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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 143
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweiunddreissigstes Kapitel

Wie Pantagruel aufs Eiland Ruach kam

Zwei Tag darauf gelangten wir aufs Eiland Ruach, und dies schwör' ich euch bei dem Siebenhühnergestirn, daß ich des Volkes Lebensart seltsamer fand, als ich beschreiben kann. Sie leben von gar nichts weiter als von Wind; sie essen nichts, sie trinken nichts als eitel Wind. Statt Häuser sieht man nur Wetterhähne. In ihren Gärten bauen sie nichts als die drei Arten der Windrose; die Raute und andre blähende Kräuter jäten sie sorgsam aus. Gemeine Leute sorgen für ihre Nahrung durch Wedeln von Federn, von Papier oder Leinwand, wie's jeder haben und zahlen kann. Die Reichen leben von Windmühlen. Wenn sie ein Festessen oder Schmäuslein geben, schlägt man die Tafeln unter ein oder zwei Windmühlen auf; da schmausen sie dann so lustig wie die Hochzeitsleute und disputieren über Tisch von der Güte, Gesundheit, Herrlichkeit und Rarität der Winde; just so wie ihr Herrn Zecher bei euern Schmäusen von Weinsorten philosophiert. Der eine lobt den Sirokko, der andere den Föhn, der dritte den Biswind, der vierte den Zephir, der fünfte den Westwind, der sechste die Meerluft, und so fort. Ein andrer wieder den Hemdenwind für die verliebten Süßholzraspler und Jungfernknechte. Den Kranken geben sie Zugwind ein, wie man bei uns Zugpflaster legt. »Ach!« sprach zu mir ein kleines puffiges Männlein, »wer doch nur eine Blase voll von dem guten Languedoker Wind, der dort Circe heißt, haben könnte!« – »Doch!« sprach Panurg, »wie denkt Ihr über eine dicke Tonne des guten Languedoker Weins aus Canteperdris, Mirevaulx und Frontignan?«

Dort sah ich einen sehr stattlichen Menschen, rund wie die Windrose; der war auf zwei von seinen Leuten schwer erzürnt, einen dicken Großknecht und ein winziges Büblein, und schlug und trat sie mit harten Stiefeln teuflisch zusammen. Da ich nun des Zorns Ursach nicht wußte, dacht' ich, es hätten's ihm seine Ärzt etwa geraten, weil es beiden Teilen gesund wär, dem Herrn zu zürnen und zu treten; dem Knecht, getreten zu werden. Da hört' ich aber, wie er dem Knecht schuld gab, daß ihm ein Schlauch Zephirwind, den er als teuern Leckerbissen sich auf das Spätjahr aufgehoben hatte, halb ausgestochen worden sei. Sie kacken nicht, sie brunzen nicht, sie spucken nicht aus auf diesem Eiland. Dafür fisten, furzen, rülpsen sie überschwenglich. Alle Krankheitssorten und Arten erleiden sie; doch ihre Erbseuche ist Windkolik, wogegen sie gewaltige Schröpfungen brauchen, durch die viel Wind von ihnen geht. Sie sterben alle an der Trommelsucht, und zwar die Männer furzend, die Weiber fistend, und ihre Seele entfährt durchs Arschloch.

Als wir weiterspazierten, sah ich, daß, wie ihr Zecher über Land eure Reisefläschlein, Buddel und Karaffen bei euch führt, jeder von ihnen an seinem Gurt ein kleines niedliches Pfeiflein trug. Wenn ihnen einmal zufällig der Wind ausging, brauten sie sich hurtig mit diesen artigen Pfeiflein frischen, denn ihr wißt, daß Wind, nach seinem wahren Urbegriff, nichts weiter als flutendströmende Luft ist.

Im selben Augenblick ward uns von Königs wegen angezeigt, daß wir binnen dreier Stunden weder Mann noch Weib des Landes in unsre Schiff einnehmen sollten, weil man ihm eben einen Darm voll echten Windes gestohlen hätte, den einst der gute Windgott Äolus bei Meeresstille Ulyssen mitgab, um die Schiffe zu treiben; den habe er wie einen zweiten heiligen Gral andächtig verwahrt und mehrere enorme Seuchen damit geheilt, indem er den Kranken nur soviel davon heraus- und zugehn ließ, als zu einem Jungfernfürzlein nötig ist; was unsre frommen Ordensschwestern in ihrer Sprache Verlegenheitsfürzlein heißen.

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