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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 169
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Sechstes Kapitel

Wie Panurg dem Ädituus die Fabel vom Roß und dem Esel erzählt'

Nachdem wir gut getrunken und gut gefuttert hatten, führte uns der Ädituus in ein gut möbliertes, gut tapeziertes, um und um vergoldetes Zimmer, setzte uns Süßigkeiten und edeln Firnewein vor und ermahnte uns, alle zur See bestandenen Mühen in Vergessenheit und in Wind zu schlagen. Auch auf unsre Schiffe im Hafen ließ er Zehrung im Überfluß bringen. So ruhten wir selbige Nacht; aber schlafen konnt' ich nicht, wegen des ewigen Glockengebimmels.

Um Mitternacht weckte uns Ädituus zum Trinken auf, trank selbst voran.

Mit grauendem Morgen weckte er uns wieder zur Frühsuppe, und von da ab war alles nur eine Mahlzeit, und die währte den ganzen Tag; wir wußten nicht, ob's Imbiß, Vesper-, Nachtbrot oder Schlaftrunk war. Erholungshalber spazierten wir bloß dann und wann ein wenig auf dem Eiland umher, um diese glücklichen Vögel zu sehn und ihren muntern Sang zu hören.

Abends sprach Panurg zum Herrn Ädituus: »Wenn's Euer Edeln nichts verschlägt, möcht' ich Euch ein artiges Histörchen erzählen, das vor dreiundzwanzig Monaten passiert ist.

Der Reitknecht eines Edelmanns ritt eines Morgens im Monat April seine großen Pferde aufs Feld. Dort fand er eine junge muntere Schäferin, ›die ihre Lämmlein weidete in einem grünen Busch‹, nebst einem Esel und etlichen Geißen. Er diskurrierte mit ihr und, wie dann ein Wort das andere gibt, beschwatzte sie, mit hintenauf zu steigen und einen Ritt in seinen Stall zu machen; dort wollten sie mal auch ein wenig sich auf bäurisch was zugute tun. Derweil sie nun so saßen und zusammen plauderten, machte sich das Pferd sacht an den Esel und raunte ihm ins Ohr: ›O du arm elendes Grauchen dauerst mich; ich hab' Mitleid mit dir, du arbeitst täglich schwer, das seh ich an deinem abgeriebenen Schwanzriemen; das ist recht brav von dir, da Gott dich zum Dienst der Menschen erschaffen hat. Aber dennoch, daß du nicht besser geputzt, gestriegelt und gefuttert bist, dies scheint mir ein wenig tyrannisch und unbillig. Du bist ganz struppig, ganz klapperdürr und lendenlahm und hast hier weiter nix zu fressen als Binsen, Dornen und harte Disteln. Darum, mein Grauchen, rat' ich dir: Komm deinen stillen Schritt mit mir und sieh, wie man uns andre, die die Natur zum Krieg erschuf, traktiert und futtert. Es soll auch dein Schade nicht sein, du sollst meinen Tisch einmal probieren.‹ – ›Wahrlich, mein Herr Pferd‹, antwortete der Esel, ›da geh ich ganz gern mit Euch.‹ – ›Es ziemt dir, Grauchen‹, sprach das Roß, ›wohl: mein Herr Roß! zu mir zu sagen.‹ – ›Ach verzeiht mir, mein Herr Roß‹, versetzte der Esel, ›wir armen Dörfler und einfältigen Bauersleut drücken uns freilich allzuleicht in unsrer groben Tölpelsprache aus. Nun dann, ich bin Euch gern zu Dienst und will Euch ganz von weitem folgen, weil Ihr mir doch so hohe Ehr und Gunst einmal erzeigen wollt.‹

Sobald die Schäferin aufgestiegen war, kam er dem Pferd nach, fest gewillt, an Ort und Stelle brav einzuhaun. Kaum sah ihn der Reitknecht, als er dem Stallgesind befahl, ihm das Frühstück mit Futtergabeln und Knütteln zu gesegnen. Als der Esel dieses Wort vernahm, befahl er sich Gott und fing mit starken Schritten an, das Feld zu räumen; denn, dacht' und schloß er bei sich selbst: er sagt ganz recht; es ist auch meines Amtes nicht, mich an großer Herren Höfe zu wagen; bin von Natur nur armen Leuten zum Trost erschaffen. Es war zu dreist von mir; hier gibt's nur eins: auskratzen. Und damit, Grauchen, hopp, hopp, hopp, hallo, im Kurz- und Furzgalopp über alle Berge.

Die Schäferin, als sie den Esel traben sah, sagte zum Reitknecht, er gehöre ihr, und bat, ihn ja wohl zu verpflegen, sonst wollt' sie ohne weiteres gleich wieder fort. Da befahl der Reitknecht, daß die Pferde in acht Tagen kein Körnlein Haber zu sehen kriegten, bis nicht der Esel vollauf hätte. Die Not war nur, wie ihn wiederkriegen. Die Buben mochten ihm noch so schön tun, ›ho ho! Hans, Hänsel! Komm Hans!‹ rufen – der Esel sprach: ›Ich geh nit hin, ich schäm mich.‹ Je freundlicher sie ihm riefen, je wilder schlug er hinten aus und bockte. Sie trieben's noch bis diese Stunde, wenn ihnen nicht die Schäferin geraten hätte, vor ihm Haber zu sieben. Dies geschah; und hurtig drehte der Esel den Kopf um und wieherte: ›Haber! habeam! Nur nicht die Mistgabel!‹ Und kam so munter auf sie zu, mit sehr melodischem Gesang, wie ihr ja dieser arkadischen Tierlein Stimme und Musika wohl kennt.

So wie er kam, ward er zum großen Leibroß in den Stall geführt, geputzt, gestriegelt, abgerieben, ihm frische Streu bis an den Bauch, die Raufe voll Heu, die Krippe voll Haber aufgeschüttet – wenn er auch sehr bescheidentlich, als ihm die Buben den Haber siebten, die Ohren vor ihnen hing, zum Zeichen, daß er's auch ungesiebt fressen wolle und solcher Ehren gar nicht wert sei.

Nachdem sie nun sich satt gefressen, sprach das Pferd zum Esel und frug ihn: ›Nu, wie hält's, armes Grauchen? Was dünkt dich dieses Futter?‹ – ›Ei‹, sprach der Esel, ›bei Kraut und Disteln purer Honigseim, Herr Roß! Allein wie nun? Dies ist doch erst die Hälfte der Mahlzeit. Rammelt ihr nicht auch hier ein wenig, ihr andern Herrn Pferde?‹ – ›Was, rammeln, Grauchen?‹ frug das Pferd, ›von welchem Rammeln sprichst du? Potz Triefaug'! Grauchen; siehst du mich für 'nen Esel an?‹ – ›Aha!‹ antwortete der Esel, ›ich merk'; ich hab' für eure Pferd-Hofsprache ein wenig einen zu harten Kopf. Nu nu, ich mein': roßt ihr nicht auch hier mitunter, ihr Herren Rösser?‹ – ›Sprich leise, Grauchen‹, sprach das Pferd; ›denn wenn's die Knechte hören, schmieren sie dir das Fell mit schweren Gabelpüffen so aus, daß dir das Rammeln vergeht. Wir hie getraun uns nicht einmal den Zipfel zu spitzen, und wenn's auch nur zum Schiffen wär, aus Furcht vor Schlägen; im übrigen sind wir froh wie die Könige.‹ – ›Nun, bei dem Sattel, der mich druckt‹, rief der Esel,›so sag' ich mich hier los von dir, und sage Pfui auf deine Streu! Pfui auf dein Heu, und Pfui auf deinen Haber! Vivat die Disteln des Feldes, weil man dabei doch nach Belieben rammeln darf. Lieber, sag' ich, halbsatt gegessen, aber nur immer deinen Stiefel gerammelt! Das ist mein Wahlspruch, das ist unser Heu, Brot und Haber. O Herr Roß, mein Freund, wenn du uns erst einmal auf unsern Provinzialkapiteln, den Messen und Märkten sehen solltest, wie wir da rammeln, daß es raucht, derweil die Herrschaft ihre Hühner und Gänse verkauft!‹ – So schieden sie. Ich hab' gesprochen!«

Damit schwieg Panurg und tat kein Müxlein weiter. Pantagruel bat, dem Gespräch ein Ende zu machen. Der Ädituus antwortete aber: »Wer Ohren hat zu hören, bedarf nicht vieler Worte. Ich merk' ganz wohl, was Ihr mit diesem Märlein von Esel und Pferd meint und sagen wollt; aber schämt Euch nur. Wißt, hier hat's nix für Euch, und damit holla; sprecht davon nicht weiter.« – »Und doch«, sprach Panurg, »sah ich vorhin hier ein weißfedriges Äbtinlein, die ich weit lieber reiten, als am Halfter führen möcht' – so ein recht liebes holdes Mäuslein, das wohl ein paar Sünden verlohnen sollt'. Doch Gott verzeih mir's, denn ich denk dabei nichts Böses; das Böse komm' gleich über mich, hätt' ich was derart gedacht.«

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