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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zwölftes Kapitel

Wie Gargantua den Parisern sein Willkomm bezahlt, und wie er die großen Glocken von Notre-Dame abnahm

Nachdem er sich etliche Tag erquickt, ging er aus, die Stadt zu beschauen, und alle Leute betrachteten ihn voll Staunens und Verwunderung. Denn das Pariser Volk ist so läppisch, gaffigt und albern von Natur, daß ein Taschenspieler, ein Ablaßkrämer, ein Maultier mit seinen Zimbeln, ein Leiermann auf der Gassen mehr Leut um sich her versammelt als der beste Evangelienprediger. Und sie drangen ihm also beschwerlich zu Leib, daß er zuletzt gezwungen war, sich auf die Türme von Notre-Dame zu retirieren und niederzulassen. Wie er nun da saß und dies viele Volk um sich her sah, sprach er laut:

»Ich glaub, die Schlingel meinen, daß ich ihnen hie mein Pflastergeld und meinen Willkomm zahlen soll. Ist billig; sollen ihren Wein han, aber par ris, per risum, spottweis.« – Da lupft' er lächelnd seinen schönen Hosenlatz, zog sein Ablaufrohr an die Luft herfür und bebrunzelte sie so haarscharf, daß ihrer 260 018 elend ersoffen, ohn die Weiber und kleinen Kinder.

Eine Anzahl derselben aber entrann dieser Seichschwemm durch Behendigkeit der Füß. Und als sie nun schwitzend, schnaufend, speiend, außer Atem zur höchsten Stell bei der Universität ankamen, ging es an ein Fluchen, ein Lästern, etlich im Zorn, andre lachendes Mundes par ris, Schariwari, Schariwari: hilf heiliges Fräulein, der Ries' hat uns par ris getauft! Darnach seitdem die Stadt Paris geheißen ward, die man vorher Leucetia nannte, wie Strabo meldet lib. IV., das ist auf griechisch Weißheim, von den weißen Beinen der Frauen des Orts. Und gleichwie nun bei dieser neuen Namensstiftung ein jeder in der Meng bei dem Phariser und Heiligen seines Kirchspiels schwur, so sind die Pariser, als ein Volk aus allen Enden und Stücken geflickt, von Haus aus gute Schwörer und Störer und ein wenig oben hinaus. Daher auch Joaninus de Baranco, libro de copiositate reverentiarum der Meinung ist, daß sie mit einem griechischen Namen Parrhesier, das ist erschreckliche Plaudertaschen, genannt worden sind.

Hiernächst besah er die großen Glocken auf selbigen Türmen und ließ sie harmonisch zusammen läuten; und während er also dies noch trieb, kam ihm zu Sinn, daß sie als Schellen seiner Mähre gut zu Hals stehn müßten, die er seinem Vater, mit Käsen von Brie und neuen Heringen wohl beladen, wieder heimschicken wollte; nahm sie also mit in sein Herberg. Da kam die ganze Stadt in Aufruhr, wie ihr wohl wißt, daß sie dazu gar leicht geneigt ist, dergestalt, daß sich die fremden Nationen über der Könige Geduld in Frankreich entsetzen, warum sie diesen Hang nicht durch gute Justiz mehr im Zaum halten, hinsichtlich dessen vielen Nachteil, so tagtäglich daraus entstehen. Wollt' nur Gott, ich wüßt' die Werkstatt, wo diese Monopolien und Schismata geschmiedet werden; so wollt' ich sie den Brüderschaften meines Sprengels wohl offenbaren. Dies glaubt, die Stätte, wo das Volk ganz nuppig und rapplig zusammenlief, war Nesle, wo damals, jetzt nicht mehr, das Orakel von Leucetien war. Da ward der Handel fürgebracht, und der aus Ablösung der Glocken besorgliche Schaden dargetan.

Nachdem sie nun viel pro et contra argumentieret und diskutieret, ward zum Schluß beschlossen, den Ältesten und Würdigsten der Fakultät an den Gargantua abzuschicken, daß er ihm den grausamen Schaden dieses Glockenverlustes fürhielt. Und ohnerachtet zwar etliche von der Universität abrieten und meinten, daß sich dies Geschäft mehr für einen Orator als einen Sophisten schickt', ward doch zu dieser Legation der Meister Jonas Fochtelnburg zuletzt bestellt und auserkoren.

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