieren, fünf bis sechs Sprachen reden und sowohl reimweis' als in ungebundener Red darin diktieren können. Niemals hat man so wackre, galante Ritter ersehen, so fertig zu Fuß und Roß, so rüstig und regsam, so wohl in allen Waffen bewandert, als es da gab.

Niemals hat man so stattliche Frauen, so artige, so wohlgelaunte, zur Hand, zur Nadel, ja zu jeder ehrlichen freien weiblichen Kunst geschicktere Frauen gesehen als da.

Daher dann, wann die Zeit erschien, daß einer auf seiner Freund Begehren oder sonst einen andern Grund aus diesem Stift austreten wollte, er eine der Frauen mit sich nahm, die ihn etwa zu ihrem Getreuen erkoren hätt', und wurden dann zusammen vermählt, und hatten sie in Thelem treu und einig gelebt, so fuhren sie im Ehestand noch besser damit fort und liebten einander am letzten Tag ihres Lebens wie an dem ersten Hochzeitstag.

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