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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 136
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Wie Pantagruel den ungeheuern Walfisch erlegte

Der Walfisch kam unter die Kiele und Schanzen der Schiffe und Gallionen und spie Wasser tonnenweis' auf die vordersten; man dachte, es wären die Schnellen des Nils in Äthiopien. Speere, Pfeile, Wurfspieße, Partisanen, Lanzen flogen auf ihn von allen Enden. Bruder Jahn war nicht faul, Panurg vor Angst des blassen Todes. Das Geschütz donnerte und hagelte drein wie Teufel und tat, was seines Amts war, um ihn im Nassen trocken zu stellen; aber es fruchtete wenig; denn die groben eisernen und ehernen Ballen, wenn sie ihm in das Leder fuhren, schienen zu Brei zu zergehn wie bleierne Ziegel an der Sonne. Da ersah sich Pantagruel den Vorteil und die Gelegenheit, reckte seine Arme und zeigte, was er vermochte.

Ihr sagt's, und es steht geschrieben, der römische Tagdieb und Kaiser Commodus sei ein so trefflicher Schütz gewesen, daß er aus weiter Ferne die Pfeile durch die aufgehobnen Finger junger Knaben, ohn im mindesten sie zu verletzen, geschossen habe. Auch von einem indianischen Bogner zu der Zeit, als Alexander der Große Indien eroberte, erzählt ihr uns, der so geübt im Schießen war, daß er von weitem seine Pfeile durch einen Ring schnellte, obwohl die Pfeile drei Schuh lang und das Eisen daran so groß und schwer war, daß er damit Stahlpanzer und dicke Schilde durchbohrte, sie mochten so hart, fest, dauerhaft, stark und massiv sein, als ihr wollt.

Ungleich bewundernswerter in der Kunst des Speer- und Pfeilwurfs war der edle Pantagruel. Denn er, mit seinen furchtbaren Pfeilen und Schleuderstangen (die den großen Brückenpfeilern zu Nantes, Saulmur, Bergerac und zu Paris an der Wechsler- oder Müllerbrücke an Länge und Dicke, Gewicht und ehernem Beschlag vollkommen glichen) spießte auf tausend Schritt die Auster in der Schale auf, ohne auch nur an die Ränder zu streifen; schneuzte ein Licht, ohn es auszulöschen, bohrte den Elstern die Augen aus, trennte die Sohle von einem Stiefel, ohne ihm zu schaden, nahm das Futter unversehrt aus einem Käppchen, wandt' in Bruder Jahns Brevier die Blätter eins nach dem andern um, ohne daß er auch nur ein Rißlein machte.

Mit solchen Pfeilen, deren er viele bei sich im Schiff führte, spießte er auf den ersten Schuß dem Walfisch in die Stirne, dergestalt, daß er ihm beide Kiefern samt der Zung vernagelte, und er so das Maul nicht mehr auf tun und kein Wasser mehr schlucken noch ausspein konnte. Der zweite Schuß stach ihm das rechte, der dritte das linke Aug aus. Damit noch nicht zufrieden, schoß ihm Pantagruel einen vierten Pfeil auf den Schwanz. Dann drei andre auf das Rückgrat und zuletzt schnellte er ihm in die Seiten noch fünfzig rechts und fünfzig links, so daß des Walfischs Leib dem Schiffsrumpf einer dreimastigen Gallione mit abgemessen darin gefugten Balken gleichsah, als wären es die Rippen des Kiels. Darauf kehrte sich der Walfisch, wie alle toten Fische, im Sterben auf den Rücken; und als er so die Spieße unterwärts ins Wasser streckte, glich er schier der hundertfüßigen Seeschlange, wie sie der weise Nikander beschreibt.

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