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Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Furchtbare Rache - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorNikolai Gogol
booktitleDie schönsten Kosakengeschichten
titleFurchtbare Rache
publisherAlbert Langen, München
printrun21. bis 23. Auflage
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130315
modified20160926
projectid4b738435
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4

Der Tag sah hell, doch ohne Sonnenschein, ins Fenster. Der Himmel war bewölkt. Ein feiner Regen sprühte über die Felder, die Wälder und den breiten Dnjepr. Frau Katherina wachte auf, es war jedoch kein fröhliches Erwachen. Ihre Augen waren verweint, ihr Herz bedrückt und angsterfüllt.

»Geliebter Mann, mir hat so wunderlich geträumt!«

»Was träumte dir, geliebte Katherina?«

»Mir hat geträumt – und es ist seltsam: so deutlich war der Traum, als sei er Wirklichkeit –, mit hat geträumt, mein Vater war der Unhold, den wir beim Obersten zur Hochzeit sahen. Ich bitte dich: gib nichts auf diesen Traum, – was träumt dem Menschen oft für dummes Zeug! Ich stand vor ihm und zitterte am ganzen Leib. Ich hatte solche Furcht, und seine Worte gossen zehrendes Gift in meine Adern. O wüßtest du, was er mir sagte . . .!«

»Was hat er dir gesagt, geliebte Katherina?«

»Er sagte mir: ›Sieh, Katherina, was für ein schmucker Bursch ich bin! Und daß ich häßlich wäre, – das lügen die Leute bloß in ihren Hals. Du findest keinen schöneren Gemahl. Schau mir nur in die Augen!‹ Und dann bohrte er seine blitzenden Augen in mein Gesicht, – ich schrie laut auf vor Schrecken und erwachte.«

»Ja, Träume, sagt man, reden oft die Wahrheit,« sprach Herr Danilo sinnend und fuhr fort: Du, Katherina, weißt du schon: es soll über den Bergen drüben nicht mehr ganz sicher aussehn. Man hört, daß die Polacken Unrat planen. Der alte Gorobetz hat Botschaft an mich geschickt: ich soll nicht schlafen. Da sorgt er sich umsonst, – ich schlaf' schon nicht. Zwölf tüchtige Verhaue hab' ich heut nacht gebaut mit meinen Burschen. Wir werden die Polackenschaft auf bleigegossene Pflaumen zu Gaste laden, und ihren edeln Junkern bring' ich mit dem Stock das Tanzen bei!«

»Und weiß der Vater schon davon?«

»Von deinem Vater hab' ich bald genug! Bis auf den heutigen Tag werd' ich nicht klug aus ihm. Er mag wohl manche schlimme Tat begangen haben dort unten in dem fernen Land. Was hat er sonst für einen Grund, sich so zu zeigen? Seit einem Monat haust er jetzt bei uns und hat sich doch noch niemals einen frohen Rausch gekauft, wie ein rechtschaffener Kosak. Met mag er keinen trinken, sagt er! Denk dir, Katherina: er mag den Met nicht trinken, den ich den Brester Juden abgepreßt hab'. – He, Bursch,« rief Herr Danilo, »mach dich auf die Strümpfe, lauf in den Keller und hol mir einen Krug vom Judenmet! – Nicht einmal Branntwein trinkt dein Vater! Ist das vielleicht nicht unnatürlich? Ich möchte wetten, Katherina: er glaubt auch nicht an unsern Heiland Jesum Christum. Was? Oder meinst du nicht?«

»Mein Gott, was du dir alles denkst, Herr . . .!«

»Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehn, Katherina?« fuhr Herr Danilo fort und nahm dem Burschen den Tonkrug aus der Hand. »Selbst die verfluchten Katholischen sind auf den Branntwein ganz versessen; bloß von den Moslim weiß man, daß sie keinen trinken. – Na, Stetzko, wie viel Met hast du dir zu Gemüt geführt im Keller unten?«

»Nur einen Schluck gekostet, Herr . . .«

»Das lügst du in deinen Hals, Hundsfott, verdächtiger! Wo jeder sieht, wie ihm die Fliegen um den Schnauzbart wimmeln. Und auch an deinen Augen sieht man's ganz genau: gut einen halben Eimer hast du dir durch die Gurgel laufen lassen. Ach, ihr Kosaken! Seid ihr ein tolles Volk! Alles schenkt ihr den Kameraden weg; bloß das, was trinkbar ist, – das sauft ihr gern allein. – Aber von mir kannst du nichts sagen, Katherina, ich war schon lange nicht mehr voll. Was? Oder . . .?«

»Das nennt er lange! Wo er erst am letzten . . .«

»Hab keine Angst, hab keine Angst! Ich trink' ja bloß den einen Krug! – Natürlich, der hat mir gerade jetzt gefehlt: da karrt der Teufel den türkischen Prior durch die Tür herein!« brummte Danilo vor sich hin.

Der Schwäher trat ins Zimmer, nahm die Mütze vom Kopf und zog den Gürtel glatt, an dem ein Säbel hing, der bunt von fremden Steinen funkelte.

»Was hat das zu bedeuten, Katherina?« fragte er. »Die Sonne steht zuhöchst am Himmel; warum ist denn das Mahl noch nicht gerüstet?«

»Das Mahl ist fertig, Vater; wir tragen es gleich auf. – Nimm du die Klöße aus dem Ofen!« sprach Katherina zu der alten Magd, die die hölzernen Teller wischte. »Nein, wart, ich nehm' sie selbst heraus. Ruf du die Burschen!«

Sie ließen sich im Kreis am Boden nieder, – gegenüber dem Herrgottswinkel der Herr Vater, zu seiner Linken Herr Danilo, zu seiner Rechten Katherina, und weiterhin die zehn erlesenen Kosaken des Herrn Danilo in blauen und in gelben Röcken.

»Ich mag die Klöße nicht!« sagte der Vater, als er gekostet hatte, und ließ den Löffel sinken. »Sie schmecken ja nach nichts.«

– Nimmt mich nicht wunder, wenn du jüdische Nudeln lieber frißt! dachte Danilo bei sich. Laut aber sagte er:

»Schwäher, wie kannst du sagen, die Klöße schmecken nach nichts? Sind sie vielleicht nicht gut gekocht? Meine Katherina versteht sich doch auf Klöße. So gut kriegt sie der Hetman selber nicht oft auf seinen Tisch. Und Klöße zu verachten, liegt kein Grund vor, – sie sind ein christliches Gericht! Alle Heiligen und alle gottgefälligen Christen haben Klöße sogar gern gegessen.«

Der Vater sagte kein Wort. Auch Herr Danilo aß schweigend fort.

Dann wurde ein gebratener Keiler mit Weißkohl und Pflaumen aufgetragen.

»Ich mag kein Schweinefleisch!« sprach Katherinens Vater und stocherte mit seinem Löffel in dem Kohl herum.

»Wie kann man Schweinefleisch nicht mögen!« erwiderte Danilo. »Türken und Juden bloß ekeln sich vor Schweinefleisch.«

Noch finsterer zog der Alte die Stirn in Falten. Er aß nur Mehlbrei und trank dazu anstatt des Branntweins eine schwärzliche Flüssigkeit, die er in einer Flasche bei sich im Busen trug.

Nach dem Essen machte Danilo ein gesundes Schläfchen, das bis zum Abend dauerte. Dann setzte er sich hin und schrieb ein Weilchen an der Musterungsrolle für das Kosakenheer. Katherina saß auf der Ofenbank und schaukelte mit ihrem Knie die Wiege.

Danilo sitzt und blickt mit einem Auge auf sein Schreibwerk, das andere Auge schweift unruhig zum Fenster. Hinter dem Fenster glänzen fern die Berge und der Dnjepr. Drüben über dem Dnjepr stehen blau die Wälder. Der nächtige Himmel ist fast wolkenlos.

Doch Herr Danilo weidet sein Auge nicht am hohen Himmel, noch an den blauen Wäldern: er späht hinab zur Felsenzunge, auf der die alte Burg steht. Ihm ist, als hätte er in einem kleinen Fenster der Burg ein Licht bemerkt. Aber es rührt sich nichts, – er hat sich wohl geirrt. Er hört nur, wie unten dumpf der Dnjepr rauscht. Im Dreitakt wechselnd klingt der Anschlag der Wellen an den Strand. Der Dnjepr tobt nicht. Er brummt und murrt verdrießlich wie ein alter Mann. Nichts ist ihm recht, nichts dünkt ihn mehr wie ehedem. Er hadert leise mit den Uferbergen, den Wäldern und den Wiesen und trägt die Klagen wider sie hinab zum Schwarzen Meer.

Da taucht im breiten Dnjeprspiegel schwarz ein Punkt auf. Es ist ein Kahn. Und oben in der Burg blinkt wiederum ein Licht.

Danilo pfeift, und auf den Pfiff tritt sein getreuer Bursche in die Stube.

»Du, Stetzko, nimm den Säbel und die Büchse und komm mit!«

»Du gehst?« sprach Katherina.

»Jawohl. Muß einmal nachsehn, ob auch alles in Ordnung ist!«

»Ich fürchte mich vor dem Alleinsein. Ich bin auch schon so müde . . . Lieber Gott, und wenn mir wieder das gleiche träumt . . .! Ich weiß auch nicht genau, ob es nicht mehr als nur ein Traum war, – so furchtbar deutlich stand das alles vor mir . . .«

»Die Alte ist bei dir; im Flur und auf dem Hofe schlafen die Kosaken . . .«

»Die Alte schnarcht ja schon, und auf die Burschen ist nicht viel Verlaß. Horch einmal, Herr Danilo: schließ du mich in die Stube ein und nimm den Schlüssel mit! Dann hab' ich nicht so Angst. Und die Kosaken sollen sich vor die Türe legen.«

»Ja, schon gut,« sprach Herr Danilo. Er wischte den Staub von der Muskete und schüttete Pulver auf die Pfanne.

Der treue Stetzko stand schon gerüstet und bereit. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, er machte das Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, drehte den Schlüssel um und ging zwischen den schlafenden Kosaken durch über den Hof, gegen den Berg zu.

Ein frischer Windhauch kam vom Dnjepr. Hätte nicht in der Ferne eine Möwe ihr schrilles Klagen durch die Nacht geschickt, so wäre die Welt ganz stumm gewesen. Da plötzlich wurde ein Rascheln laut . . . Burulbasch und sein treuer Bursch verbargen sich in einem Schlehenstrauch. Den Berg herunter kam ein Mann. In seinem Gürtel staken zwei Pistolen und ein Säbel.

»Der Schwäher!« flüsterte Danilo. »Was tut er hier um diese Zeit, und wohin will er? – Stetzko, schlaf nicht, reiß deine Augen auf und sieh, wo der Herr Vater bleibt!«

Der Mann im roten Rocke schritt zur Felsenzunge am Fluß hinab.

»Ah! Dahin?« sprach Herr Danilo. »Was, Stetzko, er ist in das Zauberernest . . .?«

»Das ist er, nirgend anders hin,« gab der Kosak zur Antwort. »Sonst hätte er da drüben wieder zum Vorschein kommen müssen. Er ist dort bei der Burg verschwunden.«

»Ihm nach!« befahl Danilo. »Dahinter steckt etwas. – Na, Katherina, hab' ich's dir nicht gesagt, dein Vater ist ein schlechter Kerl? Wenn einer auch schon immer alles anders macht als jeder richtige Christenmensch . . .!«

Bald tauchten Herr Danilo und sein treuer Kosak dort unten bei der Felsenzunge auf. Dann waren sie verschwunden. Das Waldesdickicht, das die Burg umgab, barg sie vor jedem Blick. Hoch oben war ein kleines Fenster matt erhellt. Unten standen die zwei Kosaken und überlegten, wie sie hinaufgelangen könnten. Kein Tor und keine Tür zu sehen . . . Im Hofe freilich mußte ein Eingang sein. Unmöglich aber, in den Hof zu kommen . . .! Man hörte drinnen Kettengeklirr und das Getrappel vieler Hundefüße . . .

»Warum besinn' ich mich noch lang'?« spricht Herr Danilo und zeigt auf eine Eiche, die vor dem Fenster steht. »Bleib du hier unten, Stetzko! Ich klettere auf die Eiche, – von ihr kann ich gerade in das Fenster sehen.«

Er öffnet seinen Gurt und legt den Säbel ab, damit ihn dessen Klirren nicht verrate. Dann packt er einen Zweig und schwingt sich geschickt empor. Er setzt sich auf einen Ast dicht unterm Fenster und späht hinein. Im Zimmer brennt kein Licht, und dennoch ist es hell. Seltsame Zeichen sind an die Wand gemalt. Und Waffen hangen dort von unbekannter Art. Solches Gewaffen trägt nicht der Türke, nicht der Tatar der Krim, nicht der Polacke, auch der Christ nicht, und nicht das kriegerprobte Schwedenvolk. Mit weißem Linnen ist der Tisch bedeckt. Unter der Decke flattern Fledermäuse hin und her, und ihre Schatten huschen über Wände, Tür und Boden.

Lautlos dreht sich die Tür in ihren Angeln. Ins Zimmer tritt ein Mann in rotem Rock und geht schnell auf den Tisch zu.

Er ist's! Der Schwäher! – Herr Danilo duckt sich und schmiegt sich enger an den Stamm.

Aber der Schwäher hat nicht Zeit, sich umzusehen, ob ihm ein ungebetener Gast ins Fenster späht. Mit finsterer Miene reißt er das Tuch vom Tisch . . . Und plötzlich strömt ein stilles, klar blaues Licht durch das Gemach. Nur schmale Streifen des goldigen Lichtes von vorhin schwimmen und schwanken gleich Marmoradern in dem blauen Meer. Nun setzt der Alte eine Schale auf den Tisch und wirft beschwörend Kräuterwerk hinein.

Danilo sieht: verschwunden ist der rote Rock, – der Schwäher steht in weiten Pluderhosen da, wie sie die Moslim tragen. Auf seinem Haupt sitzt eine wunderliche Mütze. Die ist mit Sprüchen in einer Schrift bestickt, die weder russisch ist noch polnisch. Auch das Gesicht des Alten wandelt sich: die Nase schießt ihm in die Länge und hängt ganz schief, der Mund reckt sich bis an die Ohren, ein Zahn wächst aus dem Mund hervor und krümmt sich einem Hauer gleich, – vor Herrn Danilo steht der Zauberer, den er in Kiew bei der Hochzeit sah.

– Wahr hat dein Traum gesprochen, Katherina! denkt Burulbasch.

Der Zauberer wandelt gemessenen Schrittes um den Tisch. Schneller wechseln die Zeichen an den Wänden. Wieder huschen die Fledermäuse hin und her und auf und nieder. Das blaue Licht stirbt allgemach. Nun ist es tot. Ein sanftes Rosenlicht weht durch die Stube. Wunderlieblich fließt dies Licht mit sanftem Rauschen still bis in die fernsten Winkel. Plötzlich verlischt es wieder, und schwarze Finsternis erfüllt den Raum. Ein Tönen ist in der Luft, wie wenn zur Abendzeit ein leiser Wind die Fluten kräuselt und das Gezweig der Silberweiden spielend ins Wasser taucht. Danilo meint dort in der Stube den blanken Mond zu sehen, und um ihn her den Sternenreigen an einem schwarzen Firmament, – ein Hauch der nächtigen Kühle streift sein Gesicht. Dann wieder meint Danilo – und er reißt sich derb am Schnauzbart, um sich zu überzeugen, daß er nicht träumt –, dann wieder meint er, er sähe plötzlich in der Stube nicht mehr den Himmel, sondern sein eigenes Schlafgemach. Da hangen die Tataren- und Türkensäbel an der Wand. Rings um die Wand zieht sich das Bort mit Töpfen und mit Humpen. Dort auf dem Tisch liegt Salz und Brot. Am Nagel hängt die Pfeife. Doch statt der Heiligenbilder schauen greuliche Fratzen aus den Rahmen. Und auf der Ofenbank . . . Aber ein Nebel sinkt und hüllt das Ganze ein. Wieder herrscht tiefe Finsternis. Und wieder erfüllt mit feinem Klingen das Rosenlicht den Raum, und wieder steht starr und stumm der Zauberer da, den wunderlichen Turban auf dem Kopf. Das Klingen wächst zu mächtiger Fülle und Tiefe an, das sanfte Rosenlicht wird stechend, – ein weißes Etwas, einer Wolke gleich, schwebt leicht inmitten des Gemachs.

Herrn Danilo will es scheinen, als ob die Wolke keine Wolke sei, als schwebe dort der Körper einer Frau. Nur weiß er nicht, aus welchem Stoff sie ist. Ist sie aus Luft gewoben? Sie steht, und ihre Füße treten nicht auf den Boden. Auch mit den Händen stützt sie sich nicht. Das Rosenlicht, die Zeichen an der Wand, – es schimmert alles durch sie hindurch. Nun regt sie leis den Kopf. Die Augen glänzen still in bleichem Blau. Das Haar, das ihr in Ringellocken auf die Schultern fällt, ist einem lichten Nebel gleich. Auf ihren Brauen dunkelt ein Hauch von Schwarz, in ihre Lippen strömt ein blasses Rot, wie wenn der Morgenröte erstes Ahnen über den farblos weißen Dämmerungshimmel schleicht . . .

O, das ist Katherina! – Danilo ist's, als schnürten schwere Fesseln seine Glieder. Er möchte aufschrein; seine Lippen bewegen sich, – es dringt kein Laut hervor.

Starr steht der Zauberer immer noch auf dem gleichen Fleck.

»Wo warst du?« spricht er. Und bang erbebt das Nebelbild.

»Ach! Warum hast du mich gerufen?« ächzt das Weib. »Mir war so froh zu Sinn. Ich war ja dort, wo ich geboren bin, wo ich durch fünfzehn Jahre lebte. Dort ist es schön. Wie grün und duftig ist die Wiese, die meine Kinderspiele sah! Dort blühen noch wie einst die Blumen; auch unser Garten ist noch da und unser Haus! So warm schlang ihren Arm um mich die Mutter! So voller Liebe war ihr Blick! Sie herzte mich und küßte mich auf Mund und Stirn. Es strählte mir ihr Kamm das blonde Haar . . . Ach, Vater!« Sie bohrt den Blick der blassen Augen in das Gesicht des Zauberers. »Ach, Vater, warum erstachst du meine Mutter?«

Zornig zeigt ihr der Zauberer die Faust.

»Hieß ich dich davon reden?«

Ein Zittern packt das schöne Luftgebilde.

»Wo ist jetzt deine Herrin?« spricht der Zauberer.

»Die Herrin Katherina liegt tief im Schlaf. Und ich war froh, – ich schwang mich auf und flog schnell in die Weite. Lang' hab' ich nach der Mutter mich gesehnt . . . Und plötzlich war ich fünfzehn Jahre, so wie einst. Leicht fühlt' ich mich, dem kleinen Vogel gleich . . . – Ach, Vater, warum riefst du mich?«

»Weißt du, was ich dir gestern sagte?« forschte der Zauberer so leise, daß man es kaum vernahm.

»Ich weiß, ich weiß! Was gäbe ich darum, wenn ich's vergessen könnte! Ach, arme Katherina! Sie weiß so vieles nicht, was ihre Seele weiß!«

– Es ist die Seele meines Weibes! denkt Herr Danilo. Doch sich zu rühren wagt er nicht.

»Tu Buße, Vater! Ist es nicht furchtbar, daß nach jedem Mord, den du begehst, die Leichen deiner Väter aus den Gräbern steigen?«

»Schweig von den alten Sachen!« fällt ihr der Zauberer dräuend in die Rede. »Ich steh' auf meinem Willen! Ich zwinge dich, zu tun, was ich begehre! Und Katherina wird mich lieben!«

»Du bist ein Ungeheuer! Nein, du bist mein Vater nicht!« stöhnt sie. »In alle Ewigkeit soll nie geschehen, was du begehrst! Wohl hast du Macht, durch Höllenkünste die Seele Katherinens zu beschwören und sie zu peinigen, doch Gott allein hat die Gewalt, sie tun zu lassen, was Ihm gefällt. Nie, nie, solange ich in ihrem Leibe weile, zwingst du die arme Katherina zu lästerlicher Sündentat. Vater! Das furchtbare Gericht ist nah herangekommen! Und wärst du auch mein Vater nicht, – nie könntest du mich zwingen zu schändlichem Verrat an meinem treuen Mann! Und wäre mein Gemahl selbst bar der Treue, – niemals zwängst du mich zum Verrat an ihm. Denn Gott verwirft die eidvergessenen Ehebrecher.«

Sie wendet ihre blassen Augen nach dem Fenster, wo Herr Danilo lauscht, – sie steht zu Stein erstarrt.

»Wo schaust du hin? Wen siehst du dort?« schreit wild der Zauberer.

Das Luftbild Katherinens bebt vor Schrecken. Doch Herr Danilo ist schon unten. Er eilt mit dem getreuen Stetzko heim.

»Furchtbar, entsetzlich!« murmelt er, tief in Gedanken. Die bleiche Angst packt sein Kosakenherz. Schnell stürmt er durch den Hof. Dort schlafen die Kosaken noch fest und tief, wie da er ging. Nur einer aus der Schar hält Wache; er sitzt und raucht sein Pfeifchen.

Der Himmel funkelt grell von tausend Sternen . . .

 

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