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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 133
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie der gute Makrobier Pantagruel vom Aufenthalt und Hinschied der Heroen erzählte und dieser vom Tod der Heroen berichtete

Darauf antwortete der gute Makrobier: »Ihr Freunde und Pilger, dies ist eine von den Sporaden; nicht von euern Sporaden im Ägäischen Meer, sondern von den Sporaden im Ozean. Vor Zeiten war sie reich, voll Leben, Wohlstand, Handel, sehr bevölkert und dem König von Bretanien untertan; jetzt aber ist sie im Lauf der Zeit, und da sich's mit der Welt zum Ende neigt, wie ihr seht, arm und einsam geworden.

Der dunkle Wald, den ihr hier seht, über 78 000 ParasangenPersisches Längenmaß. lang und breit, ist der Heroen und Dämonen Wohnung, die jetzt alt geworden sind. Wir glauben, weil der Komet, der uns drei ganze Tag zuvor schien, jetzt nicht mehr leuchtet, daß von ihnen gestern einer gestorben ist, bei dessen Hintritt der schreckliche Sturm ausgebrochen ist. Denn solang sie leben, ist auf unserm Eiland und den andern Nachbarinseln an allem Guten Überfluß, schönes, stilles Wetter zur See und immerwährende Heiterkeit. Wie aber von ihnen einer hinfährt, hören wir jedesmal im Wald ein lautes, erbärmliches Wehgeheul und sehn im Land Pest, Windbrüche, schwere Plagen; in den Lüften Finsternis und Aufruhr, im Meer Orkan und Sturm.«

»Was Ihr da sagt«, antwortete ihm Pantagruel, »scheint mir sehr glaublich. Denn wie die Fackel oder das Licht die ganze Zeit, solang es lebt und brennen bleibt, den Leuten leuchtet, alles ringsumher erhellt, jeden erfreut, mit seinem Schimmer jedem dient, niemandem schadet noch lästig fällt, sobald es aber erlischt, durch seinen Dunst und Qualm die Luft verderbt, die Menschen kränkt und einem jeden mißbehagt – so verhält es sich auch mit diesen edeln, erlauchten Seelen. Die ganze Zeit, die sie in ihren Leibern hausen, ist ihre Wohnung friedsam, still, gedeihlich, heimlich, segensreich, erquicklich, hehr; im Augenblick, da sie verscheiden, bricht gewöhnlich auf Inseln wie auf festem Land und in den Lüften wilder Aufruhr aus, Verfinstrung, Donner, Hagel, Blitz; im Erdball Dröhnen und Beben, im Meer Orkan und Ungewitter, Wehgeheul der Völker, Wandel der Religionen, Zerstörung der Königreiche und Ausrottung der freien Staaten.«

»Davon«, sprach Epistemon, »haben wir erst noch kürzlich das Beispiel gehabt beim Tod des tapfern gelehrten Ritters Wilhelm von Bellay, bei dessen Leben sich Frankreich solchen Glücks erfreute, daß alle Welt drauf neidisch war, alle Welt mit ihm in Bund trat, alle Welt sich vor ihm fürchtete. Kaum war er aber dahin, alsbald war es vor aller Welt verachtet auf lange Zeit.«

»Ich möcht' den Meersturm«, sagte Pantagruel, »der uns so hart geplagt und geschüttelt hat, nicht ungeschehen machen, wenn ich dafür entbehren sollte, was dieser gute Makrobier hier uns mitteilt. Ich bin auch gern geneigt, zu glauben, was er von dem Kometen, der etliche Tage vor solchem Sterben am Himmel erschien, uns gesagt hat. Denn manche dieser Seelen sind so adlig, herrlich und heldenhaft, daß uns der Himmel ihren Auszug und Abschied etliche Tage zuvor verkündigt.

Ja, er tut noch mehr. Um zu zeigen, daß unsre Erde und wir irdischen Menschen so hoher Seelen Gegenwart nicht würdig sind, betäubt, erschreckt er uns mit erschreckenden Vorzeichen. Wie wir es mehrere Tage vorm Hingang der hohen, herrlichen Heldenseele des tapfern und gelehrten Ritters von Bellay, dessen Ihr gedachtet, mit angesehn haben.«

»Wohl weiß ich's noch«, sprach Epistemon, »und mein Herz zittert und bebt, wenn ich der mannigfaltigen und schauderhaften Wunder gedenke, die wir mit unsern offnen Augen fünf bis sechs Tag vor seinem Tod gesehen haben. Dergestalt, daß seine Freunde, Hausgenossen und alten Diener sich ganz bestürzt ohne einen Laut einander ansah'n, wohl aber alle in ihren Herzen erkannten und zum voraus wußten, daß Frankreich nun in kurzem eines so vollkommnen und zu seinem Ruhm und Schirm so nötigen Ritters verlustig gehn würde, weil ihn der Himmel, als sein gebührend Eigentum, zurückbegehre.«

»Potz Kutten-Bammel!« rief Bruder Jahn. »Ich hab ein ziemlich gutes Gedächtnis, wenn mir recht ist. Aber ich frag' Euch auf Euern Eid, wie unser König seine Leute und die Königin ihre Mägde: Diese Heroen und Halbgötter, von denen Ihr eben gesprochen habt, können die auch mit Tod abgehn? Du liebes Leben! Da hab' ich immer in meinen dummen Gedanken gedacht, sie müßten alle unsterblich sein wie die lieben Engel, verzeih mir's Gott! Und nun erzählt uns dieser hochwürdigste Herr Makrobier, daß sie zuletzt verenden müßten!« – »Ich glaube«, versetzte Pantagruel, »daß alle vernünftigen Seelen frei von den Scheren der Atropos sind. Unsterblich sind sie alle, Dämonen, Engel und Menschen. Ich will Euch aber bei diesem Anlaß eine gar seltsame Geschichte erzählen, die von manchem gelehrten und kundigen Geschichtsschreiber bestätigt wird:

Einstmals fuhr ein Schiff voll allerhand Waren und Reisender aus Griechenland nach Italien, als sich des Abends unweit der Echinadischen Inseln, zwischen Morea und Tunis, der Wind legte und das Schiff gen Paxos getrieben wurde. Wie es nun dort still lag und von den Passagieren etliche schliefen, etliche wachten, andre zechten und Nachtmahl hielten, vernahm man von der Insel Paxos eine Stimme, die laut ›Thamus!‹ rief, worüber alle erschraken. Dieser Thamus war nämlich der Steuermann, aus Ägypten gebürtig, aber dem Namen nach nur wenigen von der Gesellschaft bekannt. Zum zweiten Male erscholl die Stimme mit schrecklichem Geschrei nach Thamus. Und als ihr auch jetzt noch niemand eine Antwort gab und alles bang verstummte und zitterte, erscholl die Stimme zum dritten Male, noch schrecklicher denn zuvor. Nunmehr erhub sich Thamus und sprach: ›Hier bin ich. Was begehrst du? Was muß ich tun?‹ Darauf vernahm man die Stimme noch lauter, die ihm befahl, sobald er gen Palodes käme, dort zu verkünden, daß der große Pan tot sei.

Diese Worte erschreckten alle Passagiere und Schiffer sehr, und sie pflogen miteinander Rats, was besser wäre, ob man die Botschaft bestellen oder verschweigen sollte. Da schlug Thamus vor, daß, wenn sie steifen Fahrwind hätten, sie ohne weiteres fürbaß fahren, wenn aber Meeresstille wäre, sie sich ihres Auftrags entledigen wollten. Als sie nun bei Palodes waren, begab es sich, daß sie weder Wind noch Wasser hatten. Thamus also stieg auf das Vorderdeck, die Augen nach dem Land gerichtet, und sprach, wie ihm geboten war, der große Pan sei tot. Er hatte noch nicht das letzte Wort gesprochen, als man am Land ein großes Schluchzen und Wehklagen hörte; nicht wie von einer Person allein, sondern von vielen durcheinander.

Das Gerücht von dieser Sache wurde in Rom bald ruchbar, und Tiberius, der damalige Römische Kaiser, ließ den Thamus rufen; er maß seiner Erzählung Glauben bei, erkundigte sich bei den Gelehrten seines Hofes, wer dieser Pan wäre, und erfuhr aus ihrem Bericht, daß er ein Sohn des Merkur und der Penelope und der Gott der Natur gewesen sei.

Ich aber für mein Teil beziehe es lieber auf jenen großen Erlöser der Gläubigen, der in Judäa durch Neid und Bosheit der Priester, Schriftgelehrten, Mönche und Pfaffen mosaischen Glaubens schmählich erwürgt ward. Und diese Deutung dünkt mich nicht ungereimt. Denn mit gutem Fug mag er auf griechisch PanPan = alles. geheißen werden; weil er doch unser alles ist. Alles was wir leben, haben, hoffen, ist er, ist in ihm, von ihm, durch ihn. Er ist der gute Pan, der große Hirte, der nicht seine Schafe allein nur liebt und wert hält, sondern auch die Schäfer. Bei seinem Tod war Heulen, Schluchzen, Bestürzung, Jammer und Betrübnis im ganzen Bau des Weltalls, Himmel, Erde, Luft, Meer und Unterwelt. Zu dieser meiner Auslegung paßt auch die Zeit; denn dieser milde, große Pan und alleinige Heiland starb bei Jerusalem eben zu der Zeit, als Kaiser Tiberius in Rom regierte.«

Als Pantagruel dies gesprochen, blieb er tief in stumme Betrachtung versunken. Nicht lang darauf sah'n wir die Tränen ihm dick wie Straußeneier aus den Augen stürzen. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich nur ein bißchen übertreib.

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