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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 163
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweiundfünfzigstes Kapitel

Wie sich Panurg vor Höllenangst beschiß und die große Katze Speckmaul für einen kleinen Teufel hielt

Panurg, wie ein verdutzter Bock, fuhr aus dem Raum herauf, im Hemd, ein Bein behost, das andre nackt, den Bart voll lauter Brotkrümlein und eine große Zyperkatze im Arm, die sich ins andre Hosenbein fest eingekrallt hatte. Er verzerrte die Lefzen wie ein Affe, wann er sich Läuse vom Kopf abliest. So kroch er zitternd und zähneklappernd hin zum Bruder Jahn, der auf dem Steuerbord saß, bat ihn devotest, seiner doch sich zu erbarmen und in den Schutz seines Schwerts zu nehmen, wobei er hoch und teuer schwur, daß er in diesem Augenblick alle Teufel los gesehn habe.

»Schaut's«, sprach er, »ach mein Freund, mein Bruder, mein geistlicher Vater! Alle Teufel halten heut Hochzeit. Solche Anstalten zu einem höllischen Picknick hat noch kein Mensch mit Augen gesehn. Siehst du den Rauch der Höllenküche? (Hier wies er auf den Pulverdampf über den Schiffen.) Nimmer hast du so viel verdammte Seelen gesehn. Und wie? Ach Freund, ach, so zart, so weich, so blondlicht-delikat; wie höllisches Ambrosia. Ich hab', verzeih mir's Gott! gedacht, es müßten englische Seelen sein.«

Als Bruder Jahn ihm näher kam, spürte er, ich weiß nicht welchen andern Geruch, aber nicht nach Kanonenpulver; da packte er und sah, daß sein Hemd leider ganz frisch bekackt war. Die Schließungskraft des Nervs, der den Muskel namens Sphinkter (vulgo Arschloch) sperrt, war durch die heftige Furcht, die er in seinen Phantasien gehabt hatte, gelockert worden (wie denn auch Kanonendonner im untern Raum weit schrecklicher klingt als auf dem Deck); denn dies ist eben ein Symptom und eine Wirkung der Furcht, daß sie gemeinlich das Zwingerpförtlein, das die fäkalische Materie bis zur bestimmten Zeit verwahrt, zu relaxieren und öffnen pflegt.

Zum Beispiel dient uns hier Messer Pandolfo della Cassina, der Sienese. Er kam mit Post durch Chambery und war beim klugen Gastwirt Vinet abgestiegen. Dort kriegte er eine Stallgabel her und sprach zu ihm: »Seit Rom hab ich nicht einmal etwas machen können. Sei so gut, pack diese Gabel und mach mir damit Angst!« – Vinet schlug auch mit der Gabel etliche Finten und stellte sich an, als wenn er ihn ernstlich spießen wollte. Der Sienese aber sprach: »So nützt's nichts. Du mußt schärfer ins Zeug gehn!« Da zog ihm Vinet mit der Gabel zwischen Brust und Brustlatz ein so Gesalzenes über, daß er nach der Länge hinfiel und alle viere gen Himmel streckte. – Zur rechten Zeit aber hatte der Sieneser die Hose losgeknüpft und machte nun stracks mehr Mist, als neun Büffelochsen und vierzehn römische Prälaten. Zuletzt bedankte sich der Sienese auch noch höflich beim Vinet und sprach: »Schönen Dank. Die Kosten für ein Klistier hätten wir gespart.«

Ein anderes Beispiel ist König Eduard der Fünfte von England. Meister Franz Villon war, aus Frankreich des Landes verwiesen, zu ihm an seinen Hof geflüchtet. Er ging mit ihm so traulich um, daß er ihm nichts verborgen hielt, nicht einmal seine kleinen Hausgeschäfte. Einmal nun, als der König eben bei seiner Verrichtung war, wies er dem Villon ein gemaltes Wappen von Frankreich und sprach zu ihm: »Siehst du wohl, was für Ehrfurcht ich vor deinem Franzosenkönig hab'? Ich häng sein Wappen nirgends auf, als hie im Abtritt bei meinem Leibstuhl.« – »Potz Sakre Dieu!« antwortete Villon, »was Ihr ein weiser, kluger Herr seid! Euer Arzt sah wohl, daß Ihr auf Eure alten Tage natürlich harten Leibes seid und man Euch täglich, weil Ihr sonst nichts machen könnt, einen Hoffurier (ich wollt' sagen, ein Klistier) ins Loch schicken müßte. Daher ließ er Euch hier das Wappen Frankreichs aufhängen, denn wenn Ihr dies nur seht, verspürt Ihr eine solche Todesangst, daß Ihr flugs wie achtzehn Auerochsen mistet. Hing es wo anders in Euerm Haus, im Zimmer, im Saal, in der Kapelle, den Galerien, oder sonst wo: o Sakre Dieu! All überall, wo Ihr es säht, da schisset Ihr auf der Stelle los. Ja, wenn nun erst die große, fränkische Oriflamme dazu gemalt wäre und Ihr säht die, das trieb Euch vollends alle Därme des Leibes zum Gesäß hinaus.«

Bruder Jahn hielt sich mit der linken Hand die Nase zu und wies mit dem Zeigefinger der Rechten dem Pantagruel Panurgs Hemd. Als Pantagruel ihn so entsetzt, verstört, von Sinnen, zitternd, bekackt und von den Krallen der berühmten Katze Speckmaul zerfleischt sah, konnte er sich des Lachens nicht erwehren und sprach zu ihm: »Was wollt Ihr nur mit dieser Katze?« – »Was Katze!« antwortete Panurg, »der Teufel hol mich, wenn ich dies Biest nicht für ein junges milchbärtiges Teuflein gehalten habe. Des Teufels war der Teufel! Er hat mir's Fell hier nach allen höllischen Regeln gemustert!« – Damit schmiß er die Katze weg.

»Gehet«, sprach Pantagruel, »o geht um Gott! Trocknet, säubert, faßt euch; tut ein weißes Hemd und frische Kleider an.« – »Was!« rief Panurg, »meint Ihr etwa, ich hätt' Furcht gehabt? Nicht für einen Heller! Kreuz Gottes! Ich hab' mehr Courage, als alle frechen Fliegen, die zu Paris von Sankt Johann bis Allerheil'gen in Suppen schwimmen. Haha huhu hää! Was Teufel ist dies hier! Nennt Ihr's Scheiße, Kot, Kack, Unflat, Stuhlgang, Dejektion, Fäkalmaterie, Exkrement, Losung, Ziegen-Bock-Schafsmist? Ich glaub', es ist Äolischer Safran. Hi hi ho ho, ho ho ha ha! ist Safran aus Äolia, Getrunken! Sela, getrunken!«

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