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Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Furchtbare Rache - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorNikolai Gogol
booktitleDie schönsten Kosakengeschichten
titleFurchtbare Rache
publisherAlbert Langen, München
printrun21. bis 23. Auflage
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130315
modified20160926
projectid4b738435
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3

Der Hof des Herrn Danilo liegt zwischen zwei Bergen eingekesselt in einem engen Seitental des Dnjeprs. Das Haus ist schlicht und niedrig; es gleicht der Hütte eines einfachen Kosaken und hat nur eine Stube. Raum aber ist genug darin für Herrn Danilo selber und sein Weib, wie für die alte Magd und zehn erlesene junge Burschen. Oben läuft an der Wand ringsum ein Bort aus Eichenholz. Schüsseln und Töpfe stehen dicht gedrängt darauf, silberne Becher und mit Gold beschlagene Humpen, – Ehrengeschenke und Beute aus dem Krieg. Darunter hangen kostbare Musketen, Pistolen, Säbel, Lanzen, die der Tatar, der Türke, der Polack dem Herrn Danilo gutwillig oder wider Willen überlassen mußte. Davon können die vielen Scharten an den Waffen wohl ein Liedlein singen. Ruht des Kosaken Blick auf ihnen, dann denkt er seiner Taten. Unten zieht sich rings um die Stube eine gebohnte Eichenbank. Durch einen Ring im Dachgebälke laufen Stricke, an denen schwank die Wiege hängt. Der Boden des Gemachs ist festgestampft und glatt mit Lehm verstrichen. Auf den Wandbänken schlafen Herr Danilo und sein junges Weib, die alte Magd sucht sich ihr Lager am liebsten auf der Ofenbank, und in der Wiege wird das Kind geschaukelt und in Schlaf gesungen. Die Burschen aber liegen einfach auf dem nackten Boden. Doch der Kosak schläft besser noch im Hof und unter freiem Himmel. Er braucht nicht Pfühl, nicht Kissen. Unter den Nacken schiebt er sich ein Bündel Heu und streckt sich gemächlich in das Gras. Ihn freut es, wenn er bei Nacht erwacht, hinaufzuschaun zum Himmel, der hell von tausend Sternen blitzt, zu frösteln vor der Kühle, die frische Kraft in die Kosakenknochen gießt. Dann reckt er faul die Glieder, brummt schlafbetrunken vor sich hin, zündet sein Pfeifchen an und rollt sich fester in den Schafpelz ein.

Spät erst erwachte Burulbasch nach dem Gelage von gestern nacht. Er setzte sich in einer Ecke auf die Bank, und machte sich daran, den Türkensäbel scharf zu schleifen, den er sich kürzlich eingetauscht. Frau Katherina saß bei ihm und stickte goldene Ranken in ein Tuch von Seide.

Da trat mit finsterm Blick, die fremdländische Pfeife im Mund, der Vater der jungen Frau zur Tür herein, ging auf die Tochter zu und fragte sie mit barschen Worten, warum sie heute nacht so spät erst heimgekommen sei.

Danilo sprach und schliff dabei an seinem Säbel weiter:

»Schwäher, das fragst du klüger mich! Der Mann hat den Befehl im Haus, und nicht das Weib. Das ist bei uns so Brauch, nimm es nicht übel auf! Mag sein, daß es in fremden Ländern und bei den Heiden anders gehalten wird, – das ist mir nicht bekannt.«

Von Zorn gerötet war des Alten Antlitz, und seine Augen schossen Blitze:

»Wer soll denn auf die Tochter sehen, wenn es der Vater nicht mehr darf?« brummte er ergrimmt in seinen Bart. »Na, gut, dann frag' ich dich: wo hast du dich herumgetrieben bis in die späte Nacht?«

»Ja, wenn du mich fragst, Schwäher, kriegst du eine Antwort. Dann sag' ich dir, daß ich schon einige Jahre aus den Windeln bin. Ich hab' gelernt, auf meinem Gaul zu sitzen, ich hab' gelernt, den Pallasch in der Faust zu schwingen; und sonst noch was hab' ich gelernt: ich hab' gelernt, zu tun, was mir gefällt, und keinen um Erlaubnis anzugehn.«

»Ich seh' es schon, Danilo, du suchst Streit! Wer Heimlichkeiten hat, geht nicht auf guten Wegen.«

»Denk dir nur, was du willst!« sprach Herr Danilo. »Ich denk' mir auch etwas. Ich war, gottlob, noch nie an einer Tat beteiligt, die gegen meine Ehre ging. Ich bin noch immer für den rechten Glauben und die Heimat eingetreten, – anders als manche Vagabonden, die, weiß der liebe Gott wo, durch die Welt ziehn, wenn die rechtgläubige Christenheit auf Tod und Leben kämpft. Und später kommen sie dahergeschneit, das Korn zu ernten, das sie niemals säten. Kerle, die schlechter sind als selbst die Uniierten und nie in eine Kirche gehn . . .! Die Art von Leuten darf man eher fragen, wo sie sich all die Zeit herumgetrieben haben.«

»Kosak, ich sag' dir was . . . Ich kann schlecht schießen: bloß so auf hundert Faden treff' ich mit meiner Kugel dem Feind ins Herz. Und fechten kann ich auch nicht so besonders gut: ich hau' den andern bloß in Stücke, noch kleiner als die Graupen, die man bei euch zur Grütze nimmt.«

»Komm an!« sprach Herr Danilo, und seine Faust schlug mit dem Säbel einen gewaltigen Kreuzhieb durch die Luft, als wüßte er nun ganz genau, warum er ihn geschliffen hatte.

»Danilo!« schrie Katherina auf und fiel ihm in den Arm und hängte sich an seinen Hals. »Hast du denn völlig den Verstand verloren? Besinne dich und sieh, wen du mit deinem Schwert bedrohst! Und Vater, du . . .! Dein Haar ist weiß wie Schnee, und bist doch hitzig wie ein junger Narr.«

»Weib!« schrie Danilo voller Wut. »Du weißt, ich will das nicht! Bekümmre dich um deinen Weiberkram!«

Schauerlich dröhnten die Säbel; Eisen drosch wider Eisen; ein dichter Funkenregen umsprühte die Kosaken. Weinend lief Katherina in die Kammer, warf sich da auf das Bett und hielt die Hände vor die Ohren. Und dennoch hörte sie die Hiebe, – so grimmig fochten die Kosaken. Es brach ihr fast das Herz, durch alle Glieder fuhr ihr der Hall der Schläge: ping – pang, ping – pang.

»Nein, ich ertrag' es nicht, nein, ich ertrag' es nicht! Vielleicht spritzt jetzt das rote Blut aus seinem weißen Leib; vielleicht versagt dem Liebsten schon die Kraft, – und ich . . . ich liege hier!«

Stockenden Atems, totenbleich, trat sie von neuem in die Stube.

Gewaltig schlugen die Kosaken zu, – keiner gewann die Oberhand. Katherinens Vater fällt aus, und Herr Danilo deckt sich; Herr Danilo fällt aus, ihr grimmer Vater deckt sich, – nun sind sie wieder gleich auf gleich. Sie kochen wild vor Zorn. Hui, holen ihre Arme aus, die Säbel dröhnen aufeinander, – und klirrend klatschen die zersprungenen Klingen an die Wand.

»Gott Lob und Dank in Ewigkeit!« rief Katherina und – schrie von neuem auf: nun packten die Kosaken die Musketen. Sie richteten die Feuersteine und spannten schnell die Hähne.

Danilo feuerte und – fehlte. Dann schoß der Vater. Er war alt, er sah wohl nicht mehr wie ein Junger, doch fest war seine Hand. Der Schuß brach los . . . Danilo wankte. Blut färbte seinen linken Ärmel.

»Nein!« schrie er auf. »So billig kaufst du mich nicht! Die linke Hand ist nicht der Hetman, die rechte ist der Hetman. Da an der Wand hängt meine türkische Pistole, – noch nie im Leben hat sie mich getäuscht! Komm von der Wand, mein treuer Kamerad! Hilf deinem alten Freunde!«

Danilo hob die Hand schon nach der Waffe.

»Danilo!« schrie Katherina und hängte sich verzweifelt an seinen Arm und stürzte ihm zu Füßen. »Ich bitte nicht für mich. Ich weiß ja meinen Weg. Unwürdig ist die Frau, die ihres Mannes Heimgang überlebt. Der Dnjepr, der tiefe, kalte Dnjepr wird mein Grab . . . Aber sieh doch auf deinen Sohn, Danilo! Wer gibt dem armen Jungen Obdach? Wer schenkt ihm Liebe? Wer wird ihn lehren, auf rabenschwarzem Roß dahinzufliegen, zu kämpfen für die Freiheit und den Glauben, zu zechen als ein fröhlicher Kosak? – Stirb und verdirb, mein Sohn! Stirb und verdirb! Dein Vater will nichts von dir wissen! Sieh, wie er hart sein Antlitz von dir wendet! – jetzt kenn' ich dich, Danilo! Du bist ein wildes Tier, du bist kein Mensch! Du hast ein Wolfsherz und den Sinn der falschen Natter! Ich glaubte einst, es flösse ein Tropfen gütigen Erbarmens durch deine Adern, es brennte in deinem Leib ein Funke menschlichen Gefühls. Wie töricht war ich doch! Dich freut das alles nur! Deine Gebeine werden im Grab vor Freude tanzen, wenn sie hören, wie die ehrlosen Bestien von Polacken einst deinen Sohn lebendig in die Flammen werfen. Jetzt kenn' ich dich! Du würdest ja mit Freuden aus deinem Grabe auferstehn und mit der Mütze die Glut anfachen, die sein Leben frißt!«

»Katherina, halt ein! Komm, mein Augapfel, mein Iwan, ich will dich küssen! Nein, nein, mein Kind, es soll dir keiner auch nur ein Härlein krümmen. Groß werden sollst du, deinem Heimatland zum Ruhm. Gleich einem Sturmwind sollst du herfliegen vor deinem Regiment, die samtene Mütze auf dem Kopf, den scharfen Pallasch in der Faust. – Vater, gib mir die Hand! Vergessen wir, was zwischen uns gewesen ist! Hab' ich dir Unrecht zugefügt, – verzeih es mir! – Warum gibst du mir nicht die Hand?« so sprach Danilo zu Katherinens Vater. Doch der stand still auf einem Fleck, und seine Miene zeigte nicht Zorn noch Freundlichkeit.

»Vater!« rief Katherina. Sie schlang die Arme um den Alten und küßte ihn. »Sei wieder gut! Hat Herr Danilo dich gekränkt, – verzeih es ihm! Er tut es ja nicht wieder.«

»Allein um deinetwillen, Katherina, verzeih' ich ihm!« sprach der Alte. Er küßte sie, und drohend blitzten seine Augen.

Der Tochter rann ein Schauer durch die Glieder, – so seltsam deuchte sie sein Kuß, so seltsam das drohende Blitzen seiner Augen. Sie stützte sich schwer auf die Platte des Tisches, an dem ihr Gatte saß und sich den Arm verband.

Danilo ging es nah, wie unrecht und wie unkosakisch er gehandelt hatte, da er für eine Sache um Verzeihung bat, in der ihn nicht der Schatten einer Schuld traf.

 

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