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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 182
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Neunzehntes Kapitel

Wie sich die Königin nachmittags die Zeit vertrieb

Nach aufgehobener Mittagstafel führte uns ein Trabant in den Saal der Dame, wo wir sahen, wie sie ihrer Gewohnheit nach mit ihren Zofen und Kammerherrn nach Tisch die Zeit vertrieb, zerkrümelte, tot- und durchschlug durch ein hübsches, großes Filtriersäcklein von blau und weißer Seide. Dann taten sie sich zu altgriechischen Tänzen aller Art zusammen.

Hernach besichtigten wir den Palast auf ihr Geheiß und sahen da so unerhörte Wunderdinge, daß ich, wenn ich nur daran denke, im Geist noch ganz verzückt bin. Nichts aber überwältigte uns die Sinne so mit Staunen wie die Taten ihrer Kavaliere, die uns frei heraus und unumwunden versicherten, daß ihre Frau Königin immer nur die rein unmöglichen Dinge vollbrächte und die unheilbaren Kranken heilte; sie, ihre Diener, täten und kurierten dann das übrige.

So sah ich einen jungen Schwertträger die Syphilis, und zwar von allerfeinster Sorte, bloß damit heilen, daß er den zahnförmigen Rückenwirbel des Kranken mit einem alten Pantoffel dreimal betupfte.

Einen andern sah ich Wassersüchtige, Trommelsüchtige- und dergleichen gründlich dadurch heilen, daß er sie mit einer Wurzel neunmal auf die Bäuche hieb, und zwar hintereinander.

Ein andrer heilte alle Fieberkranken augenblicklich mit einem Fuchsschwanz, den er ihnen bloß linkerhand an den Gürtel hing.

Ein andrer Zahnweh bloß mittels dreimal wiederholter Waschung der Wurzel des kranken Zahns in Holunderessig; er ließ ihn dann eine halbe Stunde an der Sonne trocknen.

Ein andrer alle Arten Gicht, kalt, warm, zufällig oder erblich, bloß damit, daß er den Patienten die Mäuler zu und die Augen aufsperrt'.

Einen andern sah ich in wenig Stunden neun gute junge Edelleute vom Überfluß an Geldmangel heilen, indem er sie ganz schuldenfrei machte und jedem eine Schnur um den Hals band, daran zehntausend Sonnentaler in einem Büchslein befestigt waren.

Ein andrer schmiß mit wunderbarem Geschick die Häuser zum Fenster 'raus und lüftete sie so gründlich aus.

Ein andrer heilte alle drei Arten der Schwindsucht bloß damit, daß er seine Kranken auf drei Monate ins Kloster schickte, und er schwur mir, daß sie, wenn sie auch im Klosterleben kein Fett ansetzten, gar nimmer fett zu machen wären, weder durch Kunst noch durch Natur.

Dann sah ich wieder einen, den umringte ein großer Haufen Weiber in zwei Banden. Die einen waren junge, dralle, holde, blonde, zarte und, wie mir schien, gutwillige galante Mädel; die andern alte, runzlige, triefäugige, zahnlose, verweste Vetteln. Und da erfuhr Pantagruel, daß er die Alten einschmölze und durch seine Kunst sie so verjünge und wieder herstelle wie die Maidlein, die wir da sähen, die er heut erst umgeschmolzen und ihnen zu derselben Schönheit, Figur, Statur, Anmutigkeit und Proportion verholfen habe, wie sie mit fünfzehn oder sechzehn Jahren hatten, nur mit Ausnahme der Fersen, die jetzt weit kürzer blieben, als sie vormals in ihrer Jugend gewesen wären.

Dies sei auch die Ursache, daß sie von nun an leider allzu leicht, sowie sie nur ein Mannsbild anstieß, auf den Rücken zu fallen geneigt seien. – Pantagruel frug, ob er auch die alten Männer durch Einschmelzung verjünge. – »Nein«, sprach er, »dies muß durch Beiwohnung geschehn mit einer umgeschmolznen Frau; denn davon kriegt man den fünften Grad der Franzosenkrankheit, genannt die Fuchsmaus, mittels der Haut und Haar, wie bei den Schlangen jährlich, abgehn; und so werden sie wie der Vogel Phönix wieder zu jungen Leuten geboren.« Dies ist der wahre Jugendbronnen; da wird jeder alte Krüppel flugs jung, frisch, munter!

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