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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Stülphändschs fernere Antworten

»Ihr redet nichts als Weisheit«, sprach Panurg, »aber mir ist, als wenn ich unten in dem finstern Brunnen säß, in dem die Wahrheit stecken soll. Ich seh keinen Stich, ich versteh nix, ich fühl mich in allen Sinnen wie zerschlagen und fürchte sehr, man hat mich behext. Jetzt soll's aber aus einem andern Ton gehen. Holla, lieber Getreuer, bekennt! Weicht nicht aus! Andre Karten her! Und laßt uns ohn Umschweife reden; diese verdrießen Euch nur, das merk' ich wohl. Wohlan dann, in des Herrn Namen! Soll ich frei'n?

Stülphändsch: Es hat den Anschein.

Panurg: Und wenn ich nicht frei?

Stülphändsch: Seh ich dawider kein Bedenken.

Panurg: Seht Ihr keins?

Stülphändsch: Keins, oder mein Gesicht betrügt mich.

Panurg: Und ich seh ihrer mehr denn fünfhundert.

Stülphändsch: Zählt sie auf!

Panurg: Nun wohl, ich kann ohne Weib nicht sein, bei allen Teufeln!

Stülphändsch: Laßt den Teufel aus dem Spiel!

Panurg: Nu meinethalben dann bei Gott! Denn meine Salmigundier sagen: allein, ohne Weib schlafen, heißt wie das liebe Vieh gelebt; und so meint's auch Dido in ihrem Klaglied.

Stülphändsch: Wie Ihr meint.

Panurg: Dürft mir's glauben! Also: soll ich frei'n?

Stülphändsch: Vielleicht.

Panurg: Und wird mir's auch wohl geraten?

Stülphändsch: Je nachdem es fällt.

Panurg: Und wenn mir's gut fällt, wie ich verhoff, werd ich dann glücklich sein?

Stülphändsch: Genugsam.

Panurg: Jetzt anders 'rum: und wenn es schlimm fällt?

Stülphändsch: Kann ich nix zu.

Panurg: Herrgott! Gebt mir doch einen Rat. Was soll ich tun?

Stülphändsch: Was Ihr wollt.

Panurg: Potz Donner und Wetter!

Stülphändsch: Ich bitt Euch, flucht nicht!

Panurg: In Gottes Namen. Nur gebt mir Rat. Was ratet Ihr mir?

Stülphändsch: Nichts.

Panurg: Soll ich frei'n?

Stülphändsch: Ich dacht nicht dran.

Panurg: Ich werd also nicht frei'n.

Stülphändsch: Ich kann's nicht hindern.

Panurg: Und frei ich nicht, kann ich kein Hahnrei werden?

Stülphändsch: Das erwog ich eben.

Panurg: Setzt den Fall, ich hätt' gefreit.

Stülphändsch: Wohin soll ich ihn setzen?

Panurg: Ich sag', nehmt an, ich hätt' gefreit.

Stülphändsch: Da hab ich andres zu tun.

Panurg: Ei! So hol Euch doch ... Hui, wer jetzt fluchen dürfte! Nun, Geduld. – Also: frei ich, so werd ich wohl zum Hahnrei?

Stülphändsch: Man sollt' es denken.

Panurg: Wenn aber mein Weib fromm und keusch ist, werd ich wohl nicht zum Hahnrei werden?

Stülphändsch: Mir scheint, Ihr habt ganz recht.

Panurg: Hört an!

Stülphändsch: So lang Ihr wollt.

Panurg: Wird sie auch fromm und keusch sein? Denn da sitzt's.

Stülphändsch: Ich bezweifel's.

Panurg: Ihr habt sie nie gesehen?

Stülphändsch: Nicht daß ich wüßt'.

Panurg: Warum also bezweifelt Ihr, was Ihr nicht kennt?

Stülphändsch: Aus Erfahrung.

Panurg: Und wenn Ihr sie kenntet?

Stülphändsch: Dann noch mehr.

Panurg: He, Bub! Mein Schatz, da nimm meine Mütz' und spring in den Hof und fluch für mich ein halbes Stündel. Ich will auch für dich mal wieder fluchen! – Wer aber wird mich zum Hahnrei machen?

Stülphändsch: Jemand.

Panurg: Nun, jemand, Schwerenot! Euch will ich hahnreien, mein Herr Jemand.

Stülphändsch: Wie Ihr meint.

Panurg: Der Teufel und seine Großmutter hol' mich mitsammen, wenn ich nicht meinem Weib ein Vorhängschloß anleg, so oft ich von meinem Taubenschlag geh.

Stülphändsch: Redet etwas anständiger.

Panurg: Verflucht! Ich scheiß aufs Reden, kommt zum Schluß.

Stülphändsch: Mir ist's recht!

Panurg Halt! Weil ich auf dem Weg Euch kein Blut abzapfen kann, will ich ein andre Ader probieren. Seid Ihr beweibt, oder seid Ihr's nicht?

Stülphändsch: Keins von beiden, und dennoch beides.

Panurg: Gott steh uns bei! Heiliger Florian, ich schwitz vor Anstrengung, mein ganzer Habitus ist durcheinandergewürfelt, vor lauter Müh', Euch zu verstehen.

Stülphändsch: Geht mich nix an.

Panurg: Also nochmals, lieber. Getreuer! Seid Ihr beweibt?

Stülphändsch: Ich will's meinen.

Panurg: War't Ihr's schon vorher einmal?

Stülphändsch: Wohl möglich.

Panurg: Bekam's Euch wohl, das erstemal?

Stülphändsch: Ist nicht unmöglich.

Panurg: Und wie bekommt's Euch zum zweitenmal?

Stülphändsch: Wie Gott will.

Panurg: Nicht doch! Im Ernst, bekommt's Euch wohl?

Stülphändsch: Es ist wahrscheinlich.

Panurg: Nun helf mir Gott und seine Heerscharen! Lieber will ich einem toten Esel einen Furz entlocken denn Euch eine Antwort. Jetzt aber fang' ich Euch dennoch. Lieber Getreuer, dem höllischen Feind zum Possen, bekennt die Wahrheit: War't Ihr je Hahnrei? Ich meine Ihr hier vor mir, nicht Ihr da drunten beim Ballspiel.

Stülphändsch: Nicht, wenn es nicht vorher bestimmt war.

Panurg: Beim Fleisch, ich entsag'; beim Blut, ich hör' auf, bei des Herrn Leichnam, ich verzicht! Er entwischt mir!«

Bei diesen Worten erhob sich Gargantua und sprach: »Dem guten Gott sei Lob für alles. Die Welt ist, seh ich wohl, ein feiner Fant geworden, seit ich sie jung gekannt hab. Sind wir soweit? Fürwahr, hinfort wird man den Leuen leichter bei der Mähne, das Roß beim Haar, den Stier beim Horn, den Büffel bei der Schnauz, den Wolf beim Schwanz, die Geiß beim Bart, den Vogel bei den Beinen greifen, als einen solchen Philosophen bei seinen Worten und Redensarten. Gott sei mit euch, ihr guten Freunde!« – Mit diesen Worten begab er sich aus der Gesellschaft weg. Es wollten Pantagruel und die andern ihm folgen, aber er ließ es nicht zu.

Nachdem Gargantua aus dem Saal war, sprach Pantagruel zu den Gästen: »Mir fehlt der Plato unsrer Ratgeber. Wo ist denn Gänszaum, unser Freund?« – Darauf erwiderte Epistemon, Gänszaum sei eben nach Schwatzenbach geladen worden, um daselbst persönlich zu erscheinen und vor den Ratsherrn Rechenschaft von einem Urteil abzulegen, das er gefällt hatte. – »Ich muß doch hören«, sprach Pantagruel, »was dies ist. Seit länger denn vierzig Jahren ist er nun Richter in Fonsbeton. Die Zeit her hat er mehr als 4000 Urteile erlassen: 2309 der von ihm gefällten Urteile sind von den leidtragenden Parteien bei dem Oberhofgericht angefochten, aber all durch Spruch desselben approbiert und bestätiget und die Berufungen umgestoßen und für nichtig erklärt worden; daß man ihn jetzt auf seine alten Tag persönlich vorlädt, ihn, der die ganze Zeit so heilig in seinem Beruf gelebt hat, kann nicht mit rechten Dingen zugehn. Ich will ihm mit aller meiner Macht nach Billigkeit beistehn; ich weiß wohl, die Bosheit der Welt ist heutzutag so mächtig, daß das beste Recht des Beistands bedarf. Ich will alsbald dazutun, daß man uns nicht zuvorkomm.«

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