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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Neuntes Kapitel

Wie Pantagruel auf das Eiland Plattnasien kam, und von sonderbaren Verwandtschaften in diesem Land

Zephyr mit einem kleinen Beisatz von Südwest blieb uns getreu, und so fuhren wir einen Tag, ohne Land zu sehn. Am dritten Tag erblickten wir ein dreieckiges Eiland, das seiner Gestalt und Lage nach fast Sizilien glich; man nannte es das Verwandtschaftseiland. Die Männer, Weiber und Kinder, die da wohnen, haben alle Nasen, die wie ein Treff-As gestaltet sind. Aus dieser Ursache war des Eilands alter Name Plattnasien; und alle waren, wie sie sich rühmten, untereinander versippt und verwandt.

Ihre Freundschaft und Verwandschaft war aber von ganz besondrer Art. Denn obwohl sie alle miteinander verwandt und befreundet waren, sahn wir bei ihnen doch weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester, Vettern noch Neffen, Ohm noch Base, Schwieger noch Eidam, Patenkinder noch Paten. Ausgenommen einen alten, baumhohen Plattnasier, der wirklich ein kleines Dirnlein von drei, vier Jahren ›Papa‹ nannte, und das Dirnlein nannte ihn ›meine Tochter‹.

Die Sipp- und Verwandtschaft unter ihnen bestand darin, daß einer zu einem Weib sprach: »Mein Magerfisch«, das Weibsbild nannt' ihn: »Mein Kabeljau.« – Einer rief eine dralle Jungfer mit lachendem Mund an: »Guten Tag, mein Fuchsschwanz!« Sie grüßte ihn wieder und sprach: »Schön Dank, mein Striegel.« – »He, he, he«, rief Panurg, »seht da einen Striegel, einen Fuchs und einen Schwanz! Heißt dies nicht den Fuchsschwanz striegeln? Dies Fuchsschwänzlein mit dem schwarzen Streifen mag wohl fleißig gestriegelt werden.« – Ein andrer grüßte seinen Schatz und sprach: »Behüt dich Gott, o mein Kanzlei!« Sie antwortete ihm: »Dich auch, mein Prozeß.« – »Nun, bei Sankt Aktuarius«, sprach Gymnastes, »dieser Prozeß liegt auch wohl oft auf dieser Kanzlei.« – Einer nannte eine andre mein Kalb, sie ihn ihr Fell. – »Die laufen brav dem Kalbsfell nach«, sprach Epistemon. – Ein andrer grüßte seine Anverwandte und sprach: »Schönen Tag, mein Beil!« Sie antwortete: »Glück zu, mein Stiel.« – »Potz Puff!« schrie Karpalim, »wie doch dies Beil so schön verstielt, wie dieser Stiel so wohl verbeilt ist!«

Ich kam weiter und sah einen Stromer, der grüßte seine Anverwandtin und hieß sie eine Matratze; sie ihn ihr Bettuch. In der Tat sah er einem ungewaschenen Bettuch ähnlich. Ein andrer grüßte die Seine und sprach: »Gott helf dir, meine Schale!« Sie antwortete ihm: »Dir auch, meine Auster.« – »Der ist also die Auster in der Schale«, sprach Karpalim. – Ein andrer großer Strolch kam auf großen Holzpantoffeln einher getrabt, begegnete einer kurzen, dicken, derben Dirn und sprach zu ihr: »Gott tröste dich, mein Kreisel.« Sie antwortete ihm ganz schnippisch: »Trost um Trost, meine Peitsche.« – »Potztausend!«, rief Xenomanes, »ist er auch die Peitsche darnach, um den Kreisel zu treiben?«

Ein andrer nannte die Seinige: mein Korb; sie ihn ihren Hahn. Da dachte ich, daß dieser Hahn wohl auch gern Hahn in diesem Korb wär.

Nachdem wir des Eilands Lage und der Plattnasier Sitten fleißig betrachtet hatten, traten wir in ein Wirtshaus ein, um uns ein wenig zu restaurieren. Da hielt man just Hochzeit nach Landesart, wobei eben nicht sehr gedurstet wurde. Da kopulierten sie in unserm Beisein gar lustig eine Birne, ein stattliches Frauenzimmer unsers Bedünkens (wiewohl die, welche von ihr gekostet hatten, meinten, daß sie schon etwas teigig wär), mit einem jungen, milchbärtigen Käs; sein Haar fiel etwas ins Rötliche. In einer andern Stube sah ich einen jungen Pantoffel eine alte Latsche heiraten, und man sagte uns, er tät es nicht um ihrer Schönheit oder Anmut willen, sondern aus Geiz und Lüsternheit nach ihren Batzen, womit sie über und über kontrapunktiert sei.

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