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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 160
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Neunundvierzigstes Kapitel

Wie Pantagruel in Heuchelingen einschlief, und die Probleme, die man bei seinem Erwachen sich aufgab

Des andern Tags kamen wir unter allerlei kleinen Gesprächen weiter segelnd nach Heuchelingen, woselbst das Schiff Pantagruels nicht landen konnte, weil stille See war und uns der Wind ausging. Wir saßen alle in tiefen Gedanken, ganz verdrossen, muckisch und niedergeschlagen: es sprach kein Mensch zum andern ein Wort. Pantagruel war auf einer Hangmatte hinten bei den Lucken über seinem Buch fest eingeschlafen; denn das war so seine Art, daß er weit besser vom Blatt als auswendig schlief. Bruder Jahn war in die Küche spaziert und sah da an der Polhöhe der Bratenwender und am Horoskop der Tunken nach, welche Zeit am Tag es etwa sein möchte.

Gymnastes spitzte Zahnstocher aus Mastix. Ponokrates träumte, kitzelte sich selber zum Lachen und kraute sich am Kopf mit einem Finger. Karpalim schnitzte aus einer Walnußschale ein schönes, kleines, lustiges Windmühlchen mit Flügeln aus vier saubern Spänlein von einem Holzteller. Eusthenes spielte mit den Fingern auf einer langen Feldschlange, wie auf einem Hackbrett. Der Steuermann zog seinen Matrosen die Würmer aus der Nase. –

Als Bruder Jahn wieder aus der Küche kam und Pantagruel ermuntert fand, brach er flugs dies störrige Schweigen mit lauter Stimme und frug ganz fröhlich: »Wie machen wir ein bißchen Wind in die Segel?« – Panurg sekundierte ihm auf der Stelle und frug: »Wie vertreiben wir uns den Griesgram?« – Epistemon terzierte darauf und frug wohlgemut: »Wie kann man brunzen, wenn's einem nicht nottut?« – Gymnastes sprang mit gleichen Beinen in die Höh und frug: »Was hilft fürs Augenflirren?« – Ponokrates rieb sich die Stirn ein wenig, schüttelte die Ohren und frug: »Wie erwehrt man sich des Hundsschlafs?« –

»Nur gemach!« sprach Pantagruel; »die klugen Peripatetiker lehren, daß alle Problemata, alle Fragen, alle erhobenen Zweifel klar, verständlich und bestimmt sein müssen. Was heißt Ihr einen Hundsschlaf?« – »Hundsschlaf«, antwortete ihm Ponokrates, »ist ein Hungerschlaf in der Sonne, wie ihn die Hunde tun.«

Rhizotomus erhob jetzt das Haupt und gähnte tief auf, so tief, daß er alle seine Kameraden aus natürlicher Sympathie zum Mitgähnen zwang, und er frug: »Was hilft wider Gähnen und Maulsperre?« – Xenomanes frug: »Wie erhält man den Magendudelsack im Gleichgewicht, daß er weder zur einen noch zur andern Seit kippt?« – Karpalim, mit seiner Drehmühle spielend, frug: »Wieviele Ursachen müssen voraufgehn, bis der Mensch sagen kann, daß er Hunger hat?« – Eusthenes, der den Lärm hörte, kam aufs Verdeck gelaufen, schrie und frug schon von dem Gangspill her: »Warum ist ein nüchterner Mensch, den eine nüchterne Schlange gebissen hat, in größerer Todesgefahr, als wenn sie alle beide satt sind, die Schlange und der Mensch? Warum ist nüchterner Menschen Speichel allen Schlangen und giftigen Tieren giftig?«

»Liebe Freunde«, antwortete Pantagruel, »allen euern Zweifeln und aufgeworfenen Fragen gebührt eine einzige Antwort, und die soll euch unverzüglich, und zwar ohne lange Umschweife und Redensarten, gegeben werden. Der hungrige Magen hat keine Ohren; er ist stocktaub. Durch Winke und Zeichen, ja durch die Tat sollt ihr vergnügt und überall nach euern Wünschen belehrt werden.« Hierauf frug er: »Wieviel Uhr ist's?« – »Neun durch«, antwortete Epistemon. – »Das ist eben die rechte Zeit zum Imbiß«, sprach Pantagruel. »Denn wie heißt die ärztliche Regel:

Aufstand um fünf, Imbiß um neun,
Nachtbrot um fünf, zu Bett um neun.«

Dies Wort war noch nicht ausgesprochen, da schlugen auch schon die Tafeldecker die Tische und die Schenkstände auf, bedeckten sie mit parfümiertem Tischzeug, Tellern, Servietten und brachten Salzkörbchen, Flaschen, Schalen, Humpen, Becken, Mischkrüge herbeigetragen. Bruder Jahn, begleitet von den Speisemeistern, Marschallen, Schenken, Vorschneidern und Kredenzern, trug vier allmächtige Schinkenpasteten, so groß, daß ich der vier Bastionen zu Turin gedenken mußte. Ei heiliger Gott, wie da gezecht und gequasselt ward! Noch waren sie nicht beim Dessert, als schon der West-Nordwestwind alle Segel zu schwellen begann, wofür sie dann zur Ehre Gottes des Allmächtigen Herrn der Himmel verschiedene Lob- und Danklieder sangen. Beim Obst frug Pantagruel: »Wie steht es, liebe Freunde, um eure Zweifel? Sind sie nun gründlich gehoben?«

»Ich, Gott sei Dank, gähn' jetzt nicht mehr«, sprach Rhizotomus. »Ich schlaf' auch keinen Hundsschlaf mehr«, sprach Ponokrates.

»Ich hab' kein Augenflirren mehr«, antwortete Gymnastes.

»Und ich bin nicht mehr nüchtern«, sprach Eusthenes. »Vor meinem Speichel sind heut sicher den ganzen Tag: Blutegel, Krokodile, Drachen, Erdmolche, Kröten, Ottern, Regenmolche, Salamander, Skorpione und tolle Hunde.«

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