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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Siebenunddreissigstes Kapitel

Wie Gargantua vorstellt, daß den Kindern ohn ihrer Eltern Wissen und Willen zu heiraten nicht gestattet sei

Als nur Pantagruel in den großen Schloßsaal trat, fand er daselbst den guten Gargantua, der eben aus dem Staatsrat kam; er erstattete ihm summarischen Bericht von ihren Abenteuern, setzte ihm ihr Vorhaben auseinander und bat, daß sie's mit seiner Gunst und Genehmigung ausführen dürften. Der Ehrenmann Gargantua hielt zwei große Bündel erwogner Suppliken und zu erwägender Pro Memoria in den Händen, die er seinem alten Archivar gab, nahm darauf den Pantagruel beiseite und sprach mit froherer Miene als sonst zu ihm: »Mein vielgeliebter Sohn, ich danke dem Herrn, der Euch bei tugendhaften Gedanken erhält; es ist mir ganz lieb, daß Ihr die Reise vollführt, doch wollt' ich, daß Ihr nun gleichermaßen auch dran dächtet und Verlangen trügt, Euch zu vermählen. Mir bedünkt, Ihr tretet nachgerad dazu in das erforderliche Alter. Panurg hat sich genug bemüht, die Zweifel zu heben, die ihm etwa im Weg stehn möchten; sprecht jetzt für Euch.«

»Grundgütiger Vater«, erwiderte ihm Pantagruel, »ich habe hieran noch nicht gedacht, sondern dies ganze Geschäft Euerm väterlichen Gebot und guten Willen anheimgestellt. Gott bitte ich, lieber tot und starr, mit Euerm Willen, Euch zu Füßen zu liegen, als jemals lebendig gegen denselben vermählt zu sein. Noch hab' ich von keinem Gesetz gehört, sei es heilig oder profan, das die Kinder ohne Zustimmung ihrer Väter, Mütter, Blutsfreunde und Sippschaft sich zu verehelichen ermächtigt; denn diese Wahl haben die Gesetzgeber insgesamt den Kindern genommen und den Eltern zuerkannt.«

»Geliebter Sohn«, sprach Gargantua, »ich glaub' es Euch und danke dem Herrn, daß durch die Fenster Eurer Sinnen in Eures Geistes Wohnhaus nichts als lautere Wissenschaft Zutritt findet. Denn zu meiner Zeit gab es ein Reich, wo eine besondere Zunft duckmäuserischer Pfaffen dem Ehestand so abhold waren wie die Priester der Cybele in Phrygien, als wenn es Kapaune und nicht mutwillige, geile Hähne wären. Die haben dann den Eheleuten über die Ehe Gesetze erteilt; und ich weiß nicht, wovor man sich mehr entsetzen soll, ob vor der tyrannischen Einbildung dieser gefürchteten Duckmäuser, die innerhalb der Schranken ihrer mystischen Tempel nicht rasten können und sich in Dinge mischen, die ihrem Beruf schnurstracks zuwider und fremd sind, oder vor dem Aberglauben der dummen Eheleute, die so böse, barbarische Satzungen angenommen, ihnen Folge geleistet haben und nicht einsehn (was doch klarer ist als der Morgenstern!), wie solche Heiratsordnungen sämtlich den Vorteil der Pfaffengilde und auch nicht eine das Wohl und Frommen der Eheleute bezwecken. Denn, wie Ihr ganz richtig sagt, kein Recht auf Erden erteilt den Kindern die Freiheit, ohne ihrer Eltern Rat und Wissenschaft sich zu vermählen. Aber nach den Satzungen, von denen ich redete, ist im ganzen Gau kein Kuppler, Schelm, Schalk, Galgendieb, kein so stinkiger, müffiger, schäbiger Schnapphahn, Bandit oder Böswicht, der nicht jedes Mägdlein nehmen könnte, das ihm nur ansteht, und wenn es noch so vornehm, schön, reich, keusch und sittsam wär, wenn sich der Kuppler nur einmal erst mit einem Pfaff verständigt hat, der von dem Raub zu seiner Zeit sein Teil abkriegt.

Geliebter Sohn, nach meinem Hinscheiden baue vor, daß solche Gesetze in diesem Reich nicht Eingang finden! So lang ich selbst in diesem Leib noch atme und lebe, werd' ich darauf gar wohl bedacht sein. Weil Ihr denn nun Eure Heirat mir anheimstellt, bin ich's zufrieden und will's besorgen. Schicket Euch mit Panurg zur Reise an. Nehmt Epistemon mit und Bruder Jahn und wen Ihr noch sonst erwählt.

Mit meinen Schätzen schaltet nach Euerm freien Gefallen; was Ihr auch tut, es kann mir nichts mißfällig sein. Nehmt aus meinem Arsenal Gerät, soviel Ihr wollt, Piloten, Schiffsleute, Dolmetscher, Rudrer, wie Ihr wollt, und segelt aus mit gutem Wind in des behütenden Gottes Namen. In Eurer Abwesenheit werd' ich dann für Euch sowohl ein Weib beschaffen, als auch ein Fest rüsten, welches ich zu Eurer Hochzeit geben will, so stattlich als nur je eins war.«

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