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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 173
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zehntes Kapitel

Wie wir nach Verwahrsam fuhren, wo Krellhinz wohnte, der Erzherzog der Katzenbälger

Von dort befuhren wir zunächst Verurteilung:Die folgenden Kapitel sind eine Satire auf die Rechtspflege der Zeit. auch dies ist ein sehr wüstes Eiland. Ferner fuhren wir nach Verwahrsam, wo Pantagruel nicht ausstieg und auch sehr wohl dran tat; denn wir wurden da arretiert und Knall auf Fall ins Loch gestochen auf Befehl Krellhinzens, des Erzherzogs der Katzenbälger, weil ein Mann von unsrer Gesellschaft einem Greifzu Knobelhütlein verkaufen wollte.

Das sind gar erschreckliche, furchtbare Tiere, die Katzenbälger! Sie fressen kleine Kinder, Schluck und Druck! Einwärts, nicht nach außen kehren sie die Haarseite ihrer Bälge, und jeder trägt einen offenen Schnappsack als Devise und Symbolum, wiewohl nicht alle in gleicher Art. Denn die einen tragen ihn wie eine Schärpe um den Hals, andre auf dem Steiß, noch andre vor dem Wanst, und wieder andre an der Seiten: und das alles nach ganz besonderen Mysterien und Unterschieden. Ihre Krallen an den Klauen sind so stark und lang und scharf wie Eisen, daß ihnen gar nichts entwischen kann, was sie einmal mit ihren Fängen ergattert haben.

Beim Eintritt in ihr Ratzenlager sagte uns ein armer Spittelpracher, dem wir ein halbes Hellerstück schenkten: »Ach, brave Leut, Gott geb, daß ihr doch bald gesunden Leibes wieder von da raus kommt! Merket wohl auf die Gebärden dieser tapfern Strebepfeiler krellhinzischer Gerechtigkeit und denkt, daß ihr, wenn ihr noch sechs Olympiaden und zwei Schwabenalter lebt, dies Volk der Katzenbälger über ganz Europa werdet herrschen und im friedlichen Besitztum aller liegenden und fahrenden Güter drin sitzen sehen, wenn nicht bald durch Gottes Straf ihr unrecht Gut und freventlich erworbner Mammon ihren Erben wieder zerrönne. Glaubt einem ehrlichen Bettelmann. Sie sengen, brennen, vierteilen, köpfen, rädern, knebeln, zwicken, schinden, schaben und untergraben alles ohne Unterschied. Denn Laster heißt bei ihnen Tugend, Bosheit Güte, Verräterei ist ihnen Treu, Diebstahl nennen sie Edelmut; Raub ist ihr Wahlspruch und wird, sobald sie ihn begehn, von allen Menschen gut geheißen, außer von den Ketzern: und dies alles tun sie unumschränkt aus höchster Machtvollkommenheit.

Wenn je Pest, Krieg, Hunger, Brand, Wassersnöte, Unglück aller Art die Welt heimsuchen werden, so schiebt es nur nicht auf die Stellung böser Sterne noch auf den Unfug des Römischen Hofes, schreibt es auch nicht der Tyrannei der Könige und Erdenfürsten, nicht den Finten der Kuttner, Ketzer, Wahnpropheten, nicht den Tücken der Wuchergeier, Kipper und Wipper, Falschmünzer, nicht der frechen Dummheit und Verblendung der Ärzte, Chirurgen, Apotheker, nicht der Bosheit der giftmischenden, ehebrüchigen, kindesmördrischen Weiber zu. Nein, meßt es einzig und allein dem unsäglichen Übel, der unermeßlich unglaublichen Verruchtheit bei, die hier allstündlich im Rüsthaus dieser Katzenbälger geschmiedet wird!«

»Waas?« rief Panurg, »wie ist mir denn? Da bleib' ich weg! Bei Gott, da komm' ich nicht hin. Linksum! Zurück! Um Gottes willen, sag' ich! Wie Donner am grünen Donnerstag tönt mir, was dieser edle Bettler sprach.« – Als wir uns aber zurückziehn wollten, da fanden wir das Tor verrammelt und sagten uns, daß man zwar leicht, wie zur Unterwelt, hineinkomme, aber der Ausgang etwas schwierig sei.

Das Schlimmste war aber, wie wir in Verwahrsam ankamen; denn wir wurden wegen unsers Passierscheins vor das scheußlichste Untier gestellt. Man hieß es Krellhinz, und ich kann's nicht füglicher vergleichen als mit der Sphinx oder dem Cerberus, oder auch dem Bild des Osiris, wie ihn die alten Ägyptier malten, mit drei zusammengewachsenen Köpfen, nämlich denen eines brüllenden Löwen, eines wedelnden Hunds und eines lechzenden Wolfs, von einem Drachen umschlungen, der sich in den Schwanz beißt und feurige Strahlen ringsherum sendet.

Seine Tatzen waren voll Blut, die Krallen wie Harpyienkrallen, die Schnauze in Form eines Rabenschnabels, das Gebiß wie die Hauer eines vierjährigen Eberschweins, die Augen flammten wie Höllenschlünde.

Zum Stuhl diente ihm und seinen mauskätzerischen Beisitzern eine lange, funkelneue Heuraufe, über welcher an Winkelhaken sehr schöne geräumige Krippen hingen. Über dem Präsidentensitz war eine alte Frau gemalt, die eine Sichelscheide in der rechten, eine Waage in der linken Hand hielt und eine Brille auf der Nasen trug. Die Waagschalen waren zwei samtene Schnappsäcke, der eine, voll Münzen, hing tief herab, der andre, schlapp und leer, hoch oben über dem Zünglein. Dies war, mein' ich, das Bildnis der Krellhinzischen Gerechtigkeit, zum Unterschied von dem Gebrauch der alten Thebaner, die die Statuen ihrer Richter nach ihrem Tod in Gold, in Silber oder Marmor, je nach ihren Verdiensten, aber alle ohne Hände abbilden ließen.

Als wir nun vor ihn hingetreten, hieß uns ich weiß nicht was für Volk (es ging in lauter Schnappsäcke gekleidet) auf einen Schemel niedersitzen. – »Hundsfötter! Liebe Freunde«, sprach Panurg, »ich steh hier gut, sehr gut. Für einen Mann mit neuen Hosen und kurzem Wams ist der Sitz ohnehin zu niedrig.« – »Setzt Euch!« brüllten sie, »nur gesetzt, und laßt es Euch nicht zweimal sagen – oder gleich soll sich die Erde auftun und Euch mit Haut und Haar verschlingen, wenn Ihr nicht ordentlich Antwort gebt.«

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