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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 123
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zwölftes Kapitel

Wie Pantagruel nach Notarien ging, und von der seltsamen Lebensart der Schick-aner

Unsre Straße weiter ziehend, kamen wir tags drauf nach Notarien, welches ein ganz versudeltes und verschmiertes Land ist; ich konnt' nichts davon erkennen. Da sahen wir Notaner und Schick-aner, beides sehr borstige Leute; sie boten uns weder zu trinken noch zu essen an. Bloß sagten sie uns unter unzähligen gelehrten Reverenzen, daß sie uns alle zu Diensten stünden für Geld. Ein Dolmetsch unter uns erzählte dem Pantagruel, wie dies Volk auf seltsame Weise sein Brot verdiene, nämlich durchs Geschlagenwerden.

»Die Art ist«, erzählte der Dolmetsch, »diese: Wenn irgendein Mönch, Pfaff, Wuchrer oder Anwalt einen Edelmann seines Landes ärgern will, schickt er ihm einen dieser Schick-aner. Der Schick-aner lädt ihn vor, zitiert, schimpft, schmäht ihn unverschämt, kraft seiner Instruktion und Vollmacht, so lang, bis endlich der Edelmann, wenn er nicht vor den Kopf geschlagen und dümmer als eine Kaulquappe ist, ihm ordentlich Prügel geben, oder einen Schwertstreich übern Kopf, oder den Pferderiemen um die Waden, oder besser: ihn aus den Zinnen und Fenstern seines Schlosses werfen muß. Ist dies geschehn, so ist mein Schick-aner reich auf vier Monate, als wenn die Stockschläg recht seine Ernte und Atzung wären. Denn von dem Mönch, dem Wuchrer, dem Anwalt erhält er ein sehr gutes Gehalt, und von dem Edelmann Schmerzensgeld, zuweilen ein so unbillig hohes, daß der Edelmann dadurch um Haus und Hof kommt, mit Gefahr, elend im Kerker zu verfaulen, als wenn er den König geschlagen hätt'.«

»Für solchen Unfug«, sprach Panurg, »weiß ich ein sehr probates Mittel, das einst der Herr von Basché braucht'.« – »Und welches?« frug Pantagruel. – »Der Herr von Basché«, sprach Panurg, »war ein tugendhafter, mutiger, hochherziger Ritter. Als er einst aus einem langen Krieg nach Haus kam, in dem der Herzog von Ferrara sich mit dem Beistand der Franzosen tapfer gegen Papst Julius des Zweiten Wut verteidigt hatte, ward er tagtäglich vorgeladen, zitiert und schikaniert, je nachdem den feisten Prior von Saint Louant dazu die Laune und der Kitzel ankamen.

Eines Tages, während er mit seinen Leuten das Frühmahl hielt (denn er war gütig und wohlgesinnt), ließ er seinen Bäcker rufen, namens Loire, nebst dessen Weib und dem Pfarrer des Kirchspiels, namens Oudart, der ihm, wie es damals in Frankreich der Brauch war, als Kellermeister und Schreiber diente; in seiner Kavaliere und andern Diener Beisein sprach er zu ihnen: ›Kinder, ihr seht, was für Verdruß mir diese Hunds-Schick-aner täglich antun. Ich bin schlüssig worden und will, wofern ihr mir nicht beisteht, ganz aus dem Land gehn und mich zum Sultan und allen Teufeln schlagen. – Also das nächste Mal, wann sie wiederkommen, haltet Euch fertig, Ihr, Loire, mit Euerm Weib Euch einzufinden in meinem großen Saal, in Euern Hochzeitskleidern, wie wenn man Euch trauen wollt'. Hie habt Ihr hundert Goldgülden, nehmet; ich schenk' sie Euch, um Eure Sonntagskleider instand zu setzen. Ihr, Herr Pfarrer Oudart, säumt auch nicht, in Eurer guten Stola und Chorhemd und mit dem Weihwasser Euch einzustellen, als wenn Ihr sie kopulieren wolltet. Ihr, Trudon (so hieß sein Heerpauker), kommt desgleichen mit Eurer Pauke und Pfeife. Und wenn der Segen gesprochen und die Braut geküßt ist, gebt ihr beim Paukenschall euch all einander das gebräuchliche Hochzeitsgeschenk, die kleinen Faustschläge, darnach wird euch das Nachtbrot nur desto besser schmecken. Wenn aber die Reihe an den Schick-aner kommt, dann schlagt mir zu wie auf alt Eisen; schenkt ihm nichts, pufft, knufft und wamst ihn, was Ihr könnt, ich bitt' Euch drum. Da nehmt, ich geb' Euch diese neuen Fausthandschuhe, sie sind mit Geißfell überzogen; zählt Eure Streich nicht lang, schlagt rechts und links drauf los, wie's fällt; den werd ich für meinen treuesten Diener halten, der ihn am besten trumpft. Und sorgt nicht, daß die Justiz Euch dieserhalb zur Red setzen werde, ich steh für alles. Die Schläge gebt ihr ihm im Spaß, wie es auf allen Hochzeiten Sitte ist.‹

Denselben Tag noch fügte es Gott und führte einen alten, dicken, roten Schick-aner her. Er schellte am Torweg, und der Pförtner erkannte ihn gleich an seinen großen schmierigen Gamaschen, an seiner schlechten Mähre und an einem leinenen Sack voll Zitationen, der ihm am Gurt hing. Der Pförtner neigte sich tief vor ihm, er ließ ihn höflich ein und zog dann die Schelle. Auf dies Signal warfen sich Loire und sein Weib in ihre guten Kleider und traten sehr gravitätisch in den Saal. Oudart hing Stola und Chorhemd über; wie er aus seiner Schreibstub trat, begegnete er dem Schick-aner, führte ihn mit sich hinein in seine Schreibstub, setzte ihm da weidlich zu trinken vor, derweil man sich allerseits behandschuhte, und sprach zu ihm: ›Ihr hättet's nicht besser treffen mögen; heut hat unser Herr seinen guten Tag, es wird bald bei uns hoch hergehn, alles wird mit Scheffeln gemessen werden: wir han heut Hochzeit; trinkt, langt zu, seid lustig.'

Während der Schick-aner trank, und als Basché all seine Leute im Saal in der gehörigen Ordnung sah, ließ er den Oudart rufen. Oudart kam mit dem Weihwasser, der Schick-aner folgte ihm. Wie er in den Saal eintrat, machte er einen Haufen tiefer Kratzfüße und zitierte den Basché. Basché machte ihm die größten Schmeicheleien von der Welt, schenkte ihm einen Dukaten und bat ihn, dem Kontrakt und der Trauung beizuwohnen. Wie's auch geschah. Zu guter Letzt ging's an ein Fäusteln, und als die Reih an den Schick-aner kam, ward er mit schweren Handschuhpüffen so zugedeckt, daß er ganz mürb und morsch auf dem Platz blieb; ein Aug wurde ihm butterbraun gestoßen, acht Rippen zerschroten, das Brustbein zerknickt, die Schulterblätter in vier Stücke, der untere Kiefer in drei Fetzen zerspalten, und alles nur im Scherz. Gott weiß, wie Oudart paukte und seinen schweren stählernen, mit Hermelin verbrämten Handschuh unterm Ärmel des Chorhemds barg; denn er war ein gar starker Bulle. Der Schick-aner kehrte wie getigert nach seiner Heimat zurück, aber doch mit Herrn von Basché sehr zufrieden; er lebte mit Hilfe der guten Feldscherer seines Ortes weiß nicht wie lang. Es war nicht weiter die Rede davon, denn das Gedächtnis daran erlosch mit dem letzten Schall der Sterbeglocken, die ihn zu Grabe läuteten.

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