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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 149
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtunddreissigtes Kapitel

Wie uns Papimanen-Bischof Schlottig die vom Himmel gefallenen Dekretalien zeigte

Darauf sprach Schlottig zu uns: »Unsre heiligen Dekretales verordnen und gebieten uns, nicht eher in ein Wirtshaus zu gehn, bis wir zuvor in der Kirch gewesen sein. Drum, dieser schönen Satzung treu, kommt mit zur Kirche; dann wolln wir schmausen.« – »Geht nur voraus, Ihr braver Mann«, sprach Bruder Jahn, »wir folgen Euch. Von Euch hört man doch noch ein gutes, ein christlichs Wort. Wohl ist's lang her, daß wir kein Kirch mehr mit Augen gesehen haben. Es ist mir ein rechter Seelentrost, und ich glaub', ich werd' noch einmal so gut drauf speisen. Ei wie gut ist's doch, wenn man so brave liebe Leute findet.«

Als wir nun an die Tempeltür kamen, sahn wir ein großes, güldnes Buch, ganz übersät mit feinen köstlichen Edelsteinen, Diamanten, Smaragden, Perlen, noch auserlesner, zum wenigsten nicht minder fein, als die einst Kaiser Oktavianus dem Jupiter Capitolino weihte; das hing an zwei schweren güldenen Ketten inmitten des Portals frei in der Luft.

Wir staunten's voll Verwundrung an; Pantagruel drehte und wendete es nach Belieben in den Händen um, denn er konnte es leicht erreichen, und bezeugte uns für gewiß, daß er bei der Berührung ein sanftes Jucken in den Nägeln und eine Fügsamkeit der Arme verspüre, nebst einer starken Gemütsversuchung, einen oder ein paar Schergen zu dreschen, sofern sie nur die Tonsur nicht trügen.

Darauf sprach Schlottig zu uns: »Sehet, dies sind die hier bei uns hochgelobten Dekretalien, geschrieben von eines Cherubs Hand und uns vom Himmel der Himmel durch ein Mirakel überliefert. Und weil ihr nun ihren Evangelisten und ewigen Schirmvogt, den Papst, gesehen habt, soll euch erlaubt sein, sie zu beschauen und, so ihr wollt, auch inwendig zu küssen. Doch zuvor müßt ihr drei Tage lang fasten, regelmäßig zur Beichte gehn und dabei eure Sünden so haarfein ausbälgen, mustern und erforschen, daß euch auch nicht der kleinste Umstand davon zur Erde fällt. Also befehlen diese göttlichen Dekretalien durch Gottes Mund. Dazu muß man sich Zeit nehmen.«

»Braver Mann«, antwortete Panurg, »Dreckfäkalien, ich wollt' sagen, Dekretalien haben wir schon die Menge gesehen, auf Papier, Velin, Laternen, Pergament, in Druck und Handschrift. Spart euch die Müh', uns die zu zeigen. Eu'r guter Wille genügt uns schon, wir sehn's für voll an; großen Dank!« – »Potztausend«, sprach Schlottig, »aber ihr saht doch noch niemals diese von Engelshand; denn die bei euch, das sind bloße Kopien der unsern, wie wir in einem unsrer alten Dekretalien-Scholiasten klar geschrieben finden. Im übrigen bitt' ich, schert euch nicht um meine Müh. Bedenkt euch bloß: ob ihr hier beichten und die drei lieben Gottestäglein fasten wollt.«

»Beichten«, sprach Panurg, »das sind wir gern zufrieden, nur das Fasten kommt uns schlecht zu paß, denn wir haben ohnehin zur See schon hundsmäßig fasten müssen, daß uns die Spinnweben auf den Backenzähnen sitzen. Da schaut nur mal hier diesen guten Bruder Jahn von Klopffleisch an, dem wächst schon Moos im Rachen, bloß weil er die Kiefer und das Gebiß nicht exerziert hat.« – »Er hat ganz recht«, antwortete Jahn, »ich hab' so hundemäßig gefastet, daß ich davon ganz bucklig bin.«

»Kommt denn«, sprach Schlottig, »mit zur Kirche und entschuldigt uns, wenn wir euch jetzt nicht gleich die schöne Gottesmesse lesen. Mittag ist durch, und nachmittags verbieten uns unsre hochgelobten Dekretalien, Messe zu lesen, ich meine die hohe, volle Messe; aber ich will euch unterdessen eine kleine, stille Messe lesen.« – »Mir«, sprach Panurg, »wär eine zum Stillen mit etwas gutem Anjouwein lieber. So legt dann los, und drauf und dran! Es bieg oder brech.« – »Potz grün und gelb!« sprach Bruder Jahn, »mich wurmt's doch höchlich, daß ich im Leib noch so nüchtern bin. Denn hätt' ich nur erst nach Mönchsbrauch fein gefuttert und gefrühstückt, und er säng uns etwa ein Requiem, hätt' ich doch Brot und Wein in Profundis. Na, nur Geduld, schießt zu, pufft ab, paukt auf! Doch schürzt es ein bissel kurz, daß nichts dreckig wird, und auch aus andern Gründen! Darum möcht' ich bitten.«

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