Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Rabelais >

Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
Schließen

Navigation:

An meine Leser

Freund, der du dies Buch durchblätterst,
Laß dich nicht in Harnisch bringen,
Daß du mir nicht tobst und wetterst,
Denn du find'st von schlechten Dingen
Nichts darin. Ob arg viel Gutes?
Weiß ich nicht, 's wär' denn das Lachen!
Und ich will euch lachen machen.
In der Dumpfheit eures Blutes
Kann euch ja kein Scherz gelingen!
Eure Tränen steh'n euch schlecht:
Lachen! das ist Menschenrecht!

Des Autors Prolog

Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder (denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben): Alcibiades, in dem Gespräch des Platon, Gastmahl betitelt, sagt unter anderen Reden zum Lob seines Meisters Sokrates, welcher unstreitig der Weltweisen Kaiser und König war, daß er sei gleich den Silenen gewesen. Silenen waren einstens kleine Büchslein, wie wir sie heut in den Läden der Apotheker sehen, von außen bemalt mit allerlei lustigen, schnakischen Bildern, als sind Harpyien, Satyrn, gezäumte Gänslein, gehörnte Hasen, gesattelte Enten, fliegende Böcke, Hirsche, die an der Deichsel ziehen, und andre vergnügliche Bilder mehr, zur Kurzweil konterfeiet, um einen Menschen lachen zu machen: wie denn des guten Bacchus Lehrmeister Silenus auch beschaffen war. Hingegen im Innersten derselben verwahrte man die feinen Spezereien, als Balsam, Bisam, grauen Ambra, Zibeth, Amomum, Edelstein und andre auserlesene Dinge. So, sagt er, war auch Sokrates; weil ihr denselben von außen betrachtend und äußerm Ansehn nach schätzend nicht einen Zwiebelschnitz für ihn gegeben hättet: so häßlich war er von Leibesgestalt, so linkisch in seinem Betragen, mit einer Spitznas, mit Augen wie eines Stieres Augen, mit einem Narrenantlitz, einfältigen Sitten, bäurisch in Kleidung, arm an Vermögen, bei Weibern übel angesehen, untauglich zu allen Ämtern im Staat, immer lachend, immer jedem zutrinkend, immer Leute foppend, immer und immer Verstecken spielend mit seiner göttlichen Wissenschaft. Aber, so ihr die Büchse nun eröffnet, würdet ihr inwendig gefunden haben himmlisch unschätzbare Spezereien: einen mehr denn menschlichen Verstand, wunderwürdige Tugend, unüberwindlichen Starkmut, Nüchternheit sondergleichen, feste Genügung, vollkommenen Trost, unglaubliche Verachtung alles dessen, darum die sterblichen Menschen so viel rennen, wachen, schnaufen, schiffen und raufen.

Wohin (denkt ihr in euern Gedanken) zielt doch dies Vorspiel, dieser Probschuß? Dahin, daß ihr meine guten lieben Jüngerlein und etliche eurer Mitmaulaffen, wann ihr die lustigen Titel etlicher Bücher von unsrer Erfindung leset, als: Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc., allzu leichtfertig urteilt, es werde darinnen nichts abgehandelt als eitel Spottwerk, Narreteien und lustige Lügenmärlein, da ja ihr äußerlich Sinnschild (das ist der Titel) ohne weitre Untersuchung gemeinlich für Possen und Schimpf geachtet wird. Aber also leichtfertig ziemt sich nicht Menschenwerk abzuschätzen; denn ihr pflegt doch selbst zu sagen, daß das Kleid nicht den Mönch mache, und mancher ist verkappt in eine Mönchskutte, der innerlich wenig vom Mönchtum weiß; geht auch wohl mancher im spanischen Mantel, dem sein Sinn nimmer nach Spanien stehet. Derhalb soll man das Buch recht auftun, und was drin ausgeführt, sorglich erwägen. Dann werdet ihr merken, daß die Spezerei drin wohl von einem andern und höheren Wert ist, als euch die Büchse verhieß: will sagen, daß die hie behandelten Materien nicht alle so töricht sind, als es die Überschrift vorgeschützt.

Und den Fall gesetzt, daß ihr auch im buchstäblichen Sinn genugsam lustige Dinge anträfet, die sich wohl zum Namen schickten, sollt ihr doch gleichwohl hieran nicht haften bleiben wie am Sirenensang, sondern vielmehr im höheren Sinn auslegen, was ihr vielleicht nur Scherzes halber gesagt zu sein vermeint hattet. Zogt ihr je einer Flasche den Pfropf aus? Ei potz Zäpel! So denket zurück, wie ihr euch dazu angestellet. Oder sahet ihr je einen Hund, wann er ein Markbein am Wege fand? Dies ist, wie Plato Lib. 2 de Rep. schreibt, das philosophischste Tier der Welt. Wenn ihr's gesehen habt, habt ihr wohl merken können, wie andächtig er es erspäht, wie eifrig er's wahrt, wie hitzig er's packt, wie schlau er's anbricht, wie brünstig zerschrotet, wie emsig aussaugt. Wer treibt ihn an, also zu tun? Was ist die Hoffnung seiner Hundsmüh? Was vermeint er hieraus Gutes zu erlangen? Nichts weiter als ein wenig Mark: wenn schon in Wahrheit dieses Wenig weit köstlicher denn alles Viel der anderen Dinge ist, da denn das Mark eine Nahrung, die zur Vollkommenheit der Natur ist erwirket worden, wie Galenus spricht III. facult. nat. et XI. de usu partium.

Nach dessen Fürbild nun ziemet euch Klugheit, daß ihr fein riechen, wittern und schätzen mögt diese edeln saftigen Schriften, die man zwar leichtlich pürschen mag, schwer aber treffen; daß ihr dann mittels fleißigen Lesens und steter Betrachtung den Knochen erbrecht und das substantialische Mark draus sauget, in gewisser Hoffnung, daß euch solch Lesen witzigen und erleuchten wird. Denn ihr sollt wohl einen anderen Schmack und tiefverborgenere Lehre drin finden, die euch höchst überschwengliche Sakramente und schaudervolle Mysterien offenbaren wird, sowohl unsre Religion als auch Welt- und Regentenstand und die Hauszucht betreffend.

Glaubt ihr auch wohl, auf euern Eid, daß Homer, als er die Ilias und Odyssee schrieb, jemals an die Allegorien gedacht habe, die aus ihm auskalfatert Plutarch, Eustatius, Phornutes, Heraklit, Pontiquus und was aus ihnen Politian gestohlen hat? Wo ihr es glaubt, kommt ihr weder mit Händen noch Beinen zu meiner Meinung, die besagt, daß dem Homer dergleichen so wenig im Traum erschienen, als dem Ovid in seinen Metamorphosen die evangelischen Sakramente, wie sie ein Bruder Hungerleider und wahrer Mückensieber sich drin zu erweisen sich gemartert hat, ob er vielleicht mehr Narren wie er und, wie das Sprichwort sagt, Deckel auf seinen Topf fänd.

So ihr es aber nicht glaubt, ei! was hindert euch, mit dieser muntern und neuen Chronik nicht eben auch also zu tun? Wiewohl ich, derweil ich's diktiert, so wenig dran gedacht hab' wie ihr, die ihr wohl so gut trinkt wie ich. Der ich mit Herstellung dieses sehr herrlichen Buches nicht mehr Zeit vertan noch verdorben hab', als die ich mir zu Einnahme meiner Leibesnahrung vorbestimmt hätt', nämlich während Essens und Trinkens. Auch ist dies just die rechte Stund, da man von so erhabenen Dingen und tiefen Wissenschaften schreiben soll.

Wie sich gar wohl darauf verstanden Homer, der Spiegel aller Schriftgelehrten, und Ennius, der lateinischen Poeten Ziehvater; wie Horaz bezeuget: wenn auch ein Wirrkopf behaupten will, daß seine Verse mehr nach Wein denn nach Öl röchen.

Dergleichen sagt nun ein Hanswurst auch von meinen Büchern. Aber ich acht ihn einen Quark. Weingeruch, o wie weit nützlicher, schützlicher, kützlicher, himmlisch holdseliger ist er doch als der des Öles! Und werd er mir's zu keinem geringern Ruhm anrechnen, daß man von mir sag, ich hab in Wein mehr aufgehn lassen denn in Öl, als Demosthenes tat, da man ihm nachsagt', er hätt' in Öl mehr vertan denn in Wein. Ich für mein Teil kann nur Ehr und Ruhm davon haben, so man mich für einen guten Schlucker und Kunden mitgelten und laufen läßt. Bin unter dem Namen gern gesehen bei allen guten Pantagruelsbrüdern. Dem Demosthenes hat's ohnehin ein Sauertopf längst vorgeruckt, daß seine Reden wie eines alten garstigen Ölhökers Lumpen röchen. Derhalb legt meine Wort und Werk zum allervollkommensten aus, habt Ehrfurcht vor dem käsförmigen Hirnbrei, der euch mit diesen schönen Schaumbläschen ätzet und, so viel an euch, bleibt mir fein allzeit guter Dinge.

Nun, so erlabt euch dran, liebe Schätzlein: lest es fröhlich zu Leibestrost und Nierenfrommen. – Aber halt! Daß euch der Wolf ins Gesäß schlag! Wollt ihr mir gleich meinen Gottslohn zutrinken? Salu! Ich tu euch Bescheid!

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.