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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Dreissigstes Kapitel

Wie Gargantua das Schloß an der Furt Vede zerstörte, und wie sie über die Furt gingen

Als er ankam, erzählt' er, wie er die Feind getroffen hätt', und den an ihrer ganzen Schar von ihm allein vollführten Streich: beteuert', es wären eitel Diebe, Strauchhähne und Räuber, die gar nichts verstünden vom Kriegshandwerk, sie sollten sich nur frisch an sie machen, denn es würd ihnen ein leichtes sein, sie wie das liebe Vieh zu schlachten. Demnach beschritt Gargantua, in Begleitung seiner obigen Freunde, die große Mähre, und unterwegs traf er einen gewaltigen hohen Baum an, den man gewöhnlich Sankt Martinsbaum nannt', weil er aus einem Pilgerstab erwachsen war, den vor Zeiten der heilige Martin dorthin gepflanzet. Da sprach er: »Siehe da, was mir fehlt! Dieser Baum soll mir zum Spieß und Pilgerstecken dienen.« Damit riß er ihn leichtfertig aus der Erden, streifte die Äst herunter und putzet' ihn zu seinem Vergnügen. Unterdessen wässert' seine Mähr, sich die Blas zu leeren, tat solches aber so im Überfluß, daß auf sieben Meilen ein Flut draus ward und aller Brunzt in die Furt von Vede lief. Die schwemmt' es so gewaltsam wider den Strom an, daß des Feindes Geschwader mit Mann und Maus elendiglich daselbst ersoffen, außer etlichen, die ihren Weg links über den Berg genommen hatten.

Als Gargantua vor dem Forst von Vede ankam, warnte ihn Eudämon, daß im Schloß noch etliche Feinde verborgen lägen. Welches zu erfahren Gargantua, so laut er konnte, rief: »Seid ihr drinnen oder nicht? Wenn ihr drinnen seid, so drückt euch! Seid ihr nicht drin, bedarf's nicht der Worte!« Ein Bengel aber von Schützenmeister hinter der Schußscharte richtet' eine Kanon auf ihn und traf ihn grausam an die rechte Schläf; es tat ihm aber nicht weher, als wenn er ihn mit einer Zwetschen geworfen hätt'. – »Was ist dies?« sprach Gargantua, »werft ihr uns hier mit Traubenkernen? Der Herbst soll euch noch teuer kommen!« Denn er meint' nicht anders, die Stückkugel wär ein Traubenkern gewesen. – Diejenigen, die sich im Schloß den Schnappsack lustig füllten, liefen, als sie den Lärm hörten, auf Türm und Bollwerk und taten aus Falkonetten und Büchsen mehr denn 9025 Schüsse auf ihn, zielten ihm alle nach dem Kopf und hagelten so hageldicht, daß er ausrief: »Ponokrates, mein Freund! Die Fliegen da blenden mich! Oh, lange mir doch einen Zweig von diesen Weiden her, sie zu verscheuchen!« Denn er sah die bleiernen Kugeln und die Steine aus dem Wurfgeschütz für Kuhfliegen an. Ponokrates bedeutet' ihn aber, daß es die Fliegen aus den Kanonen im Schlosse wären, die man ihm zuschösse. Da rannt' er mit seinem großen Baum wider das Schloß an, zermalmt' mit schweren Stößen Türm und Bollwerk und schleift' es alles dem Boden gleich, dergestalt, daß alle darinnen zerschmettert und erschlagen wurden.

Von da weiter kamen sie an die Mühlenbruck und fanden dort die ganze Furt so gehäuft voll Leichen, daß sie den Mühlgang verstauten. Dies waren aber eben die in der Mähr-Harnflut Ersoffenen. Gingen also zu Rat, wie sie drüber kam, in Betracht der Stauung dieser Kadaver. Gymnastes aber sprach: »Sind die Teufel hinüberkommen, will ich auch wohl hinüber.« – »Die Teufel«, sagt Eudämon, »sind 'nüber kommen, als sie die verdammten Seelen holten.« – »Nun beim Sankt Trinian!« rief Ponokrates, »so muß ich notwendig auch hinüber.« – »Ei!« sprach Gymnast, »das mein ich auch, oder ich will unterwegs bleiben.« Gab damit seinem Pferd die Sporen und setzt' rasch über, ohn daß das Pferd einmal vor den Toten gescheut hätte. Die andern dreie folgten ihm ohn Anstoß nach, bis auf Eudämon, dessen Pferd mit dem rechten Fuß einem großen feisten Schelmen, der da rücklings ersoffen war, bis ans Knie in den Wanst einbrach und ihn nicht wieder herausziehn konnte. Mußt' auch so lang drin stecken bleiben, bis Gargantua mit seinem Stab die übrigen Kutteln des Schelmen vollends in den Grund bohrt', damit das Pferd den Schenkel 'rausrenken konnt'. Und (was wunderbar in der Roßarzneikunst zu merken) so war dies Pferd von einem Überbein, das es an selbigem Fuß hatt', bloß durch die Anrührung der Gedärm dieses groben Lümmels geheilt und aus dem Grund kuriert worden.

Nicht lange darauf, nachdem sie das Ufer der Vede erstiegen, kamen sie in Grandgoschierens Schloß an, der ihrer mit großem Verlangen harrte. Herzten und drückten einander zum Willkomm mit offenen Armen; euer Leblang habt ihr nicht frohere Leut gesehen. Und es ist lautere Wahrheit, daß, nachdem sich Gargantua mit frischen Kleidern angetan und mit seinem Strähl (der, hundert Stab lang, mit ganzen Elefantenzähnen bezahnt war) strählt', ihm auf jeden Zug über sieben Ballen Kugeln aus den Haaren fielen, so darin bei Demolierung des Vedischen Forstes hangengeblieben.

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