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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 154
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Wie Pantagruel mitten im Meer verschiedne aufgetaute Worte hörte

Während wir nun auf offener See bankettierten, knabberten, schwätzten und artige kleine Gesprächlein führten, stand Pantagruel auf und spähte aufrechtstehend in die Ferne. Dann sprach er zu uns: »Liebe Brüder, hört ihr nichts? Mir ist's, als hör' ich Leute in der Luft parlieren; aber ich seh doch niemand. Horcht!« – Wir also paßten fleißig auf, wie er befahl, und schlürften die Luft mit offnen Ohren, wie gute Austern in der Schale, ob eine Stimme oder ein Laut zu hören sei, wir mußten jedoch gestehn, daß wir keine Stimmen vernähmen.

Pantagruel beharrte dabei, er höre in Lüften verschiedene Stimmen von Männern und Weibern. Jetzt war's auch uns, wie wenn wir's hörten, oder doch, wie wenn uns die Ohren klängen. Je länger wir horchten, je mehr Stimmen unterschieden wir; bis wir endlich selbst ganze Worte verstanden. Das erschreckte uns baß und nicht ohne Ursache; denn wir sahen keine Seele und hörten doch so verschiedene Laute und Stimmen von Männern, Weibern, Kindern, Pferden. Panurg hielt's nicht mehr aus und schrie laut auf: »Potz Höll und Tod! Was soll das? Ist das Tusch? Wir sind verloren! Flieht! Es ist hierum ein Hinterhalt. Freund Jahn, mein Bruder! Bist du da? Ach halt dich zu mir! Ich bitt' dich. Du hast doch auch deinen Säbel bei dir? Sieh nur zu, daß er auch leicht vom Leder geht. Wir sind verloren! Horcht! Wahrlich, das sind Kanonenschläge! Flieht! Ich sag' nicht, mit Beinen und Händen, sondern mit Segeln und Rudern. Flieht! Ich hab' keinen Mut zur See; im Keller und anderswo, soviel ihr wollt. Flieht! Rettet uns! Nicht weil ich Furcht hätt'; denn ich fürcht' mich vor weiter nichts als vor Gefahren. Das hab' ich immer gesagt.«

Als Pantagruel den Spuk hörte, den Panurg machte, frug er: »Wer ist die Memme da drunten? Laßt uns erst sehn, was für Leute es sind: vielleicht sind's von den Unsrigen. Noch seh ich keine Seele, und seh doch auf hundert Meilen in die Runde. Doch horcht wohl auf!

Antiphanes sagte einmal, die Lehre des Platon gliche den Worten, die man in einem gewissen Land bei harter Winterzeit nicht hört, wann sie gesprochen werden, weil sie in der strengen Luft zu Eis gefrieren. So würde auch, was Plato den Knaben lehrt, von ihnen kaum im Alter verstanden. Jetzt müßt' man also wohl erwägen und untersuchen, ob zufällig hier der Ort ist, wo solche Worte auftauen. Es sollt' uns, mein' ich, doch wundernehmen, wenn's etwa gar des Orpheus Haupt und Leier wären. Denn damals, als die Thrazischen Weiber den Orpheus zerrissen, warfen sie sein Haupt und seine Leier in den Fluß Hebrus. Darin schwammen sie dann zu Tal ins Pontische Meer, bis zu der Insel Lesbos. Und aus dem Haupt erscholl fortwährend ein trauriger Gesang, als wenn es des Orpheus Tod beklage; die Leier im Wind, der durch die Saiten fuhr, stimmte in den Sang harmonisch ein. Schaut euch doch um, ob wir sie etwa hierum wo sehen.«

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