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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 201
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtunddreissigstes Kapitel

Wie uns die Priesterin Bakbuk im Tempel einen phantastischen Brunnen zeigte, und wie des Brunnens Wasser den Trinkern in ihrer Einbildung nach Wein schmeckte

Während wir diesen Wundertempel noch entzückt beschauten, siehe, da trat uns die würdige Priesterin Bakbuk, heiter lächelnden Angesichts, mit ihrer Dienerschar entgegen und führte uns unschwer, weil sie uns beschriebenermaßen ausstaffiert sah, in des Tempels mittleren Raum, wo der schöne phantastische Brunnen war; sie ließ uns Humpen, Schalen, Becher von Gold, Kristall und Silber reichen, und wir wurden höflich eingeladen, vom Wasser, das dem Brunnen entquoll, zu trinken. Das taten wir auch gerne, denn in Form eines Säulenflusses fanden wir einen phantastischen Brunnen von rarer, herrlicher, wunderbarer Arbeit. – Hierauf befahl Bakbuk, daß man uns zu trinken brächte.

Denn frei heraus euch zu gestehn, wir sind nicht von dem Kalbsgelichter wie die Spatzen, die nicht fressen, bis man ihnen die Schwänzlein streicht, auch weder essen noch trinken mögen, es sei denn, man treibt's ihnen mit Keulen ein; nie geben wir einer Seele den Korb, die uns zum Trinken höflich einlädt. – Darauf befrug uns Bakbuk, was uns dazu bedünke. Wir gaben ihr zur Antwort, es bedünkte uns wie gutes frisches Brunnenwasser. – »Ha ha!« rief Bakbuk, »nun dies heiß ich schlecht Achtung geben; ei wie wenig merkt ihr auf die Bewegungen der Zungenmuskeln, wenn das Trinken darüber in den Magen rinnt! Sagt, habt ihr fremden Leutlein denn verpichte Gaumen, tragt ihr sie verfuttert und verpelzt, daß ihr den wahren Würzgeschmack und Duft von diesem Göttersaft nicht spürt noch anerkennt? Jetzt bringt mir gleich«, sprach sie zu ihrer Zofenschar, »mein Striegelzeug her, damit wir ihnen die Schlünde ausfegen und bürsten können!« – Alsobald erschienen schöne, feiste, stolze Schinken, schöne, feiste, stolze Rauchzungen, gute stattliche Speckseiten, Hirn- und Haderwürste, gute herrliche Wildbret-Pasteten und solcher Kehl-Schlotfeger mehr; da aßen wir auf ihr Gebot so lang, bis wir bekennen mußten, daß unsre Mägen trefflich wohl gestriegelt wären, bis auf den Durst, der uns äußerst beschwerlich fiel. Da sprach sie zu uns: »Einst erhielt ein weiser, tapfrer Juden-Feldherr, als er sein ausgehungertes Volk durch die Wüsten führte, das Manna vom Himmel, welches ihnen in ihren Gedanken so wie ihr voriges Futter in Wahrheit schmeckte. So werdet nun auch ihr, wenn ihr den Wundertrank hier schlürft, den Schmack desselben Weins verspüren, den ihr euch eben denkt. Wohlan! So denkt und trinkt!« – Gesagt, getan. Worauf Panurg laut rief: »Bei Gott! Dies ist der allerbeste Beaune, den ich noch je getrunken hab', oder ich laß mich von neun Dutzend Teufeln holen; oh, wer doch, um ihn nur recht lang zu schmecken, gleich einen Hals von drei Ellen hätte, oder wenigstens einen Kranichhals!«

»Auf Laternenehr!« schrie Bruder Jahn, »'s ist griech'scher Wein; das saust und braust! Um Gottes willen, Freundin, lehrt mich die Kunst, wie Ihr den macht.« – »Mir«, sprach Pantagruel, »schmeckt er wie Mireveauer; denn vor dem Trinken dachte ich an den. Es fehlt ihm nichts, als daß er kühl ist, kühler wahrlich als eiskühl.« – »Trinkt nur«, sprach Bakbuk, »immer wieder, ein-, zwei-, dreimal und denkt euch immer dabei was anders; immer wird es derselbe Trank und Saft sein, den ihr gedacht habt; und nun sagt mir hinfür nur noch, daß bei Gott ein Ding unmöglich sei.« – »Ei«, sprach ich, »das haben wir auch noch nicht gesagt, denn wir behaupten, er ist allmächtig.«

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