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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Sechzehntes Kapitel

Von des Gargantua Studien unter seinen sophistischen Lehrern

Nachdem die ersten Tag also verbracht und die Glocken an ihren Ort gebracht waren, erboten sich die Pariser aus Dankbarkeit für solche Großmut, seine Mähre, so lange er wollt', zu unterhalten und zu ernähren, welches er auch gern geschehn ließ. Sie schickten sie in den Forst von Biere auf die Weid. Ich glaub, jetzt ist sie nicht mehr da.

Darnach wollt' er mit aller Macht nach Ponokrates' Anweisung studieren lernen. Dieser aber verordnet', daß er fürs erste noch bei seiner alten Weis und Gewohnheit bleiben sollt', damit man dahinter kommen möcht', durch welch Verfahren ihn seine alten Lehrmeister in so langer Zeit so gar unwissend blöd und damisch gemacht hätten. Also teilt' er seine Zeit dergestalt ein, daß er für gewöhnlich zwischen acht und neun sich ermuntert', es mocht nun Tag sein oder nicht. Darauf strampelt', wälzt' und sielt' er sich eine Zeitlang im Bett herum zur Erfrischung seiner Lebensgeister und kleidet' sich nach der Jahreszeit an: doch trug er gern einen langen großen Rock von dickem Fries mit Füchsen gefüttert. Darauf strählt' er sich mit dem Schwäbischen Kamm, das sind die vier Finger und der Daumen. Denn seine Lehrer pflegten zu sagen, wer anders sich strählt', wüsch' oder säubert', verdürb die Zeit nur in dieser Welt.

Darauf schiß er, pißt' er, kotzt' er, rülpst' er, furzt' er, spie er, hustet', räuspert', niest' und rotzt' wie ein Archidiakonus und frühstückt' – den bösen Tau und Nebel zu legen – feinen Rostbraten, schöne Bratkutteln, schöne Schinken, leckre Rebhuhntunken und Frühsuppen vollauf. Ponokrates verwies ihm zwar, so jählings vom Bett weg zu füttern, eh er zuvor ein Übung gehabt hätt'. »Ei was Übung!« antwortete ihm Gargantua, »hab' ich nicht Übung genug gehabt? Ich hab, eh ich aufstund, sechs bis sieben Gänge im Bett herum turniert: ist das nicht genug? Papst Alexander tat es auch so, nach dem Rat seines jüdischen Arztes, und lebt', bis er starb, seinen Neidern zu Leid. Meine ersten Meister haben mich dran gewöhnt und gesagt, das Frühstücken mach ein gut Gedächtnis, tranken derhalb auch immer vorweg. Ich befind mich gar wohl dabei, ich speis' nur desto besser drauf zu Mittag.«

Als er nach allem Vorteil nun wohl gefrühstückt, ging er zur Kirchen, und trug man ihm in einem großen Korb ein dick verpantoffelt Brevierbuch nach, das wog im Schmeer, Klausuren und Pergament elf Zentner sechs Pfund, was weniges darunter oder drüber, da hört' er dann etwa sechsundzwanzig bis dreißig Messen. Inzwischen kam sein Kaplan auf den Platz, in seiner Kapuze steckend wie ein Wiedehopf, auch seinen Atem mit Weinbeersirup geziemendlich balsamiert. Mit dem mämmelt' er all sein Kyrieleisli und körnt' sie so sorgsam aus, daß auch nicht ein einzigs Sämlein davon zur Erden fiel. Wann er dann wieder aus der Kirch ging, führt' man ihm auf einer Ochsenschleif einen großen Rosenkranz von Sankt Claudi nach, jedwede Kugel dran so schwer als ein Kinderkopf. Damit ging er im Kloster, im Kreuzgang oder im Garten auf und ab, und betet' ihrer mehr denn sechzehn Klausner an den Fingern herunter.

Darnach studiert' er ein leidig halb Stündlein, die Augen starr auf sein Buch gerichtet, aber sein Seel (wie der Komikus sagt) war in der Küche.

Seicht' sodann ein Nachtgeschirr bis an den Rand voll und setzt' sich zu Tisch; und weil er phlegmatischer Natur war, fing er seine Mahlzeit mit etlichen Dutzend Schinken, geräucherten Ochsenzungen, Würsten und andern dergleichen Durstschürern an. Mittlerweil warfen ihm vier seiner Leut ohne Unterlaß einer nach dem andern Senf mit vollen Schaufeln ins Maul. Drauf tat er einen erschrecklichen Zug weißen Weins, um die Nieren zu kühlen. Aß dann, was just die Jahreszeit gab, so viel ihm beliebt', und hört' alsdann mit Essen auf, wann ihn der Bauch spannte. Im Trinken hatt' er kein Maß noch Regel; denn, sagt er, des Trinkens Schrank und Ziel wär, wenn des trinkenden Kerls Korksohle in den Pantoffeln um einen halben Schuh auflief und in die Höhe schwöll.

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