Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Rabelais >

Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
Schließen

Navigation:

Fünfunddreissigstes Kapitel

Wie Panurg bei Triboullet sich Rat holt

Am sechsten Tag drauf kam Pantagruel zur selben Stunde nach Haus, als Triboullet von Blois zu Wasser angelangt war. Panurg verehrte ihm zum Willkomm eine pralle, klappernde Schweinsblase, denn es waren Erbsen darin; ferner einen hölzernen, schön vergoldeten Degen, ein Täschlein von Schildpatt, eine Korbflasch voll Bretanischen Weins und einen Korb voll Äpfel. – Triboullet schnallte den Degen und das Täschlein um, nahm die Schweinsblase in die Hand, aß die Äpfel zum Teil auf und trank den Wein ganz aus. Panurg betrachtete ihn aufmerksam und sprach: »Ich hab' noch keinen Narren gesehn, und sah sie doch schon schockweise, der nicht gern und in langen Zügen getrunken hätte.« Darauf trug er ihm in wohlgesetzten rhetorischen Reden seine Sache vor.

Er war noch nicht zu End damit, da gab ihm Triboullet mit der Faust einen derben Knuff zwischen die Schultern, händigte ihm die Flasche wieder aus, benasenstüberte ihn mit der Schweinsblase und gab weiter keine Antwort von sich, als daß er, stark mit dem Kopfe schlotternd, zu ihm sprach: »Ho, ho, he, Narr wie keiner meh, dem Pfaff paß auf, tüchtig hinten drauf!« Mit diesen Worten entlief er aus der Gesellschaft, spielte mit seiner Blase und ergötzte sich an dem melodischen Schall der Erbsen. Mehr war nicht aus ihm zu bringen, und als Panurg ihn weiter fragen wollte, zog Triboullet seinen hölzernen Degen und wollt' ihn schlagen.

»Wahrlich«, rief Panurg, »da sind wir schön gefahren! Ein saubrer Bescheid! Ein Narr zwar ist er, das ist nicht zu leugnen; aber noch mehr ein Narr war der, der ihn brachte; und ich der größte, der ich ihm meine Gedanken vertraut hab'.« – »Soll das auf mich gehen?« antwortete Karpalim. – »Ohn uns weiter zu ereifern«, sprach Pantagruel, »lasset uns seine Worte und Gebärden in Betracht ziehn. Darin hab' ich bedeutende Mysterien erkannt und mich befremdet jetzt weniger als ehedem, daß solche Narren bei den Türken als Propheten verehrt werden. Habt Ihr wohl acht gegeben, wie sein Haupt hin und her schlottert' und wankte, eh' er den Mund zum Reden auftat? Nach der Lehre der alten Weisen und den Wahrnehmungen der Rechtsgelehrten könnt Ihr ermessen, daß diese Unruhe durch die Inspiration des prophetischen Geistes in ihm erregt wurde, der, wenn er stürmisch in ein kleines und schwächliches Wesen fährt, es dergestalt erschüttert, daß nach ärztlicher Erfahrung die Glieder des menschlichen Leibes ein Zittern befällt, teils wegen des zu schweren Gewichts der ertragenen Last, teils wegen der Schwäche im tragenden Organ und den Kräften des Trägers.

Er schilt Euch Narr. Und was für einen Narrn? ›Wie keiner mehr‹, daß Ihr Euch noch auf Eure alten Tage ins Joch des Ehstands beugen und schmiegen wollt. Er sagt Euch: ›Dem Pfaff paß auf!‹ Bei meiner Ehre, ein Pfaff wird Euch zum Hahnrei machen. Ich setz' mein Ehre zum Pfand; was Größers hätt' ich nicht, und wenn ich Erb- und unumschränkter alleiniger Herr von ganz Europa, Asien und Afrika wär. Die andern Orakel und Weisungen ernannten Euch nur schlechthin zum Hahnrei, aber besagten noch nicht deutlich, wer Euer Weib zum Ehebruch verleiten und Euch zum Hahnrei machen werde. Hier dieser edle Triboullet lehrt's. Wie! Muß Euer Ehebett durch Pfaffen besudelt und verunkeuscht werden?

Weiter sagt er, Ihr würdet ›tüchtig hinten drauf kriegen!‹ Merkt weiter: wie er Euch mit der Schweinsblase nasenstüberte und einen Fauststoß auf's Rückgrat gab, da deutete er an, daß sie Euch schlagen, nasenstübern, bestehlen wird, so wie Ihr selbst die Schweinsblase erst den kleinen Kindern im Dorf gestohlen hattet.«

»Im Gegenteil«, versetzte Panurg. »Nicht daß ich mich schamlos vom Narrengau lossagen wollt': bin da zu Haus, gehör« hinein, ich geb's gern zu. Die ganze Welt ist närrisch. Alles steckt voll Narren. Salomo spricht, der Narren Zahl ist unendlich. Und ein Narr wär ich wie keiner, wenn ich, als Narr, mich für närrisch nicht halten wollte. – Doch seine übrigen Worte und Gesten sind für mich. Er sagt zu meinem Weib: ›Dem Pfaff paß auf!‹ Das ist aber ein kleiner Dompfaff, an dem sie sich erlustigen wird, wie des Catullus Lesbia an ihrem Spatz; der wird Mucken fangen, mit dem wird sie sich Zeit und Weil so fröhlich vertreiben, wie noch nie.

Dann sagt er: sie wird ländlich und hold sein, sie wird hinten rum was Tüchtiges haben. Wie wohl erkennt doch dieser wahrhaftige Triboullet mein Naturell und meine innersten Passionen! Denn dies beteur' ich Euch: weit lieber hab' ich die muntern Dirnen, die Schäfermaidlein im fliegenden Haar, denen der Steiß nach Heu riecht, als die vornehmsten Damen bei Hof und reichen Schlampen, parfümiert mit Bisam und Moschus. Ein treuer Narr, ein biedrer Narr! Ich bin gut für ihn. Wer Übels von ihm denkt, tut Sünde. Ich vergeb' ihm vom Grund der Seele. Er hat mich genasenstübert: das sind die kleinen Schäkerein, die ich und mein Weiblein treiben werden, wie alle jungen Eheleute tun.«

 << Kapitel 108  Kapitel 110 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.