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Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Furchtbare Rache - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorNikolai Gogol
booktitleDie schönsten Kosakengeschichten
titleFurchtbare Rache
publisherAlbert Langen, München
printrun21. bis 23. Auflage
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130315
modified20160926
projectid4b738435
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14

Ein Wunder, seltsam und unerhört, geschah zu Kiew. Der ganze Adel und die hohen Herren strömten vors Tor, dies Wunder anzustaunen. Das Menschenauge sah auf einmal rings ins Grenzenlose. Fern gegen Süden blaute die Lagune der Dnjeprmündung, und weiter draußen wogte das Schwarze Meer. Leute, die dort gewesen waren, erkannten auch die Krim, die einem Berg gleich aus dem Wasser stieg, erkannten jenseits der sumpfigen Landbrücke, die von dem Festland zur Krim hinüberführt, das faule Meer. Gen Westen aber sah man das Land Galizien.

»Und was ist das?« so fragte das Volk die klugen Leute und zeigte auf einen Zug von blauen, grauen, weißen Kuppen, die fern am Himmel dämmerten und fast wie Wolken aussahn.

»Das sind die Karpathen!« sprachen die klugen Leute. »Auf vielen dieser Berge schmilzt nie der Schnee. Die Wolken legen sich auf ihre Kuppen nieder und schlafen dort zur Nacht.«

Doch nun geschah ein neues Wunder: über dem höchsten Berg zerriß der Dunst. Und auf dem Gipfel saß hoch zu Roß, in voller Rüstung, ein Recke mit geschlossenen Augen. So deutlich sah ihn jedermann, als könnte er ihn greifen.

Da schwang sich mitten in der Menge, die staunend und erschrocken stand, ein Mann auf seinen Gaul. Er warf entsetzte Blicke um sich und jagte in gestrecktem Galopp davon.

Es war der Zauberer. Er hatte unter dem Helm des wundersamen Ritters zu seinem Grauen das Gesicht erkannt, das sich bei seinen Teufelskünsten ungerufen einst zu Gast geladen hatte. Er wußte selber nicht, warum dies Bild ihm so die Glieder schlottern ließ. Er wagte sich nicht umzusehn und spornte seinen Gaul zu wilder Flucht, solange bis es Nacht war und die Sterne hell am Firmamente funkelten. Da endlich zog er den Zügel an und kehrte um. Er wollte heim und wollte die höllischen Gewalten fragen, welch ein Geheimnis sich hinter dem Wunder barg.

So kam er an ein Bächlein, das seinen Weg durchquerte. Vor diesem Bächlein scheute der Gaul, er stand, er wendete den Kopf nach seinem Herrn und – lachte. Gräßlich grinsten ihn die großen weißen Zähne aus dem Dunkel an. Dem Zauberer stieg das Haar zu Berg. Ein Röcheln brach aus seiner Kehle, er schluchzte ohne Halt und jagte angstgepeitscht auf Kiew zu.

Verfolger drohten ihm von allen Seiten. Die Bäume drängten sich zu finsteren Dickichten zusammen, sie nickten geisterhaft mit schwarzen Bärten, sie streckten lange Zweige nach ihm aus, ihn zu erwürgen. Die Sterne huschten vor ihm her und deuteten auf ihn, daß jedermann den Bösewicht erkenne. Die Straße selber hängte sich an seine Fersen und jagte dräuend hinterdrein.

Verzweifelt spornte der Zauberer seinen Gaul. Ihn trieb die wilde Angst nach Kiews heiligen Stätten.

 

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