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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweiunddreissigstes Kapitel

Wie Gänszaum die Geschichte von dem Prozeßvergleicher erzählt

»Dabei fällt mir ein«, fuhr Gänszaum fort, »wie ich noch unter dem Magister Strafgesetz die Rechte studierte, da war in Semerve einer namens Peter Bumbaum, ein respektabler Ehrenmann und braver Bauer, schon etwas bei Jahren, wohl angesehen, der, wie er sagte, den werten Mann Lateran-Konzil in seinem großen roten Hut noch wohl gekannt habe, samt dessen Weib, der guten Dame Sanktio Pragmatika in ihrem rostbraunen Atlaskleid und mit dem schweren Pfund-Paternoster von schwarzem Achat. Dieser Ehrenmann verglich euch mehr Prozesse, als jemals bei allen Gerichtshöfen Frankreichs zusammen erledigt worden sind. Alle Händel, Prozesse und Zwiste wurden nach seinem Spruch wie in oberster Instanz geschlichtet, wenn er auch kein Richter war, sondern nur ein Ehrenmann. (Arg. in l. sed si unius. ff. de jurejur.) In der ganzen Nachbarschaft ward kein Schwein geschlachtet, wovon er nicht Würste und Metzelsuppe erhalten hätte, und fast alle Tag war er zu Gast, zum Schmaus, zur Hochzeit, Kindtauf, Kirchgang und in der Schenk, um Vergleiche abzuschließen, wohlzumerken! Denn nie verglich er die Leute zusammen, sie hätten denn zum Zeichen der Aussöhnung, vollkommnen Eintracht und neuen Freundschaft eins miteinander getrunken (ut not. per Doct. ff. de peric.). Dieser treffliche Mann hatte auch einen Sohn, mit Namen Töffel Bumbaum; der wollte sich gleichfalls mit aufs Prozeßvergleichen legen, wie ihr denn wohl wißt. Der gab sich selbst den Titel ›Prozeßvergleicher‹ und war in diesem Handwerk so rührig und vigilant, daß, wie er nur irgendeinen Prozeß oder Streit im Land roch, er spornstreichs zufuhr und die Parteien vergleichen wollte. Es glückte ihm aber so schlecht damit, daß er auch nicht einen einzigen Streit zu schlichten vermochte, auch nicht den kleinsten. Anstatt die Leute zu versöhnen, verhetzte und erbitterte er sie nur ärger; denn ihr wißt wohl, ihr Herren:

Schwätzen tun alle Leut,
Aber nicht alle gescheit!

Da klagte er einmal seinem Vater sein Leid und schob die Schuld davon auf die Verkehrtheit der Menschen. ›Mein Sohn Bumbaum‹, antwortete der Vater, ›mußt's anders machen. Hier liegt der Has just nicht im Pfeffer. Du bringst nie einen Vergleich zu Weg. Warum? Du nimmst die Händel im Anfang, wenn sie noch frisch und grasgrün sind. Ich aber, ich vergleich' sie alle. Warum? Ich nehm' sie erst am End, laß sie fein reif und zeitig werden. Weißt du nicht, was das gemeine Sprichwort sagt: Wohl dem Arzt, den man rufen läßt, wann die Krankheit zu End geht? Die Krankheit ging von selbst zur Neige, wenn auch kein Arzt dazugekommen wäre: so auch neigten sich meine Bauern von selbst zum End des Streites, denn ihr Beutel war leer. Sie ließen von selbst das Hadern und Klagen, weil sie nichts mehr im Sack hatten, mit dem sie ihren Streit weiterführen konnten. Es fehlte ihnen nur noch an einem, der gleichsam den Braut- und Mittelsmann machte, der von Vergleichung zu reden anfing und ihnen beiden die ewige Schande ersparte, daß man gesagt hätte: der hat zuerst von einem Vergleich geredet, er ist's zuerst sattgeworden, sein Recht war eben nicht das beste. Ich sag' dir, Bumbaum, mein Sohn, daß ich auf diesem Weg, wenn nicht Frieden, so doch Waffenstillstand stiften wollt' zwischen dem großen König und den Venezianern, zwischen Kaiser und Schweizern, zwischen Engländern und Schotten, zwischen dem Papst und Ferrara.‹

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