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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie etliche Hauptleute des Pikrocholus ihn durch übereilten Rat in die äußerste Gefahr brachten

Nach ausgepfändeten Wecken erschienen vor dem Pikrochol der Herzog von Kleinitz, Graf Bravo und Hauptmann Dünnschiß und sprachen zu ihm: »Gnädigster Herr, heut machen wir Euch zum glücklichsten, streitbarsten Prinzen, der je gelebt hat seit dem Tod Alexanders von Mazedonien.« – »Bedeckt euch«, sprach Pikrocholus, »bedeckt euch.« – »Dank, Herr«, sagten sie, »wir tun nur unsre Schuldigkeit. Das Mittel ist dieses: Ihr lasset einen Hauptmann hier in Garnison mit kleiner Schar zur Deckung des Platzes, der uns fest genug bedünkt – teils von Natur, teils auch durch Eure Verschanzungen. Euer Kriegsheer teilt Ihr in zwei Teile, wie Ihr selbst am besten zu tun verstehet. Das eine Teil davon fällt über diesen Grandgoschier und sein Volk her: schlägt ihn aufs Haupt im ersten Anschuß. Da findet Ihr Geld im Überfluß, denn der Filz hat's bei der Schwere. Filz sagen wir, weil ein adlig Herz, ein rechter Fürst niemals auch nur einen roten Heller haben muß. Taler sparen ist Filzenhandwerk.

Das ander Teil ziehet derweil auf Onys, Sainckonge, Angomoys und Gasconien, auf Perigort, Medoc, Eslanes. Ohn Widerstand gewinnen sie Städte, Festen, Schlösser. Zu Bajonn, zu Sankt Jean de Luc und Fontarbaien nehmt Ihr alle Schiff, damit Ihr gegen Galizien und Portugal streift und alle meeranstößige Land bis Lissabon plündert, wo Ihr Zufuhr jedes Kriegsbedarfes für einen Eroberer schon finden werdet. Hol mich St. Velten, Spanien ergibt sich Euch, denn es sind eitel arme Strohköpf. Nun fahrt Ihr durch die Sibyllische Meereng und richtet da zwei Säulen auf, viel stattlicher als des Herkules, zu ewigem Denkmal Eures Namens, und wird dieselbe Meerenge darnach das Pikrocholinenmeer geheißen.

Habt Ihr das Pikrocholinenmeer erst hinter Euch, so stehet auch schon der Afrikaner Rotbart dort und will Euer Sklav sein.« – »Ich nehm ihn zu Gnaden an«, sprach Pikrocholus. – »Wohl, aber er muß sich taufen lassen«, sagten sie. »Erstürmet dann die Königreiche Tunis, Algier, kühnlich die ganze Barbarei. Geht weiter, so fallen Euch in die Hand Mallorka, Minorka, Sardinien, Korsika samt den übrigen Inseln des ligustischen und balearischen Meeres. Wendet Euch links und schaltet frei über das ganze Narbonische Gallien, Allobrogien, die Provence, Genua, Lukka, Florenz und – Gott gnad dir alsdann – Rom. Der arme Junker Papst ist schon des Tods der Schrecken.« – »Bei meiner Treu, ich werd ihm nicht lang den Pantoffel lecken«, antwortete Pikrocholus.

– »Jetzo ist Welschland Euch Untertan, da habt Ihr Neapel, Kalabrien, Apulien, Sizilien alles im Sack und Malta mit. Ich wollt nur, daß sich die schnakischen Herrn Weilandritter von Rhodus Euch ein wenig widersetzen, daß man ihnen das Wasser beschaun könnt.«

– »Doch ging ich auch«, sprach Pikrochol, »gern gen Laureto.« – »Nix da, nix, das kommt auf dem Rückweg«, sagten sie. »Von da ab nehmen wir Candien, Zypern, Rhodus und die Cycladischen Inseln und werfen uns auf Morea. Wir haben's schon, Sankt Trinian! Gott schütz Jerusalem; denn der Sultan kann sich nicht messen mit Eurer Macht.« – »So werd ich«, sprach er, »den Tempel Salomonis bauen.« – »Nein«, sagten sie, »noch nicht! Verziehet noch ein wenig. Seid doch nur niemals so jähling in Euren Unternehmungen.

Wißt Ihr, was Kaiser Octavian sagt? Festina lente! Ihr müßt zuvor Kleinasien, Karien, Lycien, Pamphylien, Cilicien, Lydien, Phrygien, Betunien, Carazien, Satalien, Samagerien, Castamena, Luga, Savasta, bis an den Euphrat haben.« – »Werden wir«, frug Pikrocholus, »auch Babel und den Berg Sinai sehen?« – »Es ist zur Zeit«, antworten sie, »noch nicht vonnöten. Heißt es nicht satt sich abgeplackt, wenn man das hirkanische Meer durchschifft hat, die beiden Armenien und die drei Arabien beritten?« – »Mein Treu!« sprach er, »wir sind vertan. Ach arme Leut!« – »Wieso denn?« frugen sie. – »Was werden wir trinken in dieser Wüst? Denn wie man sagt, ist Kaiser Julianus mit seinem ganzen Heer drin Dursts gestorben!« – »Wir han dem allen schon Rat erfunden«, versetzten sie. »Im Syrischen Meer habt Ihr 19 014 große Schiff, mit dem besten Wein beladen, den die Erd trägt. Die sind in Joppe bereits gelandet. Dort haben sich 220 000 Kamele und 16 000 Elefanten eingefunden, die Ihr auf einer Jagd bei Sigeilme, als Ihr nach Libien kamt, gefangen. Und außerdem habt Ihr auch noch die ganze Karawane von Mekka erbeutet. Brachten die Euch nicht Wein satt?« – »Schon wahr«, sprach er, »aber wir hatten drum kein kühl Getränk.« – »Ei, daß mich doch bald was anders biß!« antworteten sie, »ein Held, ein Landzwinger, einer, der nach der ganzen Weltherrschaft aus ist und trachtet, kann's nicht immer gemächlich haben. Dankt Gott, daß Ihr mit Euerm Volk gesund und frisch bis zum Tigris seid kommen.«

»Aber«, sprach er, »was tut derweil unser ander Heer, das den armen filzigen Schlucker, den Grandgoschier, geschlagen hat?« – »Sie feiern auch nicht«, sagten sie; »werden Ihnen alsbald begegnen. Sie haben Bretanien, Normandie, Flandern, Hennegau, Brabant, Artoys, Holland, Seeland für Euch erobert, auch hat ein Teil davon Luxemburg, Lothringen, Champagne, Savoyen bis gen Lyon bezwungen, an welchem Ort sie Eure Besatzungen auf der Rückkehr von ihren Seeviktorien im Mittelländischen Meere gefunden; und haben sich, nachdem sie Schwaben, Württemberg, Bayern, Österreich, Mähren und Steiermark gewältiget, wieder in Böhmen zusammengeschlagen. Sind darauf mit aller Macht vereinigt auf Lübeck, Norwegen, Schweden, Rügen, Dazien, Esterlingen, Gothland, Grönland bis an das Eismeer geflogen, wonach sie die Orkadischen Inseln erobert, auch Schottland, Engelland und Irland unterjocht haben; sind von da das Sandmeer und die Sarmaten durchschifft und haben Preußen, Polen, Litauen, Rußland, Walachei, Siebenbürgen, Ungarn, Bulgarien, Türkei besiegt, gebändigt und sind bereits in Konstantinopel.« – »Macht nur«, sprach Pikrochol, »daß wir bald zu ihnen kommen; denn ich will auch Kaiser von Trapezunt sein. Soll'n wir nicht all diese Türkenhund und Mahometisten erwürgen?« – »Ei, was Teufel anders?« antworten sie, »ihr Land und ihre Güter schenkt Ihr dann denen, die Euch redlich gedienet.« – »Wie billig«, sprach er, »von Rechts wegen. Ich schenk euch Carmanien, Syrien und ganz Palästina.« – »Ha«, riefen sie, »da tut Ihr wohl dran, gnädigster Herr! Wir danken schön. Gott woll Euer Wohlfahrt allzeit mehren!«

Damals war auch ein Alter vom Adel mit zugegen, in mancherlei Wagnis und Kriegsläuften wohl erfahren, namens Echephron, der sprach, als er die Reden hört': »Ich sorg fast sehr, daß all dieser Anschlag werd ausfallen, wie der Schwank vom Milchtopf, daran sich der Schuster im Traum bereichert, drauf als der Topf in Scherben brach, nichts zu schmausen hatt'. Worauf zielt Ihr doch mit diesen stolzen Eroberungen? Was wird das End all dieser Kreuz- und Querzüg sein?« – »Wird sein«, antwortete Pikrocholus, »daß wir, wenn wir heimkommen, uns gemächlich zur Ruh begeben.« – »Und wenn Ihr etwa«, frug Echephron, »zufälligerweis' nicht wiederkämet? Denn der Weg ist weit und gefährlich; wär's nicht besser, daß wir uns jetzt gleich zur Ruh begäben, eh wir in die Gefahr uns wagten?« – »Oh, um Gott!« schrie Bravo, »seht mir doch den armseligen Fasler! Ich mein, wir hockten uns lieber gar auf die Ofenbank und brächten da unser Zeit und Weil bei den Frauen mit Perlenfädeln und Spinnen zu, wie Sardanapalus. Wer nichts wagt, hat weder Pferd noch Maul, spricht Salomon.« – »Und wer zuviel wagt«, sprach Echephron, »der verlieret Pferd und Maul.« – »Basta, vorwärts!« schrie Pikrochol, »ich fürcht mich nur vor dieses Grandgoschiers Legion Teufeln, wenn sie etwa, derweil wir in Mesopotamien stäken, uns in die Schlepp kämen. Was aber dann?« – »Gar wohl, gar wohl«, antwortet' Dünnschiß. »Ihr schickt den Moskowitern nur ein klein Depeschlein zu, das stellt Euch in einem Umsehn 450 000 erlesenes Kriegsvolk auf die Bein. Oh, wenn Ihr mich zu Eurem Leutnant setzen wolltet, ich freß Euch ein Dukaten für 'ne Laus auf. Ich mord, ich tob, ich schmeiß, ich zerreiß, schlag tot ohn Gnod!« – »Auf!« schrie Pikrochol, »macht euch fertig, und wer mich liebhat, folge mir!«

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