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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 151
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Vierzigstes Kapitel

Kurze Tischgesprächlein zum Lob der Dekretalien

Nun merkt, ihr Zecher, daß während Schlottigs trockner Messe drei Kirchendiener, jeder mit einem großen Becken, im Volk umgingen und mit lauter Stimm ausriefen: »Vergeßt auch nicht der Glücklichen, die ihn leibhaftig gesehen haben!« – In der Tür des Tempels überbrachten sie Schlottig ihre Becken, gehäuft voll Papimanenmünzen. Dies, sagte uns Schlottig, wäre für die Schmauserei bestimmt, und zwar die Hälfte für gutes Getränke, die andre Hälfte für gutes Essen, nach einer wunderwürdigen Bestimmung, die sich in einem besonderen Winkel ihrer hochheiligen Dekretalien verkrochen habe. So geschah's auch. Und glaubt nur – gefuttert ward da stark, und getrunken derbe. Zwei Kuriosa notierte ich mir bei dem Gelag: Fürs erste, daß keine Fleischspeis kam, es mocht' sein was für Sorte es wollte, Reh, Kapaune, Schweine (und deren gibt es in Papimanien eine schwere Menge), Karnickel, Tauben, Hasen, Truthähne und so weiter, die nicht brettsdick mit exemplarischem Füllsel gestopft gewesen wäre. Fürs zweite, daß alle Gerichte von den jungen mannbaren Töchtern des Landes aufgetragen wurden, lieben, holden, herzigen Hühnlein und Blondinlein, das schwör' ich euch, im schönsten Flor; die, in lange, weiße, lose, zwiefach gegürtelte Gewänder gekleidet, mit bloßem Haupt, das Haar mit kleinen violetten Seidenschnüren und -bändlein durchflochten, mit Rosen, Nelken, Orangeblüte, Anis und vielen andern würzigen Blumen besteckt, uns mit gelehrten und artigen Verneigungen zum Trinken luden, zu unser aller Augenlust. Bruder Jahn schielte seitwärts nach ihnen, wie der Hund mit dem Flederwisch. Zum Dessert des ersten Ganges sangen sie ein melodisch Liedlein zum Lob der heiligsten Dekretalien.

Als die zweite Ladung gebracht wurde, rief Schlottig ganz munter und aufgeräumt einem der Kellermeister zu: »He, Mundschenk! ist leer allhie!« Auf diese Worte reichte ihm ein Mägdlein hurtig einen großen Humpen vom Allerbesten. Er nahm ihn in die Hand und sprach mit tiefem Seufzen zum Pantagruel: »Gnädigster Herr und liebe Freunde, vom Grund der Seele trink' ich hiemit auf euer aller Wohlergehn. Seid uns schönstens willkommen!«– Als er getrunken und der schmucken Dirne den Humpen wieder gereicht hatte, tat er einen gewaltigen Seufzer und sprach: »O göttliche Dekretalien! So gut deucht uns der gute Wein doch erst durch euch!« – »Er ist auch kein Dreck!« versetzte Panurg. – »Noch besser«, meinte Pantagruel, »wär's aber, wenn der schlechte Wein durch sie gut würde!«

»O du seraphischer Sextus du«, fuhr Schlottig fort, »wie so höchstnötig bist du zum Heil der armen Sterblichen! O ihr cherubischen Clementinä!Teile des Kanonischen Gesetzbuches. Ist nicht in euch ganz eigentlich des wahren Christen Himmelsweg allein enthalten und vorgezeichnet! Wie würden ohne euch die armen Seelen hienieden in diesem Jammertal, in ihrer Irre des Erdenleibes, verloren sein! Ach! Wann wird endlich einmal aus ganz besondrer Gnade dies Heil den Menschen widerfahren, daß sie all andres Studium hinwerfen, um nur euch zu lesen, hören, lernen, brauchen, üben, in Saft und Blut euch zu verwandeln, sich einzuverleiben und ihren heimlichsten Hirnwinkeln, ihrem verborgensten Knochenmark, dem unauflöslichen Labyrinth ihrer Adern zu verbinden? O dann erst und nicht eher wird es einst auf Erden zum Guten kommen.«

Bei diesen Worten stand Epistemon vom Tisch auf und sprach leise zu Panurg: »Hier gibt's keinen Nachtstuhl; ich muß 'naus, das Füllsel drückt mich im Darm! Ich komm' gleich wieder.«

»Der nimmt mal's Maul voll«, sprach Panurg; »aber ich glaub' so wenig davon als menschenmöglich. Denn einmal in Poitiers beim Doktor Dekretalipotens dem Schotten bin ich drübergekommen und hab' ein Kapitel drin gelesen. Der Teufel hol mich, wenn ich von der Lektüre nicht eine solche Verstopfung bekam, daß ich in Zeit von länger als vier bis fünf Tagen nichts als ein winziges Würstel gemacht hab'.«

»Haha«, rief Schlottig, »Freund! Das war vielleicht für eine Todsünde, die Ihr auf Eurem Gewissen hattet.« – »Ist möglich«, versetzte Panurg.

»Einmal«, sprach Bruder Jahn, »zu Seuillé hab' ich mir meinen Hintersten an ein Blatt aus einer alten, blöden Clementina gewischt, die unser Pförtner Johann Guimard am Klosteranger weggeschmissen hatte; des Teufels sei ich, wenn ich nicht so schreckliche Schrunden und Hämorrhoiden darnach bekam, daß mir mein armes Luftloch davon ganz zerfressen war.« – »Ja, ja!« sprach Schlottig, »das war eben die offenbare Gottesstrafe für Eure schwere Sünde, daß Ihr dies heilige Buch beschissen habt, welches Ihr hättet küssen sollen und anbeten.«

»Der Apotheker zu Mans, Franz Cornu«, sprach Eudämon, »hatte einst ein aus dem Leim gegangenes Dekretalienbuch zu Tüten verbraucht. Den Teufel leugne ich, wenn nicht alles, was man dreinpackte, im selben Augenblick vergiftet, faul und verdorben war: Zimt, Weihrauch, Pfeffer, Nelken, Safran, Wachs, Spezereien, Tamarinden, Rhabarber, kurz alles, Pillen, Pastillen, Kamillen, Sarsaparillen.« – »Gottes Straf und Rache!« schrie Schlottig; »zu so profanem Frevelzweck die heiligen Schriften zu mißbrauchen!«

»Zu Paris«, sprach Karpalim, »hatte der Schneidermeister Groingnet eine alte Clementina zu Mustern und Maßen genommen. O unerhört! Alle Kleider, nach solchen Mustern oder Maßen vorgezeichnet und zugeschnitten, wurden verhunzt und ruiniert: Röcke, Mäntel, Kappen, Jacken, Joppen, Koller, Wämser, Schürzen, Reif- und Unterröcke. Wenn Groingnet meinte, eine Kapp zu schneiden, so schnitt er die Form eines Hosenlatzes; statt einer Jacke schnitt er ein Barett; ein Wamsmuster verhudelte er zu einem dünnen Sommerfähnlein. Endlich wurde der arme Tropf dazu verurteilt, all seinen Kunden von Rechts wegen den Stoff zu ersetzen, und das hat ihn ganz auf den Hund gebracht.« – »Gottes Straf und Rache!« schrie Schlottig.

»Zu Cahusac«, sprach Gymnastes, »war ein Scheibenschießen unter den Herren von Estissac und dem Vicomte von Lausun. Perotou hatte ein halbes Dekretalienbuch vom besten Papier zerrissen und aus den Blättern das Schwarze für die Scheibe geschnitten. Ich stürz' mich kopfüber zu allen Teufeln, wenn ein Armbrustschütze des Landes (und es waren die ersten in ganz Guienne) auch nur einen einzigen Schuß hineinbrachte. All gingen seitlings; nicht ein Pünktlein des allerheiligsten Schwarzen ward entjungfert oder angestochen. Ja, Sansornin der Ältere schwur uns seinen großen Schwur, er habe deutlich, handgreiflich und mit eigenen Augen den Bolzen Carquelins gerad auf die schwarze Nuß in der Mitte des Weißen fahren sehn; doch ein Fingerbreit vor der Scheibe wär er ein Klafter weit seitab nach dem Backofen ausgebogen!«

»Mirakel!« rief Schlottig, »Mirakel! Mirakel! Mundschenk! Ist leer allhie! Ich trink' auf euer aller Wohl! Ihr seid doch noch wahre Christen!« – Bei diesen Worten huben die Dirnlein untereinander zu kichern an; und Bruder Jahn wieherte aus den Nüstern, als wenn er rossen oder zum wenigsten rammeln wollte und gleich aufspringen, wie Haps der Hund auf die armen Leute.

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