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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Neunzehntes Kapitel

Wie zwischen den Weckenbäckern von Lerné und des Gargantuas Landsleuten der große Streit entstund, daraus ein schwerer Krieg erwuchs

Zu selbiger Zeit – es war um die Weinlese und Herbsten Anfang – hüteten die Hirten des Landes draußen die Reben, auf daß die Stare die Trauben nicht fräßen. Um die Zeit kamen die Weckenbäcker von Lerné mit zehn bis zwölf Karrenlasten Wecken, die sie zur Stadt führen wollten, den großen Heerweg dahergefahren. Gedachte Hirten nun baten sie bescheidentlich, ihnen für ihr Geld davon nach dem Marktpreis etliche abzustehen. Denn ihr sollt wissen, daß es zum Frühstück ein recht himmlisch Futter ist: frische Wecken mit Trauben, zumal zu den Zirbeln, Knusseln, Muskateller, Spantrauben und dem Rumor, wenn einer etwa verstopften Leibes ist; denn sie treiben's einen Knebelspieß lang, und oft, wenn du denkst ein Fürzlein zu lassen, fällt noch was anderes hervor; daher man sie nur die Weinbergsdenker heißet. Ihrem Begehren aber wollten die Weckenbäcker keineswegs willfahren, ja (was noch ärger war) schimpften sie auch noch gröblich aus und schalten sie Breitmäuler, fratzige Rotköpf, Zähnklaffer, Schabkrätzer, Bettseicher, Duckmäuser, Tagedieb, Schlecker, grobe Hachen, Taugenix, Lümmel, Schwengel, Brockenschnapper, Leutfopper, saubere Ziemer, Lappscheißer, Haderlumpen, Mollköpf, Knollfinken, Hundstaschen, Hetzenschwätzer, Hanswurst, Kuhfläder, Dreckhirten, und noch mehr dergleichen ehrenrührige Wort; und sagten ihnen dabei, sie wären nicht wert, solch edle Wecken zu fressen, sondern grob Kleienbrot tät's ihnen auch. Auf solchen Unbill trat einer von ihnen, namens Forgier, ein wohlgestalter wackrer Mann und schmucker Junggesell, herfür und antwortet' ihnen sänftlich: »Ei, seit wann sind euch die Hörner g'schossen, daß ihr so bockstolz worden seid? Ihr pflegtet's doch sonst uns gern zu geben, und jetzt weigert ihr euch? Das ist nicht nachbarlich, und wir machen's nicht also, wenn ihr bei uns die gute Frucht holt zu euren Fladen und Butterwecken. Man hätt' euch von unsern Trauben wohl noch obendrein in Kauf gegeben. Aber bei dem heiligen Kindsdreck! Es kann euch gereuen, und kann sich noch schicken, daß ihr einmal mit uns zu tun kriegt; so wollen wir euch mit gleicher Münz beschlagen, und da gedenket dran.« – Darauf fing Marcket, Großknüttelführer der Weckenbrüderschaft, an und sprach zu ihm: »Wahrlich, du machst dich mächtig patzig diesen Morgen; hast nächten g'wiß zuviel Hirsbrei gessen. Komm her, komm her, ich will dir von meinen Wecken reichen.« – Da trat Forgier in aller Einfalt zu ihm hin und zog einen Dreier aus seinem Leibgurt, vermeinend, Marcket sollt' ihm von seinen Wecken auftun. Aber er gab ihm mit seiner Geißel ein so saftiges um die Bein, daß die Knoten sich abdrückten, und nahm flugs reißaus, und wollt davonfliehn. Aber Forgier schrie Zeter mordio was er konnt', und warf ihm zugleich einen dicken Knüppel nach, den er unter dem Arm trug, womit er ihn über der rechten Schläfe so gründlich traf, daß Marcket von der Mähren fiel und mehr einem toten Menschen glich als einem lebendigen.

Mittlerweile liefen die Meier, die da herum Nüß brachen, mit ihren langen Bengeln herbei und droschen diese Weckenbäcker wie grünes Sommerkorn zusammen. Desgleichen kamen die andern Hirten und Hirtinnen auf des Forgier Geschrei mit ihren Schleudern und Schlingen und sausten mit großen Wackensteinen so haarscharf hinter ihnen drein, daß man vermeint', es hagelt'. Holten sie endlich ein und nahmen von ihren Wecken ohngefähr vier bis fünf Dutzend, zahlten's ihnen jedoch nach dem gebräuchlichen Anschlag und schenkten ihnen noch dazu einhundert Wallnüß und drei Korb Gutedel. Darnach halfen die Weckner dem Marcket wieder auf seine alte Stute, denn er war schmählich blessiert, und kehrten wieder heim gen Lerné, ließen den Weg auf Pareillé für diesmal liegen, schwuren aber hoch und teuer und bedräuten alle Hirten, Schäfer und Meier von Seuillé und von Sinays schwer. Als dies vollbracht war, ließen sich's die Hirten und Hirtinnen bei den Wecken und edeln Trauben trefflich wohl sein, schwenkten sich nach der muntern Bockspfeif miteinander im Kreis herum und spotteten der großmauligen Herren Weckenritter, daß es ihnen so übel ergangen, weil sie sich nicht mit der guten Hand frühmorgens das Kreuz gesegnet hätten. Und sie wuschen dem Forgier mit Traubensaft so säuberlich die wunden Bein, daß er bald heil ward.

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