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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 177
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Vierzehntes Kapitel

Wie Bruder Jahn Kopffleisch die Katzenbälger zusammenzuhauen gesonnen war

»Aber, in aller Kutten Namen!« rief Bruder Jahn, »was ist denn das für eine Reise, die wir da tun? Eine rechte Hosenscheißerreise! Blitz! Das ist wider meine Natur. Wenn ich nicht stets einen Heldenstreich, ein großes Werk vollführ', kann ich des Nachts nicht schlafen. Habt ihr mich nur darum zur Gesellschaft mit auf Reisen genommen, um Messe zu lesen und Beicht zu hören? Ich bin kein Studierter, doch die Studierten haben mir von Herkules erzählt. Nach seinem Vorbild laßt uns all diese schändlichen Katzenbälger erwürgen und zusammenhauen, die Teufelsbraten, und dies Land von aller Tyrannei befreien. Na, solln wir? Ich versichre euch, wir ermurksen sie ganz leicht; sie stecken's auch zweifelsohne geduldig ein. Denn sie haben doch mehr Schimpf und Spott geduldig von uns eingesteckt, als zwanzig Säue Spülicht söffen. Auf, also!«

»Gott hat«, sprach Panurg, »uns die besondre Gnade erzeigt, aus ihren Klaun uns zu erlösen; da komm' ich nicht noch einmal hin, was mich betrifft. Ich bin vor Angst, die ich da ausgestanden hab', noch ganz verstört und außer mir; es hat mich schwer verdrossen, aus drei Gründen: fürs erste, weil mich's verdrossen hat; fürs zweite, weil mich's verdrossen hat; fürs dritte, weil mich's verdrossen hat. Horch auf jetzt, Jahn, mit dem rechten Ohr, du mein süßer Hodenloddel! Sooft du zu allen Teufeln fahren willst vor den Stuhl der Totenrichter, bin ich dein unzertrennlicher Genoß, will Styx, Cocytus, Acheron mit dir passieren, mich in den Fluten Lethes besaufen, auf Charons Kahn das Fährgeld für uns beide entrichten. Aber wieder nach Verwahrsam? Da such dir einen andern Gesellen! Mich kriegst du nicht; da bleib' ich von; dies Wort sei dir 'ne eherne Mauer. Wenn man mich bei den Haaren nicht hinschleppt und schleift, komm'ich, solang ich dies Leben hab', so wenig hin wie der Mond zur Sonne.«

»Ho ho!« sprach Jahn, »du wackres Herz und lahmer Hände Spießgesell, jetzt her zu mir! Ich hab' mit dir ein Ei zu schälen, mein feiner Herr. Wie kam's, und was bewog Euch doch, gleich sackweis mit harten Talern drunter zu feuern? Haben wir's etwa wie Heu? He? Hätten's nicht ein paar schäbige Batzen auch getan?« – »Weil«, antwortete ihm Planurg, »der Krellhinz bei jedem dritten Wort seinen samtenen Schnappsack aufhielt und immer ›Gelt her! Gelt her!‹ rief, draus schloß ich, man würd' uns wohl frei ausgehn lassen, wenn ich ihnen Gelt hin, Gelt hin würf, Gelt in Gottes und aller Teufels Namen! Denn so ein samtener Schnappsack ist doch kein Reliquienschächtelchen für Batzen und kleine Münzen; das ist ein Hort für Sonnentaler, siehst du nun wohl, mein Bruder Jahn! Wenn du einmal erst soviel wirst gebraten haben und wirst gebraten worden sein, als ich gebraten worden bin, wirst du halt auch wohl anders pfeifen.«

Die Hundsfötter aber standen immer noch dort im Hafen und warteten auf etwas Bares, und als sie sahen, daß wir in See gehn wollten, wandten sie sich an Jahn und schwuren, daß man nicht fortkäm' ohne Erlegung des Trinkgelds an die Warteknechte und des Hafenzolls. – »Potz Hurlyburly!« schrie Bruder Jahn. »Seid ihr noch hier, ihr Satansgeier? Hab' ich noch nicht genug Ärger gehabt, daß ihr mich noch aufbringen müßt? Na wart, bei des Herrn Leichnam! Jetzt sollt ihr euer Trinkgeld haben, dies schwör' ich euch.« Zog damit seinen Säbel vom Leder, sprang aus dem Schiff und hätt' sie alle in seinem Grimm elendiglich niedergemetzelt, aber sie rannten davon, als ob der Boden brenne, und waren unsern Augen entschwunden.

Die Plackerei war aber damit noch nicht zu End; denn etliche von unsrer Mannsschaft hatten sich mit Urlaub vom Pantagruel, während wir vor Krellhinz waren, in eine Schenke am Hafen gemacht, um einmal zu trinken und sich ein Weilchen dort gütlich zu tun. Nun weiß ich nicht, ob sie die Zeche halb oder ganz berichtigt hatten; kurz, als die alte Wirtin den Bruder Jahn am Land sah, erschien sie und führte im Beisein eines Packans (es war der Tochtermann eines Katzenbälgers) und zweier Zeugen sehr bittre Klagen über sie. Bruder Jahn, ihrer langen Flausen überdrüssig, frug: »Hundsfötter, meine guten Freunde, wollt ihr in Summa damit sagen, unsre Matrosen wären keine rechtschaffnen Leute? Ei, so behaupt' ich das Gegenteil und will's euch auch zu Recht erweisen. Wißt ihr wie? Hier mit Meister Säbel!« – Und damit ließ er seinen Säbel ihnen brav um die Ohren sausen.

Die Bengels stoben davon im Trott, bis auf die Alte, die blieb und schwur dem Bruder Jahn zu, seine Matrosen das wären sehr rechtschaffne Leut, nur darum klage sie, daß sie nicht das Bett bezahlt, auf welchem sie nach Tisch geschlummert hätten – und sie wollte für das Bett noch fünf Groschen extra. – »Nun wahrlich!« sprach Jahn, »dies ist sehr billig. Ei seht mir nur die Undankbaren! Sie werden's nicht immer so wohlfeil finden. Gern will ich's Euch bezahlen, aber ich möcht's doch gern zuvor auch sehn.« – Da führte ihn die Alte in ihr Haus, wies ihm das Bett, lobte es nach allen seinen Qualitäten und schloß, daß sie niemand überteuere, wenn sie dafür fünf Groschen begehre. Die fünf Groschen gab ihr Bruder Jahn, schlitzte aber dann mit seinem Säbel die Pfühle und Kissen mitten durch und warf die Federn aus dem Fenster in alle vier Winde hinaus. Die Alte schrie Mord und Zeter, sprang hinab und wollte die Federn zusammenlesen. Darum schor Bruder Jahn sich wenig, trug die Bettdecke nebst dem Unterbett und beiden Laken auf unser Schiff, und niemand sah ihn, denn von den Federn war die Luft stockfinster geworden, wie von einem Schneegestöber, schenkt' das Bettzeug den Matrosen und sprach dann zum Pantagruel, die Betten wären hier billiger als selbst in Chinon, wo man doch die guten Gänse habe, denn für das Bett habe ihm die Alte nur fünf Groschen abverlangt, das in Chinon nicht unter zwölf Franken zu haben wär.

Sobald Jahn und die übrigen wieder an Bord gestiegen waren, ging Pantagruel in See. Aber da erhub sich ein so heftiger Sirokkowind, daß sie den Kurs verloren und, schier zu den Katzenbälgern zurückverschlagen, in einen mächtigen Wirbel kamen, wo die See erschrecklich hoch ging und uns der Bub vom Fockmast oben herunterrief, daß er noch immer Krellhinzens leidige Wohnungen säh. Darob Panurg, vor Angst von Sinnen, erbärmlich schrie: »Patron! Freund! Linksum! Wind und Wellen zum Trutz, linksum! Ach Freund! O nein, o nur nicht wieder in dies verfluchte Land, wo ich meinen Beutel gelassen hab'!« –

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