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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 194
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Einunddreissigstes Kapitel

Wie wir zu dem Orakel der Flasche kamen

Unter fröhlichem Schein und Fürtritt unsrer edeln Frau Latern kamen wir zu dem ersehnten Eiland, wo das Flaschenorakel war. Panurg drehte sich zum Willkomm munter auf einem Bein in der Luft herum und sprach zu Pantagruel: »Endlich haben wir's heut, was wir mit so viel Müh und Plagen suchen!« – Dann befahl er sich höflich unsrer Latern, die uns die beste Hoffnung gab und uns, was auch erscheinen möchte, vor nichts zu fürchten anbefahl.

Auf unserm Weg zum göttlichen Boutelgentempel mußten wir durch einen großen Weinberg wandern von Reben aller Art, Falerner, Malvasier, Muskateller und andrer; diesen Weinberg hatte einst Bacchus selbst gepflanzt und dergestalt gesegnet, daß er zu allen Jahreszeiten Blätter, Blüten und Früchte trug, wie die Orangenbäume. Auf Befehl unsrer Prachtlatern mußten wir jeder drei Weinbeeren essen, unsre Schuhe mit Weinlaub füllen und einen grünen Zweig in die linke Hand nehmen. Am Ende des Weinbergs kamen wir durch einen alten Siegesbogen, woran sehr artige Trophäen der Zecher inskulpieret waren, nämlich Flaschen, Trichter, Schläuche, Fiolen, Eimer, Ohmen, Schoppen, Schöppel, altertümliche Fäßlein an einem schattigen Laubgurt hangend; in einer andern Knoblauch, Zwiebeln die Hülle und Fülle, Schalotten, Schinken, geräucherte Ochsenzungen, alter Käs und solch Konfekt die Menge, mit Weinlaub geschickt durchflochten und in Ranken sehr künstlich bündelweis verschnürt. In einer dritten hundert Sorten Gläser zu Fuß, und Gläser zu Roß, Kufen, Schalen, Humpen, Näpfe, Becher, Stiefel und mehr derlei bacchantisches Geschütz. Vorn an der Front des Bogens unter dem Fries standen die beiden Verslein angeschrieben:

Wer über diese Schwellen tritt,
Der bring ein gut Laternlein mit.

»Damit sind wir versehen«, sprach Pantagruel; »in ganz Laternien muß keine beßre, himmlischere Latern als unsre sein!« – Der Bogen führte uns in einen schönen hohen Laubengang von lauter Reben, die voller Trauben von viel hundert verschiedenen Farben und Formen hingen, nicht von Natur so, sondern durch die Kunst der Feldwirtschaft erzielt; gelb, blau, braun, lohfahl, weiß, schwarz, grün, azurn, violett, bunt, rund, gestreift, gesprenkelt, länglich, zackig, buschbartig, hodenknotenartig. Den Grund des Laubenganges schlossen drei alte Efeustämme, frisch grünend und voller Träublein. Davon mußten wir uns jeder auf Befehl unsrer erlauchtigsten Latern einen Albanischen Spitzhut machen und ganz damit das Haupt bedecken. Was auch sofort geschah. – »Wohl schwerlich«, sprach hier Pantagruel, »wär weiland Jupiters Priesterin durch dieses Rebdach mit gegangen?« – »Ihr Grund«, sprach unsre strahlende Latern, »war mystisch; denn sie hätte, wenn sie hiedurch gegangen wär, den Wein (die Trauben nämlich) überm Haupt gehabt und wäre von dem Wein gleichsam beherrscht und bemeistert erschienen; die Priester aber und wer nach göttlicher Erkenntnis strebt, soll den Geist ganz still und unverwirrt durch Sinnenstörung sich erhalten und wahren: welche Störung die Trunkenheit viel deutlicher als jede andre Leidenschaft, wie sie auch heiße, offenbart.

Auch würdet ihr, die ihr hiedurch gegangen seid, den göttlichen Flaschentempel nimmer schauen, wenn nicht die edle Priesterin Bakbuk das Weinlaub in euern Schuhen säh; dies aber ist ein offenbares Merkmal, daß ihr den Wein verachtet, ihn euch unterwerft und mit Füßen tretet.« – »Ich bin«, sprach Bruder Jahn, »zwar kein Studierter, was mir leid ist, aber aus meinem Brevier erseh ich doch, daß in der Apokalypse ein wunderlich Weib am Himmel erschienen ist, die mit den Füßen auf dem Mond stand, was, wie mir gesagt wurde, bedeuten soll, daß sie nicht von der andern Weiber Art wär, die den Mond gemeinlich umgekehrt in den Köpfen haben, mithin stets mondhirnig und mondsüchtig sind. Deshalb bin ich sehr geneigt, Euch zu glauben, Frau Latern, mein Schatz.«

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