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Für Dich

Rudolf Stratz: Für Dich - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/stratz/fuerdich/fuerdich.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleFür Dich
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun44.-48. Tausend
year1921
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIX.

Um fünf Uhr nachmittags war der Leutnant Albert Gisbert mit seinem Dienst in der Kriegsakademie zu Ende. Er verließ den Hörsaal und den roten Backsteinbau in der Dorotheenstraße, in deren Nähe, in der Luisenstraße, er wohnte, und während er sonst so sparsam war, daß er nur mit der Straßenbahn fuhr und sich schon vom Juli ab jeden Monat eine Mark von seinem bißchen Zulage für den Sekt zu Kaisers Geburtstag im Januar zurücklegte, stieg er jetzt in eine Droschke, beorderte sie nach der Meinekestraße und lief da, zwei Stufen auf einmal nehmend, zu der still und öde liegenden Wohnung im dritten Stockwerk empor.

Dort empfing ihn in dem leeren, schon stark verstaubten Salon, durch dessen geschlossene Jalousieen das grelle Julilicht draußen nur dämmerig drang, sein Bruder Richard, der Spandauer Artillerist. Der stand ungeduldig mitten im Zimmer, trocknete sich den Schweiß von dem roten, bier- und kegelfrohen Antlitz und sah auf die Uhr.

»Na endlich!« sagte er zu dem Jüngeren. »Ablösung vor! Ich muß fort! Höchste Eisenbahn! Der Dienst wartet nicht. Lang geht das überhaupt so nicht mehr mit der Überwachung wie diese letzte Woche ... Ich komm' rein zu nichts mehr – meine Frau auch nicht ... durch das ewige hier Herumhocken.« Der junge Kriegsakademiker war bis zu der Nebentüre geschlichen und hatte sein Ohr an diese gelegt. Er horchte. Drinnen rührte sich nichts. Da wandte er sich um.

»Warst du bei ihm?« flüsterte er.

Der andere nickte.

»Er ist auf?«

»Ja.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Ich möchte wieder hinausgehen! ... Die alte Geschichte! Es ist ja mit ihm nichts anzufangen!«

Die Brüder schwiegen.

Dann nahm der ältere seinen unterbrochenen Gedankenfaden wieder auf.

»Die ersten vier, fünf Tage,« sagte er, »so lange als er im Bett war, da war er leicht zu bemuttern ... Revolver versteckt – Messer weg ... Gashahn zu – alles fort, womit der Mensch sich ... Aber nun, wo er seit gestern wieder auf den Beinen ist ... Ich möcht' keine Verantwortung mehr übernehmen!«

»Hast du den Doktor gesprochen?«

»Heute mittag!«

»Nun ... und?«

»Der Doktor sagt, was er von Anfang an gesagt hat: Wenn einer plötzlich ohnmächtig wird und dabei mit dem Schädel auf die Marmorplatte von dem Waschtisch nebenan aufschlägt, dann sei natürlich zunächst der Marmor härter als der Schädel. Aber nach ein paar Tagen gleiche sich das aus. Leichte Gehirnerschütterung. Nicht anders, als wenn man mal vor vom Gaul segelt! ... Hinterläßt weiter keine Spur. Nee, Jungchen, – die Gefahr – die liegt wo anders!«

Die beiden Offiziere blickten mit ernsten Mienen nach dem Nebenzimmer, in dem ihr Bruder war. Der Artillerist schnallte sich den Säbel um. Seine Sporen klirrten.

»Er wird nun sachte wieder Herr seiner Entschlüsse!« sagte er. »Und dann sind wir mit unserem Latein zu Ende ...«

Der Infanterist schüttelte den Kopf.

»Gott sei Dank, noch nicht, Richard!«

»Hast d u dann noch ein Mittel in petto, um ihn von Dummheiten zurückzuhalten?«

»Was denn?«

»Ich darf es nicht sagen.«

»Na ... deine Geheimnisse ... du Frosch ...« meinte der Spandauer Hauptmann etwas mitleidig. Dabei drückte er dem jüngsten der drei Gisbert die Hand. »Also auf morgen!« – und machte sich auf den Weg. »Geschichten sind das ... Geschichten ...« brummte er noch im Gehen. Dann verlor sich das Rasseln seines Säbels über den Flur hin, und alles war still.

Nebenan, Tür an Tür mit dem Zimmer, in dem der Leutnant Albert, stumm in einem Buch blätternd, harrte, saß Georg Gisbert vor seinem Schreibtisch und rührte sich nicht. Seine Gesichtsfarbe war wachsfahl, wie bei einem Menschen, der eben eine schwere Krankheit überstanden, in den Augen ein wirrer und geistesabwesender Schein. Sein graues Sommerzivil, der Haarscheitel, der Schnurrbart waren in Ordnung wie immer, nach der mechanischen Gewohnheit des Offiziers. In der Hand hielt er einen vergilbten und zerknitterten Brief. Den hatte er wohl schon hundertmal gelesen, seit er ihn vor acht Tagen, hier im selben Zimmer, fast um die gleiche Nachmittagsstunde, empfangen und im nächsten Augenblick wie ein Rasender die Treppe hinabgestürzt war – in das nächste Automobil – hinaus nach Zehlendorf, was der Wagen nur laufen konnte – und doch zu spät ... und er las wieder und wieder die festen, großen und steilen Schriftzüge von Veras Hand:

»Mein geliebter Georg!

Ich habe Dir versprochen, zu fliehen! Wohin, hast Du mich nicht gefragt, und ich habe es Dir nicht gesagt. Du wußtest ja auch nicht recht, wohin wir beide fliehen sollten und wo das enden würde. Da hab' ich mir den Weg selbst gesucht. Glaub mir, es ist das beste! Ich war schon dazu entschlossen, ehe Du kamst! Gleich nachdem Dein Schwiegervater von mir gegangen war.

Aus der Unterredung mit ihm ist mir das klar geworden, was ich lange hätte wissen müssen, wenn ich nicht die Augen davor geschlossen hätte! Ich bin Dein Ballast im Leben. Du bist immer glücklich, solange ich nicht da bin. Sowie ich in Dein Dasein trete, geht das Unheil wieder los. Und das eine ist sicher: Du kannst ohne mich leben, mit mir nicht.

Du hast vorhin den Revolver herausgezogen. Ich fürchte mich nicht vor solch einer Waffe. Ich habe selbst eine. Schon lange. Sie liegt neben mir, während ich dies schreibe. Ich hätte Dir ruhig meine Brust geboten. Aber warum sollen zwei sterben, wo einer doch leben kann? Warum soll ich Dich mit mir reißen? Dann könnte man mit Recht sagen, ich sei Dein böser Geist gewesen. Und doch, glaube mir, hat Dich nie ein Mensch auf Erden so heiß und wahrhaft, so über alles hinaus geliebt wie ich.

Du bist ein Mann. Ihr könnt oft hintereinander leben. Draußen ist das Leben und stellt euch immer neue Aufgaben, und ihr könnt euch in denen immer wieder vergessen und erneuen. Wir haben nur ein Leben. Meines ist zu Ende! Oder eigentlich, es hat nie recht angefangen. Es waren immer nur Versuche dazu – Versuche mit Dir – gegen Dich – wieder mit Dir – Du warst immer da – Du warst immer mein Schicksal – und alle Versuche mißglückten. Durch meine Schuld. Es stand ein trüber Stern am Himmel, als ich geboren ward. Es ist etwas in mir, was sich nach Erfüllung drängt und doch nie erfüllen kann, und dies unruhige Suchen und Sehnen hat sich mir in Dir verkörpert – Du warst meine eigene Zerrissenheit – in Dir hab' ich mein eigenes Unglück geliebt und immer wieder groß gezogen, und Du Ärmster mußtest darunter leiden – Du Bester, Du mein einziger, mein geliebtester Georg. Ich mein' es so gut mit Dir und mit mir. Ich wollte ja nur ein bißchen Glück für Dich und mich. Aber es ist mir nicht gegeben. Ich möchte niemand etwas Böses tun, und wenn ich jetzt mein Werk der letzten sechs Monate überschaue, ist es wieder um mich wie ein Leichenfeld – Dein Haus zerstört, unser Kind begraben, mein Vater krank, mein Bräutigam verraten – das alles bin ich und bin doch nur ein armer Mensch, der seine Sehnsucht mit sich durchs Leben schleppt, und den ganzen Tag läutet es mir heute wie mit Glocken in den Ohren: ›Da wo du nicht bist, ist das Glück ...‹

Du wolltest, ich sollte mit Dir hinaus! Du sagtest, wir seien ja Mann und Frau. Vielleicht. Wenn wir es nicht sind – das hätte mich nicht gehindert. Aber der Gedanke, daß ich wieder Dein Leben zerstört habe, hätte mich da draußen, in der Not und Sorge, die uns da erwartet, immer verfolgt – der Gedanke, daß Du die Deinen hier verraten hast, hätte Dich, wie Du bist, immer und ewig verfolgt und Deine Kraft zum Kampf ums Dasein gebrochen. Und das alles um meinetwillen. Du hättest wieder an mir gelitten – noch mehr als früher – und wärest an mir zugrunde gegangen. Das will ich nicht. Dazu hab' ich Dich zu lieb. Viel lieber als mich selbst ... Besser ein Ende! Ich bin meiner müde. Ich gehe. Ich tu's für Dich!

Denn das ist meine letzte Bitte, Georg: Laß mein Opfer nicht vergeblich sein! Lebe! Ich weiß, Du kannst es, wenn Du auch anfangs daran verzweifeln magst! ... Wie – da will ich Dir nichts vorschreiben – das bestimmen schließlich Mächte, die stärker sind als wir – aber lebe! Es ist nicht meine Bitte! Es ist mein Geheiß. Der Wunsch des Sterbenden ist heilig.

Du wirst die Forderung noch einmal von mir hören, wenn ich nicht mehr bin. Von anderen Lippen, denen ich es aufgetragen. Dann denke, ich spräche selbst! ... Ich werde dies heilige Gelübde von Dir verlangen, und Du mußt es erfüllen!

Um meinetwillen! Es wäre mir ja ein leichtes gewesen, Dich mitzunehmen! Aber ich will für uns beide sühnen, was geschehen ist. Vor unserem toten Kinde haben wir uns geküßt. Nun holt mich mein Kind.

Leb wohl, Du über alles, über alles Geliebter! ... Ich bin noch einmal bei Dir! ... Halt still, Georg ... schließe die Augen: Es legt Dir jemand die Hände aufs Haupt. Er segnet Dich für den Rest Deines Seins. Er flüstert: Du Geliebter ... du Geliebter ... Meine Liebe hat Dich schwach gemacht. Mein Tod soll Dich stark machen. Ich sterbe für Dich. Nun lebe Du für mich – Denke meiner oder vergiß mich – Tu, was Du willst – Aber lebe! ... Lebe wohl!

Vera.«

Er ließ den Brief sinken und fuhr sich mit der Hand über die Augen und schaute zur Decke empor. Das alles erschien ihm wie ein Traum und war doch schon über eine Woche her. Unheimlich klar stand es in seinem Gedächtnis: Die rasende Fahrt nach Zehlendorf – über freies Feld – durch nüchterne Berliner Vororte, in Staubwolken den Weg entlang bis zu dem Hause in der Machnower Straße. Und dort schon alles durcheinander – Tür und Fenster offen – die Damen Pfennigreuter – fremde Menschen – ein Arzt – alles zu spät: Sie lag ruhig auf dem Diwan, als ob sie schliefe. Der rechte Arm war herabgeglitten. Neben ihr auf dem Boden glitzerte die Waffe ...

Nein – sie fürchtete sich nicht vor Waffen. Eine Erinnerung aus lang verwehten und verweinten Tagen stieg vor ihm auf, ein Bild von vor zehn Jahren, da er, der junge Leutnant, als Manövergast harrend vor dem Hause Neetzow gestanden, und vom Garten hei hatte eine helle Mädchenstimme als Antwort auf die Meldung des Dieners geringschätzig rufen hören: »Gott... Infanterie...!« – Da vergnügten Vera und die anderen sich gerade im Park mit Pistolenschießen, und sie traf am besten, das Licht auf der Flasche damals wie jetzt ihr eigenes Lebenslicht. Mitten ins Herz ...

Es war zuviel für ihn gewesen ... Er entsann sich nur noch des plötzlichen Dunkels vor seinen Augen bei ihrem Anblick – eines schweren Sturzes – und er frug sich: ›Warum bin ich überhaupt wieder aufgewacht?‹ – und schaute starr vor sich hin, immer auf eine Stelle in der leeren Luft.

Die Türe knarrte leise. Sein Bruder Albert war in das Zimmer getreten. Er stand zögernd auf der Schwelle, ungewiß, ob er näherkommen dürfe. Georg Gisbert sah den jungen Kriegsakademiker mit leeren Augen an. Er staunte darüber, daß er Brüder habe. Er staunte über alles in der Welt.

»Darf ich ein bißchen bei dir bleiben, Georg?«

Der andere richtete sich etwas auf.

»Setz dich einmal da her, Albert! Ich muß dich etwas fragen. Irgend einen Menschen muß ich fragen, und du bist ja jetzt immer bei mir. Du und Richard – ihr wollt verhindern, daß ich auch meinem Leben ein Ende mache – nicht wahr?«

»Ja – wenn wir es können, Georg!«

» I h r könnt es nicht! ... Das kann nur ... sieh mal, Albert... ich zerbreche mir, seitdem ich vorgestern wieder zu mir gekommen bin, darüber den Kopf ... Sie hat mir geschrieben, ich dürfe es nicht tun ...«

»Ich weiß.«

»Aber ist solch ein letzter Wille etwas so Heiliges, daß man sich einfach beugen muß?«

»Ja, Georg!«

Der Hauptmann Gisbert stand auf.

»Ich kann es aber nicht! Hörst du – ich kann es nicht!«

»Du mußt!«

»Das ist leicht gesagt! ... Aber wenn das stärker ist als ich ... ich ertrage das Leben nicht mehr ... Und vielleicht, Albert – vielleicht war das ihr letzter Prüfstein für meine Liebe, daß ich ihr dort hinüber folgen sollte – trotz alledem! ... Und wenn ich erst weiß, daß ich das darf ...«

»Du darfst es nicht!«

»...daß das ihr letztes Geheimnis ist... ich muß es mir selber lösen! Sie kann ich nicht mehr fragen ... Sie ist stumm.«

»Sie wird dir noch einmal Antwort geben, Georg.«

»Was soll das heißen? Warum nimmst du mich denn an der Hand?«

»Ich will dich aus dem Zimmer hier herausführen, Georg!«

»Wohin?«

»Fühlst du dich kräftig genug, das Haus zu verlassen? Ja? Dann komm! Und frage nicht! Laß mich gewähren! Bitte!«

Sie stiegen unten in eine Droschke. Der Leutnant rief dem Kutscher zu: »Nach dem Invalidenkirchhof!« Georg Gisbert zuckte zusammen. Aber er schwieg. Er sprach auf der ganzen Fahrt kein Wort, auch nicht, als sein Bruder unterwegs versetzte: »Dieser Tage hat mich der Oberst von Schefflenz kommen lassen. Er hat lange mit mir über dich gesprochen und sich alles erzählen lassen. Er läßt dir sagen: wenn du jetzt noch hinüber wolltest, nach Ostafrika – allein – dann brauchtest du gar nicht erst den Abschied zu nehmen. Es seien Stellen in der Schutztruppe frei. Er könne es veranlassen, falls du wolltest, daß du sofort wieder dorthin versetzt würdest – auf eine Anzahl von Jahren ...«

Der Wagen hielt am Kirchhofgitter. Sie traten ein. Sie schritten langsam auf dem Kiesweg im Schatten der Zypressen durch das Gewimmel der Grabmäler, unter denen die preußischen Soldatengeschlechter ruhten. Die Namen alter, seit dem Großen Kurfürsten auf allen Schlachtfeldern berühmter Familien schimmerten da und dort, efeuumsponnen, in verwaschenem Gold auf mürbem Stein. Nirgends war jetzt, im ersten Abenddämmern, ein Mensch. Der Leutnant Gisbert führte. Er kannte den Weg, den vor wenigen Tagen ein kleiner trauriger Zug gegangen – nur die Geschwister und der Schwager der Toten. Er selbst hatte sich fernab gehalten und erst, als alles vorbei war, seinen Kranz auf den blumenüberdeckten Hügel gelegt. Neben dem war ein kleinerer, fast noch ebenso frisch wie der andere, wie jener noch ohne Grabstein, aber die Blütenpracht auf ihm schon verwelkt und verdorrt. Vera von Vogt ruhte da zur Linken ihrer Tochter, und um sie schliefen die Sieversdorff, deren letzte die Mutter zu ihrer Rechten gewesen, den ewigen Schlaf.

Es war still. Georg Gisbert lehnte den Kopf an die Schulter des Bruders. Der fühlte, daß jener jetzt weinte, endlich weinen konnte. Er rührte sich nicht. Dies Schluchzen war lange Zeit der einzige Laut außer dem Vogelgezwitscher umher auf den Bäumen und dem seinen Brausen und Dröhnen der Weltstadt. Endlich sagte der Leutnant: »Georg ... an dieser Stelle habe ich ein Vermächtnis zu erfüllen! Sie wollte noch einmal zu dir sprechen. Sie hat mir vor ihrem Tode geschrieben ...«

Er zeigte ihm ein Blatt. Die Augen des anderen waren zu umflort. Er konnte nichts lesen. Da tat es der Jüngere:

»... Ich wende mich an Dich, Albert, weil ich glaube, daß ich, solange ich euren Namen trug, Dir näher gestanden bin, als den anderen Gisberts ...«

Er brach einen Augenblick ab. Er hatte Vera nur zwei-, dreimal im Leben gesehen. Er hätte nie gedacht, daß sie seine, des damaligen unreifen Lichterfelder Selektaners, stille Leidenschaft für die schöne, junge Schwägerin geahnt hatte, eine Leidenschaft, die erst nach Jahren, ohne daß je ein Mensch darum wußte, draußen im Leben leise erloschen war. Aber sie hatte sie doch gefühlt. Sie schrieb:

»Und dies ist meine letzte Bitte an Dich. Gehe sobald Du kannst mit Georg an mein Grab. Dort nimm ihm in meinem Namen, ein Bruder dem anderen, ein Offizier dem anderen, das Ehrenwort ab, zu leben und tapfer zu sein! ... Sag ihm: Die, die da unter seinen Füßen liegt, die könne nicht eher schlafen, als bis er es getan – Und ich unruhiger Gast möchte doch so gerne endlich, endlich zur Ruhe eingehen! ... Und dann hab Dank! Deine einstige Schwägerin Vera.«

Der Leutnant Gisbert streckte die Rechte aus: »Georg ...«

Es war still.

»Georg ... bei der da unten... erfülle ihren letzten Wunsch ...«

Er fühlte die kalte Hand des anderen in der seinen.

»Dein Wort, Georg?«

Da sagte Georg Gisbert leise, den Blick auf den Blumenhügel, vor sich gerichtet, als sähe er dort noch einmal sie: »Mein Wort!«

Es war ein schweres Schweigen. So verstrich wohl eine Viertelstunde.

»Nun komm, Georg! Es wird sonst heute zu viel für dich!«

Georg Gisbert nahm mit einem langen Blick von seiner Frau und seinem Kinde Abschied. Stumm schritt er mit seinem Bruder dem Ausgang zu. Er hatte keinen Willen mehr. Er ging, wohin der andere ging, an seiner Seite durch das lärmende Leben des Berliner Nordens, bis zu der nahen Luisenstraße, wo der Kriegsakademiker wohnte. Erst da, vor dessen Hause, blieb er wie aus einem Traum erwachend stehen.

»Warum soll ich denn da hinauf zu dir?«

»Komm nur!«

Der Leutnant Albert bewohnte zwei Treppen hoch nach vorn hinaus ein sehr einfaches, möbliertes Zimmer bei einem Schneidermeister. Gegenüber nach dem Hof zu war die Burschenstube. Der Musketier wartete schon und riß vor den Eintretenden die Türe zu dem Vorderraum auf.

In dem war jemand. Eine blasse, junge Frau stand da, große, dunkle Augen in dem zarten Kindergesicht. Georg Gisbert trat einen Schritt zurück. Er flüsterte ungläubig: »Otti ...?«

Da hörte er ihre Stimme: »Sie haben geschrieben, es handle sich um dein Leben! Da bin ich noch einmal gekommen!«

Er schwieg erschüttert. Endlich murmelte er: »Otti – wie hast du d a s vermocht?«.

»... weil ich dich immer noch lieb hab'! Trotz alledem!«

Er wandte sich ab. Er war seiner nicht mehr Herr. Neben ihm versetzte sein Bruder: »Er wird leben, Otti! Er hat's geschworen! ... Er geht jetzt in die Kolonien hinaus – nicht wahr, Georg? Und wenn Zeit genug ins Land gegangen ist ...«

Da sagte Otti leise: »Wir werden auf dich warten ... ich und die Kinder ...«

Er sah sie an. Eben beim Verlassen des Friedhofs hatte er in wildem Schmerz gedacht: ›Da liegt deine Frau! ... Da liegt dein Kind!‹ – Und da war wieder seine Frau – da waren wieder seine Kinder – und in ihm war ein Ahnen des ewigen Lebens, das sich aus sich selbst erneut und die Wunden heilt, die es schlug.

Und auf seine Lippen drängte sich das eine Wort: »Vergib!«

Noch stand sie still. Er wiederholte: »Vergib mir, ehe ich gehe!«

Sie reichte ihm stumm die Hand. Er hielt sie in der seinen. Eine Befreiung war in seinem gebrochenen Herzen: ›Sie selber – die da drüben – will ja, daß ich lebe – daß andere mit mir leben – jetzt noch nicht – aber nach Jahren, wenn ich das Leben wieder zu ertragen gelernt habe ...‹

Vor ihm sagte Otti: »Bleib drüben, solange du willst! Oder solange du mußt! ... Wir hier bleiben dir treu! ...«

Er schloß die Augen. Er wollte ihr sagen: ›Es ist zu viel für mich. Zu viel Liebe im Leben und zu viel Liebe im Tod!‹ Aber er konnte nicht mehr sprechen. Er preßte ihr nur noch einmal die Hand. Dann trat er hinaus. Der Bruder folgte ihm. Es war dämmerig draußen auf den Straßen geworden, Nacht drüben im Norden, wo Vera schlief, und wie ein letzter Gruß von ihr stand oben am Himmel, hoch über den Menschen, hoch über der Welt, der Abendstern.

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