Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Wichert >

Für tot erklärt

Ernst Wichert: Für tot erklärt - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleFür tot erklärt
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
Schließen

Navigation:

IV.

Auch hier bewährte sich wieder die alte Erfahrung, daß ein Unglück selten allein kommt. Die kleine Familie hatte bisher in einem gewissen Wohlstande gelebt; jetzt zeigte sich's schon im nächsten Winter, daß der alte Klars den Anstrengungen seines Berufes nicht mehr lange gewachsen sein würde. Vergebens hatte er alle Kraft daran gesetzt, sich 's nicht merken zu lassen, wie tief ihn der letzte Schicksalsschlag getroffen hatte; der Kummer nistete sich nur um so tiefer ein und zehrte an seinem Lebensmark. Dazu kam die stille Sorge um seine Schwiegertochter und seinen Enkel, die nun allein auf ihn angewiesen waren. Nur noch wenige Jahre hatte er Zeit, ihre Zukunft sicherzustellen, ein Gedanke, der ihn mit unruhiger Hast zur Arbeit trieb und zu Anstrengungen verleitete, die außer Verhältnis zu dem bestenfalls zu erzielenden Gewinn standen. Noch kein Jahr verging, und er war eisgrau. Wie es sein Sohn vorhergesehen hatte, brach seine scheinbar eiserne Natur ganz plötzlich zusammen; ein schwerer Husten quälte ihn Tag und Nacht, und gichtische Beschwerden lähmten ihn oft wochenlang derart, daß er nicht das Haus verlassen konnte. Ohne genügend hergestellt zu sein, setzte er sich dann wieder aus Besorgnis, daß der Haushalt nicht bestehen könne, dem schlimmsten Wetter aus, hielt sich viele Stunden im dichtesten Nebel auf dem Eise auf, um nicht seinen Anteil an der Winterfischerei zu verlieren, und mußte mehr als einmal von den Nachbarn auf dem Handschlitten nach Haufe gefahren werden, wo dann ein neues Krankenlager begann. Annika pflegte ihn nach Kräften und bat ihn dringend, sich zu schonen. »Wollt ihr hungern?« war seine stete Antwort.

Der nächste Sommer stellte ihn wieder einigermaßen her. Da die alte Lene, eine Ausgedingerin, sich gegen geringe Vergütung für ihren Ausfall am Spinnverdienst des kleinen Peter annahm, so begleitete die Fischersfrau den Alten auf seinen Haffahrten und suchte ihm die Arbeit möglichst zu erleichtern. Aber sie selbst war viel zu zart gebaut und zu wenig an die Strapazen des Fischerlebens gewöhnt, um ausreichende Dienste leisten zu können. Es blieb ein gequältes Dasein ohne entsprechenden Erfolg; die früheren Ersparnisse mußten schon angegriffen werden, wovon freilich der Alte nichts wissen durfte.

Und dann kam noch ein Herbst mit seinen Nordweststürmen und Regengüssen und noch ein langer Winter mit seinen eisigen Nebeln und Schneetreiben. Vater Klars war an das Bett gefesselt und konnte sich kaum rühren. Oft überkam ihn der Krampfhusten so stark, daß er mehrere Minuten ganz weg blieb und Annika schon fürchtete, sein Ende sei gekommen. Sie scheute den meilenweiten Gang über das gefrorene Haff nicht, um ihm aus der Apotheke des Marktorts Tee mitzubringen, aber er hatte nur geringe Erleichterung davon. Als die Krankheit sich zusehends verschlimmerte, suchte sie auch den Arzt auf, der ein Rezept verschrieb. Das Tränkchen schmeckte dem Alten so gut, daß er es nicht nach Verordnung löffelweise nahm, sondern auf einen Zug austrank. Annika ließ es so oft wie möglich neu bereiten; er war kindisch geworden und dachte nicht mehr an die Kosten, die er verursachte.

Endlich stellte sich in einer Nacht eine völlige Lähmung der einen Seite ein. In ihrer Angst machte sich die Fischersfrau wieder auf den Weg, verirrte sich aber im Nebel und kam endlich so erschöpft drüben im Dorfe an, daß sie auf der Straße niedersank und von mitleidigen Menschen nach dem Kruge geschafft werden mußte, den sie sonst stets gemieden hatte. Konrad Hilgruber, der jetzt die äußere Wirtschaft führte, nahm sich ihrer freundlich an und sorgte dafür, daß seine Mutter ihr trockene Kleider und eine kräftige warme Suppe gab. »Du scheinst ganz vergessen zu haben,« sagte er ihr, als sie allein am Ofen saßen, »daß dein verstorbener Mann mein Freund war. Ich habe vergebens gehofft, daß du dich an mich wenden würdest, Annika; denn ich höre, daß es euch schlecht geht. Aufdringen habe ich mich nicht wollen.«

Sie sah eine Weile schweigend vor sich hin; ihre bleichen Wangen röteten sich wieder ein wenig. »Ich weiß, daß Sie gut sind«, antwortete sie endlich beklommen; »aber wir haben noch, was wir brauchen. Ich danke Ihnen.«

»Du sagst mir nicht die Wahrheit, Annika«, wandte er ein. »Dein Vater hat so wenig Fische zu Markt gebracht, daß ihr von der Einnahme nicht leben könnt. Auch weiß ich, daß du schon Sachen im Dorfe verkauft hast, die dir sonst lieb waren. Warum gehst du mir vorbei?«

Sie wischte mit dem Rücken der Hand ein paar Tränen fort, die sich ihr aus den Augen stahlen, und kehrte das Gesicht von ihm ab. »Ich will keinem Menschen beschwerlich fallen,« sagte sie leise, »und Ihnen am wenigsten.«

»Warum mir am wenigsten?« fragte er schnell. Da sie schwieg, legte er seine Hand auf ihre Schulter und wiederholte nochmals mild und freundlich seine Frage: »Warum mir am wenigsten, Annika?«

»Weil ich weiß, daß Sie mir nichts abschlagen würden,« gab sie zur Antwort, »und daß ich Ihnen keine Vergütung anbieten könnte; wir sind noch nicht Bettler.«

»Aber wenn ihr zu stolz seid, von euren Freunden Hilfe anzunehmen, könnt ihr's werden«, sagte er ernst. »Es würde mir eine Freude sein, dir von meinem Überfluß mitteilen zu können. Sage mir aufrichtig, brauchst du Geld?« – Sie schüttelte den Kopf.

»Du sollst es nicht geschenkt nehmen. Ich will dir's darleihen bis auf bessere Zeiten, und du magst mir als Zinsen hin und her ein Gericht Fische bringen.«

»Es kommen keine besseren Zeiten,« erwiderte sie, »und ich leihe nicht, wenn ich nicht zurückzahlen kann.«

Er zog sie ein wenig zu sich herum und faßte ihre Hand. »Kann ich dir denn gar keine Gefälligkeit erweisen?« fragte er eindringlich. »Sieh, es wäre mir eine rechte Freude, dir mit irgend etwas dienen zu können.«

Sie besann sich und lächelte verschämt. »Ich möchte schon etwas bitten«, sagte sie zögernd und ein wenig die Augen zu ihm aufschlagend. »Aber Sie müssen mir ganz bestimmt sagen, wenn es Ihnen nicht paßt.«

»Gewiß, gewiß! Sprich nur!«

»Der alte Klars ist letzte Nacht schwer erkrankt und ich will deshalb zum Doktor. Wenn Sie mir nun ein Fuhrwerk geben wollten, daß ich ihn einmal mit hinübernehmen könnte – aber das ist eine unverschämte Bitte.«

»Nichts weniger als das«, rief er aufspringend. »Die Pferde stehen ja faul im Stall; ich lasse sogleich anspannen und fahre selbst.«

Annika wollte Einspruch tun, aber er hatte schon das Zimmer verlassen, ehe sie zu Worte kommen konnte.

»Wohin?« fragte die Krügersfrau verwundert, als sie ihren Sohn nach dem Stalle laufen sah.

»Ich werde die Annika Klars zum Doktor fahren«, antwortete er schnell und ohne sich aufzuhalten.

»Du selbst?«

»Ich selbst!«

»Das möchte sich denn doch schlecht schicken! Wir haben ja noch einen Knecht, wenn denn schon das Fuhrwerk gegeben werden soll.«

»Ich weiß, was ich zu tun habe, Mutter«, sagte er ernst und sehr bestimmt. »Der alte Klars ist zum Tode krank«, setzte er hinzu, gleichsam um seine Eile zu entschuldigen.

Die Krügersfrau blieb noch eine Weile in der offenen Tür stehen, schüttelte verdrießlich den Kopf und biß die Lippe. »Das kommt ja recht hübsch,« murmelte sie, »der Herr Sohn fängt an, selbständig zu werden.« Dann trat sie ein und schlug die Haustür hinter sich zu.

Annika hörte die ganze Unterredung. Das darf nicht geschehen, daß er selbst mitfährt! fuhr ihr sofort blitzschnell durch den Kopf. Sie überlegte einen Augenblick, wie sie's hindern könne. »Daß ich doch lieber ganz geschwiegen hatte«, sprach sie halblaut vor sich hin. Endlich faßte sie sich kurz, zog ihr wollenes Tuch fest um den Kopf, schlich zur Hintertür hinaus und eilte auf der Dorfstraße weiter.

Kaum aber hatte sie die letzten Häuser hinter sich, als sie ein Schellengeläute vernahm, das sich ihr mehr und mehr näherte. Sie beflügelte ihren Schritt, aber der tiefe Schnee hielt sie auf. Nach wenigen Minuten schnauften schon die Pferde ihr im Rücken, und eine bekannte Stimme rief: »Warum läufst du denn fort, Annika? Hat dir das Anspannen zu lange gedauert? Nun schnell hinein!«

Sie trat zur Seite und ließ den Schlitten vorfahren. »Ich steige nicht ein«, sagte sie.

»Sei nicht närrisch, Frau. Weshalb nicht?«

»Weil Sie sich selbst bemühen.«

»Ich tu's gern.«

»Aber ich darf's nicht annehmen. Geben Sie mir die Leine, ich kann selbst fahren, und kehren Sie zurück, Herr Hilgruber.«

»Durchaus nicht! Die Pferde sind im Stalle übermütig geworden und müssen eine starke Hand fühlen. Sieh nur – sie werden schon jetzt unruhig.«

»Aber Ihre Mutter–«

»Was kümmert dich meine Mutter? Sie wundert sich über manches, worüber nichts zu wundern ist.« Dabei sprang er vom Schlitten, trat zur Fischersfrau und nötigte die noch unschlüssig Widerstrebende auf den mit einer Decke belegten Strohsitz. Er selbst setzte sich daneben, und fort sauste der Schlitten durch den Winternebel.

Eine Weile blieben beide stumm. Aber als sie sich erst an die Lage gewöhnt hatten, kam bald ein Gespräch in Gang und wurde so lebhaft, daß ihnen die Meile bis zum Marktort noch nie so kurz vorgekommen war. Annika erzählte von ihren traurigen Erlebnissen, und Konrad Hilgruber nahm recht warmen Anteil daran. Dann sprach er selbst von den Veränderungen in seinem elterlichen Hause, daß er früher stets in großer Abhängigkeit gehalten worden sei, nach seiner Großjährigkeit aber doch die Wirtschaft übernommen habe und nun sein eigener Herr wäre, wenn schon seine Mutter noch immer gern mitrede, was ihr auch eigentlich nicht zu verdenken sei, da sie ja während der Krankheit seines Vaters und später nach seinem Tode für alles gerade wie ein Mann habe sorgen müssen. Nun dränge sie ihn immer, daß er eine reiche Partie machen solle, aber er könne sich nicht entschließen, des Geldes wegen zu heiraten, und wolle sein Herz sprechen lassen. Das fand Annika recht lobenswert, obgleich sie ihre Meinung für sich behielt.

»Es wird sich unter den reichen Wirtstöchtern schon eine finden,« sagte sie, »die Ihnen gefällt.«

»Ich glaub's nicht«, antwortete er leise. »Sie sind alle dumm und eingebildet, eitel und verputzt. Es ist mir auch ganz und gar nicht ums Geld. Ich möchte eine Frau haben, die mich lieb hat, und der ich etwas wert bin, und die auch im Hause nicht das große Wort führen will. Wenn ich vor Jahren hätte wählen können – aber das ging damals nicht an.«

Sie schwieg und sah auf die Pelzdecke hinunter.

»Aufrichtig gesagt,« fuhr er nach einer Weile treuherzig fort, »ich kann noch immer nicht vergessen, daß ich der Annika Endoms einst von Herzen gut gewesen bin. So was sitzt fest.«

Es war ihr, als sähe er sie dabei so eigentümlich prüfend an, als ob er noch andere Gedanken im Rückhalt hätte. Sie merkte nun erst, daß sie beim Fahren allmählich dicht zusammengerückt waren, erhob sich ein wenig und fetzte sich seitwärts dicht an den Leiterbaum.

Der Krüger peitschte auf die Pferde los, die durchaus ihre Schuldigkeit taten und nun im gestreckten Galopp die Anhöhe zu dem Marktorte hinaufjagten, daß der Schnee von ihren Hufen die Schlittendecke völlig weiß überzog. Es war der Fischersfrau recht lieb, daß man am Ziele anlangte, ehe ihr Begleiter das Gespräch wieder aufnehmen konnte.

Doktor und Apotheker wohnten zusammen und arbeiteten einander getreulich in die Hand, wir wollen hoffen, nicht zum Schaden der Kranken, die aus dem Apothekerladen in die Doktorstube geschickt wurden und von dort mit dem Rezept wieder in den Apothekerladen zurückkamen. Der Apotheker, ein jovialer junger Mann mit rundem Gesichte, schwarzem Bärtchen und immer vergnügten Augen, stand in gestickten Pantoffeln und mit der Pfeife im Munde auf der Schwelle und grüßte freundlich. »Du hast ja heute einen vornehmen Kutscher, Annika«, sagte er zur Fischersfrau, als sie sich nach dem Doktor erkundigte.

»Herr Hilgruber hat die Güte –« erwiderte sie ihm schüchtern.

»Na, wird ihm wohl nicht gerade schwer geworden sein,« fiel er lachend ein, »mit einer so hübschen Frau spazierenzufahren. Was macht der Alte?«

Sie berichtete.

»Der Doktor ist nach der Grenze gefahren,« sagte der Apotheker, »muß aber bald zurück sein. Hat wieder einmal einer von einer russischen Kugel einen Schuß durchs Bein bekommen. Apropos, du hast ja schon gehört, daß sie deinen Vater in Rußland gegriffen haben?«

Sie wurde kreideweiß. »Auch das noch?« murmelte sie kaum hörbar. Der Apotheker trat zu Konrad Hilgruber, klopfte den Pferden auf den runden, glatten Rücken und erkundigte sich nach den Dorfneuigkeiten.

Eine halbe Stunde darauf kam auch wirklich der Doktor zurück, ein junger, äußerst tätiger und in seinem Dienste unermüdlicher Mann. Es war ihm nichts Neues, bevor er noch vom Schlitten gesprungen war, schon wieder ein andres Fuhrwerk auf sich warten zu sehen. »Heute nacht kommt Ihr nicht aus dem Stiefel, Doktor!« rief ihm der Apotheker zu.

»Wenn es sein muß«, erwiderte er etwas phlegmatisch, indem er sich aus seinem Pelz wickelte. »Ihr macht Euch unnütze Kosten,« sagte er zur Fischersfrau, nachdem er mit großer Ruhe ihre Mitteilung angehört hatte, »dem Alten wird kaum zu helfen sein. Aber wenn's Euch beruhigt, soll's mir auf eine Nacht nicht ankommen. Habt Ihr etwas zu essen drüben?«

Annika sah verlegen zu Boden. »Vielleicht frische Fische.«

»Und Krähenbraten«, fiel der Apotheker ein. »Laßt Euch nicht darauf ein, Doktor, und füttert erst.«

»Das wird denn doch wohl nötig sein. Aber da wird unsre Alte wieder ein gutes Gesicht machen, wenn ich ihr zur unrechten Zeit komme.«

»Nur hübsch liebenswürdig sein«, meinte der Apotheker.

Unter der Alten war die Haushälterin gemeint, eine wahre Hexe von Endor, von der sich die beiden Junggesellen tyrannisieren ließen. Sie kochte vortrefflich und hatte stets die Speisekammer gefüllt, machte aber jedesmal tausend Redensarten, ehe sie mit etwas vorrückte, besonders wenn es außer der Zeit verlangt wurde. Diesmal fand der Doktor sie auffallend gefügig; er wußte freilich nicht, daß die Annika für jedes Rezept noch ein gutes Gericht Fische extra gebracht und pflichtschuldigst an den Hausdrachen abgeliefert hatte. Während der Doktor sich restaurierte, trat der junge Krüger zu ihm in die Stube, zählte eine Reihe harter Taler auf den Tisch und sagte, daß Frau Klars die für seine Bemühungen schickte. »Das hat ja keine Eile«, meinte der Doktor. Aber der Apotheker verstand die Absicht besser. »Die Annika wird dich nachher noch einmal bezahlen wollen«, sagte er; »dann nimm aber nichts an.« »Aha!« brummte der Doktor und metzelte unter dem Geflügel weiter herum, das ihm gerade unter die Gabel gekommen war.

Auf der Rückreise konnte das frühere Gespräch natürlich nicht wieder aufgenommen werden. Der Doktor und Annika teilten die Sitze, und für Konrad Hilgruber blieb neben der letzteren nur ein kleines Plätzchen, auf dem er mehr balancierte als saß, indem er die Füße auf den Schlittenflügel gestellt hatte. Aber sie konnte nun doch auch nicht fortrücken, wenn er ihr einmal zu nahe kam und mit seinem Arm ihre Schulter berührte. Die Fischersfrau schien auch nicht darauf zu merken; sie trug sich mit schweren Gedanken über die Zukunft und fragte den Arzt nach den näheren Umständen der Gefangennehmung ihres Vaters.

»Was werdet Ihr denn eigentlich anfangen?« fragte der Doktor, halb teilnehmend, halb neugierig, »wenn der alte Klars sterben sollte? Habt Ihr schon darüber nachgedacht?«

»Da muß ich Gott sorgen lassen«, antwortete sie betrübt; »ich weiß mir nicht zu helfen.«

»Ihr werdet in dem Fischerhause auf der Nehrung doch unmöglich bleiben können«, fuhr der Doktor fort. »Das Haus nährt Euch nicht, und der Fischerkahn ist Euch ganz unnütz, weil Ihr ihn nicht regieren könnt.«

»Vielleicht finde ich einen, der ihn mitsamt dem Fischergerät pachtet und mir einen Anteil vom Ertrage abgibt. Was dann noch fehlt, muß ich durch Handarbeit verdienen.«

»Hm, hm!« brummte der Arzt. »Das ist unsicher. Ihr seid noch jung und hübsch obendrein – Ihr müßt wieder heiraten.«

Der Krüger horchte hoch auf und setzte seine Pferde in lebhaftere Gangart.

»Ich bin ja verheiratet«, sagte Annika ruhig, als ob darüber gar kein Zweifel sein könne.

Der Doktor lächelte. »Eigentlich doch wohl nicht. Freilich seid Ihr nicht Witwe wie andere Witwen, die ihren Mann begraben haben – Ihr könnt keinen Totenschein vom Pfarrer beibringen. Aber tot ist er doch nun einmal.«

Sie seufzte. »Ich werde wohl lernen müssen, daran zu glauben.«

»Habt Ihr noch immer Hoffnung?« fragte der Doktor überrascht. »Vergeßt nicht, es sind bald zwei Jahre, daß er von Hause fortging, und es existieren Leute, die das Schiff, auf dem er sich befand, haben im Sturm untergehen sehen. Der Kapitän hat die Flasche nicht eher ausgeworfen, als im letzten Augenblick, das geht aus seinem Schreiben klar hervor. Wie kann da noch von Rettung die Rede sein?«

»Bei Gott ist kein Ding unmöglich«, sagte sie, nicht gerade zuversichtlich, aber auch nicht im Tone des Zweifels.

»Es wäre Torheit,« fuhr der Doktor eifrig fort, »wenn Ihr Euch darauf steifen solltet. Wenn Euer Mann wirklich nicht mit dem Schiffe selbst untergegangen wäre, was, wie gesagt, kaum denkbar ist, so müßte doch nun schon längst Nachricht von ihm da sein. Das Schiff ist ja nicht auf dem Stillen Ozean gesunken, sondern in der Nähe von Frankreich, höchstens zwanzig oder dreißig Meilen von der Küste. Hätte er überhaupt das Land erreicht, so würde er's bald erreicht haben müssen. Auch wenn ihn ein anderes Schiff aufgenommen hätte, so würde er doch schon nach wenigen Monaten einen Hafen angelaufen haben. Nein, nein, schlagt Euch das aus dem Sinn, Annika.« Sie schwieg nachdenklich.

»Ihr müßt Euch so bald als möglich freie Hand schaffen«, setzte ihr Begleiter seine gutgemeinte Ermahnung fort. »Es gibt ja ein Mittel dazu. Geht aufs Gericht und laßt Euren Mann für tot erklären, dann ist's so gut, als ob er vom Pfarrer ins Kirchenbuch eingeschrieben ist.«

Das war ein Gedanke, der ihr bisher gänzlich fremd geblieben; ja, sie verstand den Doktor nicht einmal vollkommen und sah ihn mit einem jener sprechenden Blicke an, die bedeuten: ich weiß nicht, was du willst. Aber sie hielt es für unschicklich, sich des näheren danach zu erkundigen, und unterdrückte daher jede Frage. »Es hat ja keine Eile«, antwortete sie nach kurzem Bedenken und brach damit das Gespräch ab.

Der alte Klars befand sich in der Pflege der Ausgedingerin, die den ganzen Tag über an seinem Bett laut aus der Bibel gelesen hatte, wovon er selbst freilich nichts verstand, da er besinnungslos dalag. Der kleine Peter schlief schon, als man anlangte; ihm galt der erste Gruß der Fischersfrau. Während der Arzt aufmerksam den Kranken besichtigte, und die alte Lene über seinen Zustand während des Tages examinierte, trat auch Konrad Hilgruber an das Bett des Kleinen und betrachtete das schlafende Kind, das mit dem einen Beinchen das Deckbett zurückgestoßen und die runden Arme behaglich über den Kopf gestreckt hatte. Es war ein Bild vollkommenster Ruhe und Befriedigung, der versöhnende Gegensatz zu dem alten Manne, der einige Schritte seitwärts krampfhaft atmete und vielleicht nie mehr zum Leben erwachte. Annika hatte die Hände gefaltet und blickte mit feuchten Augen auf ihren Liebling und Seelentrost. Ihr mochte manches im Kopfe herumgehen, was sich nicht in Worte, vielleicht nicht einmal in ein Gebet fassen ließ. Die Anwesenheit des Krügers schien sie kaum zu bemerken.

Endlich brach derselbe das Schweigen. »Ein schöner Knabe!« sagte er; »ganz seine Mutter!« Sie sah erschreckt zur Seite. »Er hat des Vaters Augen«, antwortete sie lebhaft. »Sie müssen ihn sehen, wenn er wacht.« Er versprach, einmal bei Tage zu kommen.

Der Arzt gab keine Hoffnung, erklärte aber, noch einige Stunden warten zu wollen, in denen wahrscheinlich die Entscheidung eintreten werde. Ein längerer Aufenthalt war auch schon der Pferde wegen nötig, die sich von dem weiten Weg ziemlich erschöpft zeigten.

Wie es denn in entlegenen Orten gewöhnlich ist, daß sich zu dem einen Kranken, zu welchem der Arzt gerufen ist, noch andere Kranke finden, die von der Gelegenheit profitieren wollen, so stellte sich auch diesmal vor dem Hause ein großer Teil des Dorfes ein, viele allerdings nur aus Neugierde, um zu erfahren, wie es mit dem, alten Nachbar Klars stünde, die meisten aber in der Absicht, dem Doktor ihr Leid zu klagen. Der gefällige Mann hörte alle freundlich an und besuchte nach und nach fast sämtliche Fischerhütten. Inzwischen blieben Konrad Hilgruber und Annika allein bei dem Kranken. Er half ihr, ein weißes Tuch über den großen Tisch legen, einige Teller und Gläser darauf setzen und auf dem Herde Feuer machen. Der Doktor hatte sich kochendes Wasser zu einem kräftigen Grog bestellt, zu welchem er die nötigen Ingredienzien selbst mitgebracht hatte. Brot und Salz fanden sich im Speiseschrank, und auch einige Eier wußte die Fischersfrau aufzutreiben, die sie nun abkochte. Der Krüger beobachtete sie mit wahrem Vergnügen in ihrer stillen Geschäftigkeit, und konnte kein Auge von ihr lassen, wenn sie am Herde stand und das flackernde Feuer ihr Gesicht mit roter Glut überzog. Von Zeit zu Zeit sprachen sie über gleichgültige Dinge, aber immer ernst, fast in feierlicher Stimmung.

Nachdem der Doktor wieder zurückgekommen war, setzten die beiden Männer sich zu Tisch und packten dann die Kiste mit dem Mundvorrat aus, den die Haushälterin gnädigst für die Reise bewilligt hatte. Annika wurde vergebens gebeten, gleichfalls Platz zu nehmen; sie hätte es für die größte Ungeschicklichkeit gehalten, sich mit ihren Gästen zusammen an den Tisch zu setzen. Konrad Hilgruber sprach fast nur den Speisen zu, welche die Wirtin selbst aufgetragen hatte und meinte ihr dadurch eine Aufmerksamkeit zu beweisen, welche von ihr nicht unbemerkt blieb, wiewohl sie andererseits den Doktor durchaus nicht nötigte. Noch war das frugale Mahl nicht ganz beendet, als das Atmen des Kranken schwerer wurde und einen röchelnden Ton annahm. Der Doktor trat sofort ans Bett und fühlte den Puls. Gleich darauf stellte sich ein heftiger Krampfhusten ein, der den ganzen Körper erschütterte; der alte Klars schlug noch einmal die Augen auf, ließ einen irren Blick über die Umstehenden schweifen, machte eine vergebliche Anstrengung, zu sprechen, sank matt in die Kissen zurück und verschied nach wenigen Minuten. Annika drückte ihm die Augen zu.

Als nach einer Stunde der Mond aufgegangen war und ein bleiches Dämmerlicht durch den Nebel auf die weite Eisfläche warf, spannte der Krüger seine Pferde an. »Ich sehe dich bald wieder«, sagte er, als er Annika zum Abschied die Hand reichte. Dann gab's eine stille Fahrt. Kein lebendes Wesen ringsum, nur die Glocken klangen fort und immerfort in ihrer eintönigen Weise, wie ein unaufhörliches Grabgeläute. Der Doktor hatte den Kragen seines Schafspelzes hoch aufgeschlagen, so daß nicht einmal die Mütze sichtbar wurde, die Hände kreuzweise in die Ärmel gesteckt und versuchte zu schlafen. Der Krüger schlief nicht, aber er träumte. Nur manchmal schreckte er auf, wenn das Eis mit donnerartigem Krachen riß, wie das in Frostnächten zu geschehen pflegt, oder wenn die Pferde vor einer Spalte scheuten, die übersprungen werden mußte. Erst gegen Morgen kam er in sein Bett.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.