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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Einundzwanzigstes Kapitel

Wie ein Mönch von Seuillé den Abteigarten vor der Feinde Plünderung schützte

Und trieben's immer schindend und plagend, raubend und stehlend also fort, bis sie gegen Seuillé kamen; zogen Mann und Weib aus, nahmen, was sie nur erlangen mochten: es war ihnen nichts zu heiß noch zu schwer. Wiewohl die Pest in den meisten Häusern war, liefen sie doch in alle hinein, mausten alles heraus und keiner nahm einen Schaden. Welches wohl ein fast erstaunlicher Fall war; denn die Priester, die Prediger, die Pfarrherrn, Ärzte, Feldscherer und Apotheker, die die Kranken besuchten, Beichte hörten, warnten, warteten, kurierten, trösteten und verbanden, waren schon alle an dem Gift gestorben, und diese Teufelsräuber und Mörder kam auch nicht ein Schauder an. Woher kommt dies, ihr Herrn? Ich bitt', denkt doch nach. Als nun der Flecken so ausgesackt war, stürmten sie mit erschrecklichem Getümmel auf die Abtei los, fanden sie aber sehr wohl verriegelt und verwahrt; demnach das Hauptheer fürbaß auf den Furt von Vede zuzog, bis auf sieben Fähnlein Fußvolks und zweihundert Lanzen, die dablieben und die Gartenmauern zerrissen, damit sie vollends den Weinberg verdürben. Die armen Teufel, die Mönche, wußten nicht, welchem Heiligen sie in der Angst sich geloben sollten. Gleichwohl aber ließen sie auf allen Fall zur Kapitelsitzung läuten. Darin ward beschlossen, daß sie einen stattlichen Umgang halten wollten mit schönen Litaneien contra hostium insidias und mit schönen Responsen pro pace.

In der Abtei war dazumal ein Klostermönch, Bruder Jahn von Klopffleisch mit Namen, ein Wagherz, jung, rüstig, wacker, wohlgemut, behend, keck, hitzig, lang und hager, mit gutem Maulwerk und fester Nas, ein tüchtiger Horahetzer, Vigilienbürster und Meßabzäumer: in Summa ein echter Mönch, so jemals einer, seit die mönchende Welt mit Mönchen bemönchelt gewesen, erfunden ward. Im übrigen ein Kreuzlateiner bis an die Zähne in Breviermaterien. Selbiger, als er den Lärm, den die Feinde in ihrem Weingarten machten, vernahm, lief aus, zu sehen, was los wär. Und als er sie fand, wie sie den Garten abernteten, daran ihr Tischtrunk des ganzen Jahrs hing, rannt' er wieder ins Chor der Kirche, wo die andern Mönch, schier verdutzt wie die Glockengießer, in einem fort Im-im-pe-e-e-e-e-e-tum, in-i-ni-mi-co-o-o-o-o-o-rum-um sangen, und rief: »Ich scheiß auf euer Gesings! Potz heiliger Gott, so singt doch lieber: Ade, ade Partie, der Wein der ist dahin! Ich sei des Teufels, wo sie nicht schon in unserm Garten sind und Stöck und Trauben so rein ausfegen, daß – bei des Herrn Leichnam! – in vier Jahren nix drin wird nachzubeeren sein. Ei, beim Sankt Jakobsränzl! Was sollen wir armen Teufel derweil trinken? O du mein Herr Gott da mihi potum!« – Da sprach der Prior des Klosters: »Was will doch der Trunkenbold hier! Man führ ihn gleich in Verwahrsam! Also die Handlung im Glauben zu stören!« – »Mitnichten«, antwortet' der Mönch, »die Wandlung der Trauben lasset uns vor Zerstörung schützen. Denn ihr, Herr Prior, trinkt selbst gern vom besten; und das tut jeder Ehrenmann; ein adlig Blut haßt nimmermehr den guten Wein, ist ein echtes Mönchswort. Aber diese Responsen, die ihr da singt, bei Gott die schicken sich jetzt schlecht. Warum sind unsre Horen zur Ernt- und Herbstzeit kurz, und um Advent und den ganzen Winter über so lang?

Bruder Matz Schlehdorn, dessen Seel Gott tröste, ein wahrer Eifrer für unsern Glauben, sagt' mir einst, ich entsinn mich noch wohl, die Ursach wär, daß wir um die Zeit den Wein fein einbringen sollten und warten, im Winter aber ihn saugen. So folgt mir denn, ihr Herrn, die ihr den Wein liebhabt, und beim Kreuz Gottes, mir nach! Denn Sankt Anton soll mich zu Kohlen brennen, wenn der von euch auch nur einen Tropfen sieht, der nicht die Reben wacker beschützt hat. Heilige Marter Gottes! Was? Das Kirchengut? Ha nein, nein, Teufel! Dafür ließ Sankt Thomas von Engelland sein Leben, und wenn ich's nun auch dafür ließ, würd ich nicht eben auch wie er ein Heiliger? Aber ich laß es darum noch nit, es sollen es für mich wohl andre lassen.«

Mit diesen Worten warf er sein weit Gewand ab und erwischt' den Kreuzstock, der von hartem Kernholz, lang wie ein Reisspieß, rund in der Faust, und hie und da mit halb erloschenen Lilien bemalt war. Also in Hosen und Wams fuhr er hinaus, hing seine Kutte als Schärpe um die Achsel und strich mit dem Kreuzstock haarscharf unter die Feinde, die ohn all Ordnung, Fahnen, Trommeln noch Drommeten im Garten den Wein abzwackten. Denn die Fähndrich und Bannerleut hatten ihre Banner und Fähnlein an die Mauern angelehnt, die Trommler ihre Trommeln oben entledert und mit Trauben geladen, und die Drommeten staken voller Beerenbüschel. Alles war in bunter Reih. Er aber stieß, ohne einmal Wer da! noch Kopf weg! zu rufen, so gröblich darunter, daß er sie links und rechts wie die Schweine niederdrosch nach der alten Parade. Etlichen zerrührt' er das Hirn, andern zerschmiß er Arm und Bein, andern versprengt' er die Wirbel im Hals, andern zermatscht' er die Weichen und Lenden, knickt' Nasen, bohrt' Augen auf, spaltet' Kiefern, schlug Zähn im Hals entzwei, zerknirscht' die Schulterblätter, zermalmt' die Schienbein, entheftelt' Hüften, barst Röhren. Wo einer sich unter die dichtesten Rebstöck verkriechen wollt', zerbläuet' er ihm das ganze Rückgrat und schlug ihn platt wie einen Frosch.

Wenn einer sich durch die Flucht retten wollt', gab er ihm eins aufs Hirn, daß ihm der Schädel in Stücke sprang. Wenn einer auf einen Baum stieg und dacht', er wär da sicher, spießt' er ihn mit seinem Stock von unten durch den Hintern auf.

Wenn einer von alter Kundschaft her ihm zuschrie: »Ha, mein Bruder Jahn, mein Freund, ich ergeb mich, Bruder Jahn!« – »Das mußt du wohl«, versetzt' er, »aber ergib nur auch deine Seel allen Teufeln!« Und gab ihm stracks den Nickfang. Und wo einer sich von Tollheit gar so weit verblenden ließ, daß er ihm offen hätt' trutzen wollen, da zeigt' er die Kraft seiner Muskelwülst und Fäust; denn Brust und Herz und Bauchfell durchrannt' er ihnen auf einen Stoß. Glaubt nur, es war das greulichste Spektakel, so je ersehen ward.

Etliche riefen Sankt Barbara, etliche den Ritter St. Jörgen, etliche Sankt Schonemein, andre unsre Liebfrauen von Cunault, von Laureto, von der guten Mär. Einige gelobten sich zum Sankt Jakob, andre zum heiligen Schweißtuch gen Chambrey (doch brannt' dies drei Monat hernach so glatt weg, daß man auch nicht ein Fäslein davon hat retten mögen), etliche gen Cadouin, andre zum Sankt Johann von Angely, und tausend andern guten kleinen Heiligenmännlein. Etliche starben, ohne zu sprechen, andre sprachen, ohne zu sterben; etliche starben sprechend, andre sprachen sterbend. Welche schrien mit lauter Stimm: »Beicht! Beicht! confiteor, miserere! In manus,« Es war ein solch Geschrei der Zermetzelten, daß der Prior des Klosters mit all seinen Mönchen selbst hinauszog; und als sie die armen Leut im Garten so tödlich blessiert und zerbläuet sahen, hörten sie ihrer etlich die Beicht ab. Während aber die Priester sich mit Beichten Zeit und Weil vertrieben, liefen die kleinen Mönchlein dahin, wo Bruder Jahn war, und fragten ihn, worin sie ihm behilflich sein könnten.

Da befahl er ihnen, alle die abzumurxen, die auf der Erd lägen. Worauf sie ihre großen Kutten auf den nächsten Rebhalter warfen und stracks anhuben, die von ihm bereits Zerbläuten vollends zu würgen und abzutun. Und wißt ihr auch mit was für G'wehr? Mit saubern Kneiflein: das sind die kleinen Taschenmesser, womit die Kinder bei uns zu Land die Nüß schälen. Hierauf pflanzt' er sich mit seinem Kreuzstock in die Bresch, die der Feind gemacht hatt'. Und wie die, so gebeichtet hatten, durch selbige Bresch davonziehen wollten, drosch sie der Mönch mit Streichen darnieder und sprach dabei: »Die haben gebeichtet und bereuet und haben den Ablaß davon; sie fahren grad wie eine Sichel gen Himmel.« Also ward dann durch seine Mannheit der ganze Heereshaufen erlegt, der in den Garten eingefallen, an 13622, ohne Weiber und kleine Kinder, wie sich allzeit von selbst versteht. Nimmer hat sich der Klausner Maugis mit seinem Pilgerstab so tapfer wider die Sarazenen gehalten, von denen man in den Geschichten der vier Haimonskinder liest, als unser Mönch mit seinem Kreuzstock wider die Klosterfeind hantierte.

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