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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 181
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtzehntes Kapitel

Wie die Quintessenz ihre Kranken mit Liedlein heilte

In der zweiten Galerie wies uns der Hauptmann die junge Dame, obwohl sie mindestens schon 1800 Jahre zählte, schön, galant, stolz angetan, inmitten ihrer Kammerzofen und Kavaliere. Dann sprach der Hauptmann zu uns: »Jetzt ist's nicht Zeit, sie anzureden; bleibt nur fein still und merkt auf alles, was sie tut. Bei euch habt ihr in manchen Landen Könige, die euch geheimnisvoll durch bloßes Handauflegen von allerlei Gebrechen heilen, als da sind: Kröpfe, fallende Sucht, Wechselfieber. Unsre Königin heilt jede Krankheit, ohne daß sie die Kranken anrührt, sondern spielt ihnen nur, je nach Beschaffenheit ihrer Übel, ein Liedlein vor.« – Er wies uns dann auch die Orgel, auf welcher sie die wunderbaren Kuren verrichtet. Die war von ganz besondrer Art: die Pfeifen nämlich aus Tamarindenholz, die Windlade aus Franzosenholz, die Tasten aus Rhabarber, das Pedal aus Purgierstangen und das Klavier aus Scammonium.Starkes Abführmittel.

Während wir noch dies neue Wunder von Orgelwerk betrachteten, da führten ihre Abstraktoren, Vorkauer, Köche, Kammerherrn, Herzöge, Oberkämmerer, Präfekten, Weissager und Sterndeuter und andres Hofgesind die Aussätzigen ein; sie spielten ihnen ein Liedlein, ich weiß nicht wie's ging, und plötzlich waren sie vollkommen genesen. Dann kamen die Vergifteten; ein andres Liedlein – und die Leute hüpften frisch wie die Fische; darnach die Blinden, Tauben, Stummen, mit denen es gerad so ging. Was uns, nicht mit Unrecht, dermaßen wundernahm, daß wir zu Boden fielen, vor Ekstase und überschwenglicher Verzückung in staunender Betrachtung der Tugenden, die wir der Dame entquellen sahen. Auch nicht ein Wörtlein vorzubringen vermochten wir und blieben so im Staube liegen. Bis sie mit einem schönen Strauß von edeln Rosen, den sie trug, Pantagruel berührte, ihn auf die Beine und uns zur Besinnung brachte. Worauf sie dann in wunderbar gesetzten Worten zu uns sprach wie folgt:

»Die in eurer Erscheinung funkelnde Ehrlichkeit eurer Person ist mir ein sichres Merkmal der im Kerne eurer Seelen tief verborgnen Tugenden und bewegt mich in Betracht der honiggleichen Süßigkeit eurer beredten Verneigungen, unschwer zu glauben: euer Herz sei rein von allen Lastern wie von jedem Mißwachs liberaler und hocherhabner Wissenschaft; vielmehr an vielen auserlesnen und seltnen Künsten hoch überquellend, dergleichen man in unserm Säkulum, den Sitten des unverständigen Haufens nach, wohl eher wünschen als finden kann. Derhalb denn ich, wiewohl vorlängst aller besondern Affektion obsiegend, mich jetzt nicht entbrechen kann, euch das gemeine, verbrauchte Pöbelwort der Welt: Seid schön, zum schönsten, ja allerschönsten willkommen! hiemit zuzurufen.« –

»Du, ich bin kein Studierter!« sprach heimlich Panurg zu mir, »antwort ihr doch, wenn du willst.« – Aber ich antwortete auch nicht, Pantagruel desgleichen nicht, wir blieben alle stockstumm. Da sprach die Königin: »Aus dieser eurer Schweigsamkeit erkenn' ich nicht nur, daß ihr aus den Schulen des Pythagoras abstammt, in welchen Wurzel treibend meiner Ahnherrn alter Stammbaum in sukzessivischer Fortpflanzung entsprossen, sondern daß ihr auch in Ägypten, der verborgensten Philosophie berühmter Werkstatt, seit manches Monds Rückläufigkeit euch die Nägel zerkaut und mit einem Finger stark auf den Köpfen gekrauet habt. In des Pythagoras Schulen war Stummheit des Wissens Symbol, und unter den Ägyptiern galt Schweigen für ein göttliches Lob; wie dann in Hieropolis die Priester ihrem großen Gotte stillschweigend opferten, ohne alles Geräusch oder lautes Wort. Mein Vorsatz ist: gegen euch nicht Privation des Dankes zu verschulden, sondern mittels lebendiger Förmlichkeit, und wenn auch die Materie gleich sich von mir abstrahieren wollte, euch meine Gedanken zu exzentrieren.«

Nach diesen Reden richtete sie das Wort an ihre Kämmerlinge und sprach zu ihnen weiter nichts als: »Leibköche, die Panacée!« Auf dieses Wort ersuchten uns diese, Ihre Hoheit zu entschuldigen, wenn wir nicht bei ihr zur Tafel kämen, weil sie zum Mittagsbrot nichts äße als etliche Kategorias, Emnin, Dimion, Intentiones secundas, Abstractiones, Jekabot, Harborin, Chelimin, Karadoth, Antitheses, Metempsychoses und Prolepses transzendentales.Philosophische Begriffe, z. T. aus dem Hebräischen.

Darauf führten sie uns in ein kleineres Gemach, wo wir aufs köstlichste bewirtet wurden. Man sagt, daß Jupiter auf das Fell der Ziege, die ihn einst säugte, alles, was in der Welt geschieht, aufschreibe. Nun denn, ihr Zecher und lieben Freunde, dies schwör' ich euch bei meinem Bart: auf achtzehn Geißhäute brächt' man nicht all die guten Bissen und Zwischenessen, die man da auftrug, den stolzen Schmaus, der uns zuteil wurde, und wenn man auch so kleine Lettern dazu nähme, als sie Cicero bei der Ilias des Homer gesehen haben will, die in eine Nußschale hineinging. Und Pantagruel sprach zu mir, soviel er bemerke, hätte wohl die Dame, als sie vorhin zu ihren Leibköchen sprach: ›Die Panacée‹, damit diesen köstlichen Schmaus als das wahre Allheilmittel gemeint.

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