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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 204
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Einundvierzigstes Kapitel

Wie Bakbuk das Flaschenwort interpretiert

Hierauf warf Bakbuk wieder in den Brunnentrog ich weiß nicht was, wovon des Wassers Wallen schnell sich legte, und führt' Panurg in den mittleren Raum des großen Tempels, wo der Brunnen des Lebens stand. Nahm da ein dickes silbernes Buch in Figur eines guten Schoppens, schöpfte ihm damit aus dem Brunnen und sprach zu ihm: »Die Philosophen, Doktoren und Prediger Euerer Welt speisen Euch mit schönen Wörtlein durch die Ohren. Wir hier zu Land einverleiben uns unsre Lehren leibhaftig durch den Mund; drum sag ich nicht zu Euch: lest dies Kapitel, merkt diese Glosse; ich sag Euch: schmecket dies Kapitel; schluckt diese Glosse! Vor Zeiten aß ein alter Seher der jüdischen Nation ein Buch und ward zum Doktor bis an die Zähne. Ihr sollt mir eins trinken und bis in die Leber zum Doktor werden. So kommt und tut die Kiefern auf!« Wie nun Panurg den Schlund weit aufriß, nahm sie ihr silbern Buch; wir sahen's auch wirklich für ein Buch an, denn nach der Figur war es gestaltet wie ein Brevier, war aber nichts als in der Tat ein ganz natürliches Feldfläschlein voll Falernerweins, das sie Panurgen bis auf den Boden ausschlucken ließ.

»Seht«, sprach Panurg, »dies Kraftkapitel, seht diese höchst authentische Glosse! Und ist dies alles, was das Wort der heiligen Flasche mir rät? Da komm' ich wahrlich schön an!« – »Nichts weiter«, sprach die Priesterin, »denn ›Trink‹ ist ein bei allen Völkern verehrtes und verstandenes Wort; es bedeutet: du sollst zechen! Ihr in Eurer Welt sagt, das Wort Sack sei allen Sprachen gleich gemein, mit Fug und Recht von allen Völkern angenommen, weil jeder Mensch mit einem Sack am Hals zur Welt kommt als ein geborener Hungerleider, und einer beim andern betteln muß. Es ist kein König unter der Sonnen so mächtig, daß er andrer Leut entbehren könnt', kein armer Mann so bettelstolz, daß er der Reichen entraten möchte. Immer kann man noch leichter einen Sack entbehren als Trinken; und behaupten wir: nicht Lachen, sondern Trinken ist des Menschen Vorrecht; nicht das Trinken schlechthin an sich, denn auch das Vieh trinkt, sondern Wein trinken, alten, guten und kühlen Wein. Merkt, lieben Freunde! Alle Weissagung ist Wein-Sag' aus Weinsaugung entquollen. Nichts, kein Argument, kein Schluß ist so unfehlbar, keine Seherweisheit auf Erden minder trüglich. Eure Akademiker wußten's wohl, wenn sie die Herkunft des Weins gleichsam von vis, Kraft, Macht ableiten; denn die Macht hat er, mit aller Wahrheit, aller Weisheit und Wissenschaft, die Seelen zu erfüllen. Wenn Ihr über unsrer Tempeltür die ionische Schrift beherziget, habt Ihr daraus ersehen können, daß im Wein Wahrheit verborgen ist. Die göttliche Flasche verweiset Euch hierauf: seid Ihr selber nun Eures Beginnens Zeichendeuter.« – »Unmöglich«, sprach Panurg, »kann man doch bessere Reden führen als hier diese würdige Priesterin. – Hab' ich's Euch nicht zuvor gesagt, als Ihr das erstemal mich fruget? Wohlan, so trink! Was sagt Euch nun das Herz, von Bacchus' Wut erfaßt?

Sauft und ruft: Bacchus soll leben!
Vivat! Und das Weib daneben,
Das gar bald mir unterliegt,
Und den Saft
Meiner Kraft
Durch und durch zu spüren kriegt.

Ja, mein Herz riecht in der Luft
Schon des Hochzeitsschmauses Dampf
Und ich weiß: zum Liebeskampf
Und zum Bürzelzeitvertreib
Kommt mein Weib
Immer, wenn Panurg sie ruft.

Duliöh! Als Ehemann,
Wohlgenährt,
Im Bett bewährt
Leb ich dann! Jo Päan!
Glaub mir, liebster Bruder Jahn,
Dies Orakel trügt mitnichten,
Prost! nach dem wölln wir uns richten!«

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