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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtzehntes Kapitel

Wie sich Panurg und Bruder Jahn während des Sturms gebärdeten und das Ende des Sturms

Nachdem Pantagruel vorläufig zum großen Gott, dem Helfer aller, um Schutz gefleht und sein Gebet mit heißer Andacht öffentlich verrichtet hatte, hielt er den Mastbaum auf den Rat des Steuermannes mit beiden Armen fest umschlungen. Bruder Jahn, bis aufs Wams entkleidet, half den Matrosen, ebenso Epistemon, Ponokrates und die übrigen. Panurg allein saß heulend und winselnd nach wie vor auf seinem Loch auf dem Verdeck. Bruder Jahn kam das Deck entlang, sah ihn da sitzen und sprach zu ihm: »Kreuz Gottes! Panurg! Hans Kalb, Hans Greiner, Hans Heularsch, weit gescheiter wär's, du hilfst uns hier, statt daß du so flennst wie 'ne alte Kuh.« – »Bebebebububu«, antwortete Panurg, »Bruder Jahn, mein Freund, mein liebster Vater, ach ich ersauf, ich ersauf, mein Freund, ich ersauf. Mit mir ist's aus, mein geistlicher Vater, mein Freund! Rein aus. Schon läuft mir das Wasser durch den Kragen in die Schuh. Bubu päsch, hühühühahahahaha, ich ersauf'. Die Satanswelle da (Herr, straf mich nicht!), ich mein' die Gotteswelle, wird uns das Schiff einschmeißen. Auwai, Bruder Jahn! Mein Vater, mein Freund, laß mich beichten! Seht, ich knie' schon: Confiteor. Euern heiligen Segen!«

»Hui, Rabenaas, in drei Teufels Namen!« schrie Bruder Jahn, »jetzt scher dich her und hilf! Na, wird's bald?« – »O nicht fluchen! mein Freund, mein Vater«, sprach Panurg, »nur jetzt nicht! Morgen soviel du willst. Holololo auwai, das Schiff zieht Wasser; ich ersauf'; auwai, auwai! 1 800 000 Taler Leibrente gäb ich drum, wenn mich wer aufs Trockne brächte, bedreckt und befleckt, wie ich da bin. Au, auwai, Confiteor! Nur ein Wörtlein von Testament, oder letzter Verfügung zum mindesten!«

»Daß doch dem Hahnrei gleich tausend höllische Teufel in den Magen schlügen!« rief Bruder Jahn. »Kreuz Gottes! Schwatzest du jetzt von Testament, jetzt, da wir in Not sind und uns ein Herz zu fassen ziemt? Wird er bald hergehn? Hieher, Gymnast! Da auf den Auslug! Bei des Herrn Leichnam, heut geht's uns nah an die Kehl. Schaut hin, die Latern ist auch aus. Das geht kopfüber zu allen Legionen Teufeln.« – »Auwai, auwai«, wehklagte Panurg, »hier also muß gestorben sein? Holoholo, ihr lieben Leut, ich ersauf', ich sterb'. 's ist aus mit mir.«

»Ei lirum, larum«, schrie Bruder Jahn; »pfui, wie er aussieht, der Mist-Heularsch, der häßliche Greiner! Daß dich der Donner und 's Wetter!«

»Ach«, sprach Panurg, »ach, Bruder Jahn, mein geistlicher Vater, mein Freund! Nicht fluchen! Ihr sündigt schwer. Auwai, auwai. Ich ersauf', ich sterb', meine Freund! Ich vergeb' allen Menschen. Ade! Sankt Michel von Aure, Sankt Niklas! Ich tu euch hier und unserm Herrgott ein streng Gelübde, wenn ihr mir helft in diesem Kreuz, ich mein', wenn ihr aus dieser Not mich an Land setzen wollt, will ich euch auch ein schönes großes, kleines Stift baun, oder zwei, zwischen Quande und Monsoreau, da weder Heu soll wachsen noch Stroh. Auwai, auwai, über achtzehn Eimer oder zwei hab' ich nun schon ins Maul gekriegt. Bubububububu, ach wie das bitter und salzig schmeckt!« – »Bei des Fronleichnams Blut und Fleisch, Bauch, Kopf und Schopf!« schwur Bruder Jahn, »wenn ich dich Heulziege noch länger winseln hör', bürst' ich dich wie einen Seewolf ab. Potz Sackerdamm, was wirft man ihn nicht auf den untersten Grund des Meeres?«

»Ach!« sprach Panurg, »mein Bruder Jahn flucht sich mutwillig in die Hölle! Oh, ich verlier' einen teuern Freund an ihm! O nur ein Wörtlein vom Testament und letzten Willen, Bruder Jahn, mein Vater! Mein Freund, o mein Achates, Xenomanes, mein alles! Ach! Ich ersauf', ich ersauf'. Zwei Wörtlein Testament!«

»Jetzt zu testieren«, sprach Epistemon, »jetzt, da wir, wenn wir nicht scheitern wollen, uns selbst ermannen und unsrer Mannschaft beispringen müssen, scheint mir wahrlich übel am Ort und ungereimt. Es ist die Narrheit des Kärrners, der, als ihm sein Karren in einem Loch umgefallen war, auf seinen Knien den Herkules um Hilfe anrief, aber weder seine Ochsen antrieb noch eine Hand an die Räder legte, um den Karren aufzurichten. Was hilft es Euch, ein Testament zu machen? Entweder entkommen wir dieser Not, oder ersaufen. Entkommen wir, so hilft's Euch nichts. Ersaufen wir aber, dann ersäuft's zugleich mit uns. Wer wird's zum Exekutor tragen?«

»Irgendeine fromme Welle«, antwortete Panurg, »wird es ans Land spein, wie den Ulysses; irgendein Prinzeßlein wird bei schönem Wetter spazierengehen, wird's finden, ausführen lassen und mir am Meeresstrand irgendein kostbares Denkmal setzen lassen!«

»Rappelt's bei dir?« sprach Bruder Jahn, »hilf hier in fünfmalhunderttausend Millionen Teufel Namen! Hilf! Sitzt unser Schiff fest? Heiliger Gott! Wie bringen wir's flott? Alle Teufel sind auch in dem Wasser auf einen Schub los. Es kommt von uns kein Schwanz davon, oder ich geb' mich allen Teufeln.«

Da vernahm man einen Angstruf von Pantagruel; er rief laut und sprach: »Herr, hilf uns! Wir verderben. Doch geh es nicht nach unserm Rat, sondern dein heiliger Wille geschehe.« – »Gott und die hochgelobte Frau sei mit uns allen!« sprach Panurg; »ich ersauf', ich ersauf'. Bebebebebuu. Ach wahrer Gott! Nur einen Delphin schick mir zu, der mich ans Land trägt wie einen schönen kleinen Arion, ich will auch die Harfe recht artig spielen, wenn sie nicht aus dem Leim gegangen ist.«

»Allen Teufeln ergeb' ich mich«, sprach Bruder Jahn – (»Gott sei bei uns!« murmelte Panurg durch die Zähne).

»Land! Land!« rief mir einem Male Pantagruel; »ich seh Land, Kinder! Nur Courage! Wir sind nicht weit vom Hafen mehr; schon seh ich im Norden den blauen Himmel: es klärt sich. Spürt ihr den Südwind?« – »Mut, Kinder!« sprach der Steuermann, »das Wasser fällt. Jetzt Marsree auf! Hiß auf! Hiß auf! Helmstock eingehangen! Läufer straff! Halt gut an! Tauwerk aufgeschossen! Halsen klar, Bolinen klar! Backbordbrassen angeholt, Schotten klar, Steuer in Lee! Steuerbordschoten angeholt, du Hurensohn!« –

»Mut! Kinder, Mut!« rief Pantagruel; »nur herzhaft, Kinder! Seht, da kommen schon dicht an unser Schiff zwei Kähne und vier Gondeln und sechs Fregatten, die uns die guten Leute vom nächsten Eiland zum Beistand senden. Wer ist aber nur der Faulpelz da drunten, der so untröstlich heult und brüllt? Hielt ich den Mastbaum denn nicht fest in meinen Armen, und wahrlich straffer als keine zweihundert Kabeltau?« – »Es ist der arme Teufel Panurg«, antwortete Jahn; »er hat's Kalbsfieber, er zittert und bebt vor Furcht wie ein schlaffer Bauch.«

»Wenn er auch«, sprach Pantagruel, »in diesem schauderhaften Blast und grimmigen Wetter Furcht gehabt hätte, so acht' ich ihn, wenn er sonst so mutig ist, nicht um ein Härlein minder drum. Denn – wie es allerdings ein Merkmal blöder und weibischer Herzen ist, vor einem jeden Dreck zu erbeben – so zeigt auch der, der gar nichts fürchtet, wo ihm ein sichtliches Schrecknis droht, wenig oder keinen Verstand. Ist nun, nächst der Versündigung an Gott, hienieden noch was zu fürchten, so will ich nicht sagen, daß es der Tod sei. Ich sag' nur: diese Todesart durch Schiffbruch sei zu fürchten, oder im Leben nichts. Denn, wie Homer spricht, ist es ein gar zu schauderhaft, entsetzlich unnatürliches Ding, im Meer zu ertrinken. Bei Gott, in unserm Haus ist's wild ergangen! Dies Wrack will gut ausgebessert sein. Nun, seht nur zu, daß wir nicht stranden.«

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