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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Wie Pantagruel Panurg beredet, sein Heil bei einem Narren zu versuchen, und zwar bei Triboullet

Nach Tisch, auf dem Weg in sein Gemach, sah Pantagruel Panurg, der sich ganz dämlich wie im Traum gebärdete und mit dem Kopfe wackelte, und sprach zu ihm: »Ihr kommt mir vor wie eine Maus im Pech: je mehr sie sich herausarbeiten will, desto tiefer rutscht sie in das Mus. Hört an. Ich hab' wohl öfters schon sagen hören, ein Narr könnt' einen Weisen lehren. Weil Euch nun der Weisen Bescheid nicht zufriedenstellt, beratet Euch doch mit einem Narren. Ihr wißt wohl, wie viele Fürsten, Könige und Staaten schon durch Narrenratschlag, -eingebung und -prophezeiung erhalten, wie viele Schlachten gewonnen, wie viele Zweifel erledigt worden sind. Laßt Euch nur ein Beispiel von Narrenweisheit erzählen, und zwar vom Vater Jean, dem berühmten Narren von Paris. Der Fall ist dieser:

Zu Paris, in der Garküch zum kleinen Schlössel, verzehrte ein Packträger am Herd des Garkochs sein Brot beim Bratenrauch und fand es, so durchräuchert, gar lecker. Der Garkoch ließ ihn gewähren. Zuletzt, als er sein Brot nun aufgegessen, erwischte der Koch den Packträger beim Kragen und verlangte die Zahlung für seinen Rauch. Der Packträger meinte, er hätt' ihm keinen Schaden getan an seinem Fleisch, ihm von dem Seinen nichts entwendet und sei ihm also auch nichts schuldig.

Der Rauch, den er bezahlt haben wolle, flög' auf und ging verloren so oder so; nie hätt' man noch in Paris erhört, daß Bratenrauch wär bezahlt worden. Der Koch entgegnete, er hätt's nicht nötig, die Packträger mit seinem Rauch zu füttern, und schwur, wenn er's ihm nicht bezahle, nehme er ihm seinen Tragriemen. Der Packträger zog seinen Knüppel und setzte sich zur Wehr.

Der Zank wurde hitzig, das Pariser Maulaffenvolk drängte sich von allen Enden zu dem Streit herbei, und auch Vater Jean, der Narr und Bürger von Paris, kam wie gerufen mit dazu. Wie den der Koch sah, frug er den Packträger: ›Willst du diesen edeln Meister, den Vater Jean, unsern Zwist schlichten lassen?‹ – ›Beim Antlitz Gottes‹, sprach der Packträger, ›das will ich.‹ – Als Jean nun den Handel vernommen, befahl er dem Packträger, aus seinem Gurt ein Stück Geld zu langen. Der Packträger gab ihm einen Silbergroschen. Jean nahm ihn, legte ihn sich auf die linke Schulter, als wollt' er probieren, ob er das Gewicht habe, drauf klingelte er mit ihm in der rechten Hand, als wollt' er sehen, ob er die richtige Währung hätte; drauf hielt er ihn dicht an sein rechtes Aug, ob er auch wohl geprägt sei. All diesem schaute das Maulaffenvolk in tiefstem Schweigen, der Koch mit fester Zuversicht, der Packträger voll Verzweiflung zu. Zuletzt ließ er das Geldstück mehrmals auf den Herd aufklingen. Schließlich, mit Präsidentenmajestät, die Narrenpritschte in der Faust, als wenn es ein Zepter wär, und seine Narrenkappe von Affenpelz übers Haupt gezogen, räusperte er sich vorläufig zwei- bis dreimal laut, dann sprach er mit vernehmlicher Stimme: ›Der Gerichtshof entbeut euch, daß der Packträger, der sein Brot bei dem Rauch des Bratens verzehrt hat, den Koch zu Recht zu bezahlen habe mit dem Klang des Geldes. Und ist des hohen Gerichtshofs Befehl, ein jeder geh in sein vier Pfähl. Ohne Kosten. Von Rechts wegen!‹

Dies Urteil des Pariser Narren hat den gelehrten Doktoren so gerecht und billig, ja so erstaunenswert bedünkt, daß sie, im Fall auch der Handel selbst im Parlament oder gar vor dem Areopag entschieden worden wäre, bezweifelten, ob da gerechter erkannt worden wäre. Deshalb bedenket Euch, ob Ihr nicht auch von einem Narren Rat holen wollt.«

»Bei meiner höchsten Seel! Ich will es«, antwortete Panurg; »ich spür', jetzt geht der Stuhlgang wieder! Aber, wie wir erst den feinsten Milchrahm der Weisheit zu Rat gezogen haben, möcht' ich nun auch, daß einer, der Narr im höchsten Grad ist, in unsrer Synode das Präsidium führt.« – »Triboullet«, sprach Pantagruel, »scheint mir genugsam Narr zu sein.« –

»So kommt denn«, rief Panurg, »laßt uns zu ihm unverzüglich! Er steckt uns sicher ein neues Licht auf, darauf hoff ich bestimmt.« »Ich will«, versetzte Pantagruel, »auf den Termin des Gänszaum reisen. Während ich nach Schwatzenbach geh, send' ich Karpalim, daß er uns den Triboullet von Blois herbeiholt.« – Also ward Karpalim abgefertigt; Pantagruel und seine Genossen Panurg, Epistemon, Ponokrates, Bruder Jahn, Rhizotomus, Gymnastes und die übrigen begaben sich nach Schwatzenbach.

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