Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Rabelais >

Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Wie, nach dem Beispiel Meister François VillonsFrançois Villon (geb. 1431), der originelle Vaganten- und Gaunerdichter. Seine Gedichte und Balladen sind die ersten Zeugnisse einer autonomen französischen Lyrik., der Herr von Basché seine Leute lobt'

Als der Schick-aner aus dem Schloß und wieder auf seiner alten Mähre saß, ließ Basché unter die Rebenlaube seines Gartens sein Weib, ihre Zofen und all sein Hausgesind zusammenholen, ließ Festwein bringen, nebst einer Zahl Pasteten, Schinken, Käse und Obst, trank da mit ihnen nach Herzenslust und sprach darauf: ›Meister François Villon wohnte auf seine alten Tage zu Saint Maixent in Poitou, wohin er sich unter den Schutz des braven Abtes dieser Stadt begeben hatte. Daselbst gedachte er zum Ergötzen des Volks das Leiden Christi in Poitevinischer Mundart aufführen zu lassen. Als nun die Rollen ausgeteilt, die Spieler überhört, der Schauplatz aufgeschlagen war, zeigte er dem Bürgermeister und den Schöffen an, daß das Mysterium gegen Ende des Jahrmarkts zu Niort vor sich gehn könnte, es fehlte ihm nur noch an passenden Kleidern für die Personen. Der Bürgermeister und die Schöffen gingen zur Hand. Er selbst erbat sich zum Anputz eines alten Bauern, der Gott den Vater spielen sollte, vom Bruder Steffen Turncül, Franziskaner-Sakristan allda, eine Kutte und Stola. Turncül aber schlug es ihm ab, da, wie er sagte, es nach ihren Provinzialstatuten bei Strafe verboten sei, den Spielern etwas zu leihen. Meister Villon replizierte zwar, dies Statut bezöge sich nur auf Possen, Mummereien und lose Spiele, so wär's auch in Brüssel und anderwärts; half aber alles nichts; Turncül erklärte ihm rund heraus, er möchte sich anderswo versehen, wenn's ihm beliebe, aus seiner Sakristei hätt' er nichts zu erwarten. Villon erzählte dies voll Entsetzen seinen Spielern und sagte dabei, daß Gott in kurzem an dem Turncül ein schreckliches Rach- und Strafexempel vollziehn werde.

Samstags drauf hörte Villon, daß Turncül auf der Klostermähre nach Saint Ligaire auf die Betteltour geritten sei und gegen zwei Uhr des Nachmittags heimkehren werde. Da musterte er sein Teufelsheer zwischen der Stadt und dem Markt. Die Teufel gingen alle in Wolfs-, in Kalbs- und Widderfell vermummt, verbrämt mit Hammelköpfen, Farrenhörnern und langen Schürhaken; dazu hatten sie sich dicke Riemen umgürtet, an denen große Maultierschellen und Kuhglocken hingen, und machten damit einen Zeterlärm. In den Händen schwangen etliche schwarze Stecken mit Schwärmern, andre lange Feuerbrände, mit denen sie ganze Fäuste von brennendem Harz in alle Gassenecken warfen. Nachdem er sie so zur Lust des Volks und großem Schrecken der kleinen Kinder entlanggeführt hatte, trieb er sie endlich zur Tränke in eine Wirtschaft dicht vorm Tor, wo man nach Saint Ligaire zugeht. Und wie sie an die Wirtschaft kamen, sah er den Turncül schon aus der Ferne von seiner Bettelfahrt heimkehren und sprach in küchenlateinischen Versen zu ihnen:

›Sein Vaterland ist in Halunkia,
Den Sack voll alter Brocken bringt er da!‹

›Gotts Tod!‹ schrie'n da die Teufel, ›er hat Gottvater nicht einmal eine arme Kutte leihn wollen; kommt, laßt uns ihn schrecken!‹ – ›Wohl gesprochen‹, antwortete Villon, ›doch versteckt euch, bis er kommt, und nehmt eure Schwärmer und Feuerbrände.‹ Sowie jetzt Turncül näher kam, stürzten sie im vollen Sturm alle auf den Weg ihm entgegen, warfen Feuer auf ihn und seine Schindmähre, schellten mit ihren Glocken und heulten teufelsmäßig: ›hho hho hho hho brrrurrrurrrs hrrrurrrs rrurrrs he he he hho hho hho, Bruder Steffen, spielen wir nicht die Teufel gut?‹ – Die Mähre, ganz erschreckt, fing an zu traben, zu furzen, zu kurven, zu galoppieren, bäumte und schäumte, bockte und schmiß so lang, bis sie den Turncül abwarf, obgleich er sich aus aller Macht am Sattelbaum anhing. Seine Stegreifen waren ein Strick, und sein Schuh auf der einen Seite so eng darin verwickelt, daß er ihn nimmer herausziehn konnte. So schleppte ihn die Mähre schindärschlings dahin, schlug nach ihm immer hitziger aus und stob vor Angst über Stock und Stein, Büsche, Zäune und Gräben – dergestalt, daß sie ihm den Kopf zerschlug, das Gehirn beim nächsten Steinkreuz herausfiel, dann stückweis' die Arme abgingen, der eine hiehin, der andre dahin, und schließlich auch die Beine, so daß, als die Mähre endlich im Kloster ankam, sie von ihm nichts weiter als den rechten Fuß und den verwickelten Schuh mit heimbrachte.

Wie Villon sah, daß es geraten war, wie er zuvor es sich ausgedacht, rief er seinen Teufeln zu: ›Ihr werdet eure Sachen prächtig machen, ihr Herren Teufel, es wird gut gehn; da steh ich für: ei, ei, wie gut ihr's machen werdet!‹

›So, liebe Freunde‹, fuhr Basché fort, ›seh ich zum voraus, daß auch ihr hinfüro diese tragische Posse gut machen werdet, weil ihr schon bei der ersten Probe und Musterung den Schick-aner so beredsam gepocht, gezwickt und ausgerieben habt. Ich geb' euch allen gedoppelten Lohn von Stund an. Ihr, mein Schatz (so sprach er zu seinem Weib), macht Eure Spenden, wie's Euch gefällt; all meine Barschaft habt Ihr in Euerm Verschluß und Gewahrsam. Ich für mein Teil trink' jetzt auf euer aller Wohlsein, meine guten Freunde. Lieber einhundert Keulenschläge auf den Helm erdulden in unsers guten Königs Dienst, als mich von diesen Hunds-Schick-anern ein einzig Mal zitieren lassen, solch einem feisten Prior zum Spaß.‹

 << Kapitel 123  Kapitel 125 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.