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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 83
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Berlin, den 26. März

Es ist nun resolviert, daß das Corps des Generals Borstell mit Dörnberg über die Elbe geht. Wie mir soeben geschrieben wird, ist alles bereits in Bewegung. Das Regiment Königin-Dragoner machte den Vortrab und ist am 21. schon durch Zehdenick auf Ruppin gezogen. Es wird daher das Dörnberg-Borstellsche Corps vielleicht 10 000 Mann stark sein. Wenn ich aufrichtig sein soll, so mißfällt mir der ganze, sich mehr und mehr entwickelnde Plan. Man zerstreut sich in kleine Corps, um den Aufstand zu befördern, während man, meiner Meinung nach, mit aller Stärke gerad auf Erfurt losgehen müßte, um die sich dort sammelnden Franzosen zu schlagen. Dann käm all das andre von selbst. Wenn man erwägt, daß Danzig, Küstrin, Glogau, Stettin, Thorn, Magdeburg und selbst Spandau Observationscorps erfordern, so leuchtet ein, daß die Feldarmee nicht stark sein kann, wenn sie noch viele Neben-Detachements aussendet. – Wir erwarten täglich das Landwehredikt, das von dem in Ostpreußen verschieden sein soll. Das erste Glied mit Piken, die zwei andern mit Gewehren, was etwa 38 000 Piken und Gewehre erfordern würde, wovon wir nicht den hundertsten Teil haben. Wahrlich, wenn nicht eine Hoffnung auf die Fügungen der Vorsehung bliebe, man müßte vor Mißmut untergehen. Ich bringe mich persönlich bei diesem allem nicht mit in Anschlag; meine Jahre führen mich dem Ziele näher, wohin wir alle müssen. Allein wenn ich an andere denke, dann hab ich einen herzlichen Kummer, den ich mit mir herumtrage und der mich gesellschaftsscheu macht. Denn da hört man so viel überspannte Äußerungen, daß man sich ärgern muß.

 
Berlin, 3. April 13

Das Bülowsche Corps ist nun auch hier durch und zur Armee gegangen. Es war sehr gut im Stande. Darunter auch drei Eskadrons der schwarzen Husaren, die neuerdings erst wieder beritten gemacht worden sind. Sie hatten nämlich die Ehre gehabt, unter Napoleons Anführung so ruiniert zu werden, daß nur zweiundzwanzig Pferde übrigblieben. Die 4. Eskadron wird noch in Preußen komplettiert.

Ich wollte, daß das Kutusowsche Corps auch schon in Sachsen wäre; denn in dem Augenblicke, wo der große Würger bei seiner Armee ankömmt, wird er gewiß auch gleich losschlagen. Meiner Berechnung nach stehen mit General Blücher höchstens 50 000 Preußen und Russen in Sachsen. Das ist viel zu wenig. – In Danzig herrscht die schrecklichste Teuerung; Pferdefleisch kostet das Pfund einen Taler; ebenso Butter. General Rapp treibt die kleinen Bürger heraus, und die Russen treiben sie wieder herein. Welch ein Zustand für die armen Leute! Der Spandauer Kommandant will auch zuweilen Ausfälle machen; sie mißraten ihm aber, weil die Deutschen der Garnison überlaufen. Vor zwei Tagen hatte er eine Plünderpartie nach Pichelsdorf gesandt, die jedoch von den Pichelsdorfern, mit Hilfe einiger Kosaken, tüchtig zusammengeknüppelt wurde. Man erzählt sich, Herr Staegemann würde in des Staatskanzlers Bureau kommen, Herr Beguelin aber die Bank- und Seehandlungsdirektion übernehmen. Woher der alle Weisheit nimmt, weiß ich nicht. Noch ist er in Amsterdam, wohin er wohl gegangen sein mag, um dem Pariser Ungewitter auszuweichen. – Der »Moniteur« spottet unserer schon; es wird aber schließlich auf Worte nicht ankommen. Gebe Gott nur, daß wir die ersten Schläge recht hart austeilen, dann wird sich das andere von selber finden. An gutem Willen fehlt es nicht, aber auf seiten der Gegner wird sehr wahrscheinlich wieder die Übermacht sein, weil er aus Spanien eine große Truppenabteilung herbeigeholt hat.

Nun wird mit Bildung der Landwehr vorgegangen, was viel Schwierigkeiten hat. Es fehlt an Arbeitskräften, und wenn die Landwehr davon noch mehr fortnimmt, so werden bald auch die Handwerke stillestehn, die für die Armee arbeiten. – Das »Russisch-Deutsche Volksblatt«, das von Kotzebue hier herausgibt, kann ich Dir als eine possierliche Diatribe empfehlen. Mit dem französischen Kaiser macht er es etwas arg.

 
Liebenberg, 17. April 1813

Mit Formation unsrer Landwehr geht es rasch vorwärts, und um sie zustande zu bringen, werden wir methodisch ausgesaugt. Da hat es der freiwilligen Beiträge kein Ende. Und komisch genug, daß die schlimmsten Bankruttierer dabei immer das große Maul haben und Beiträge unterschreiben, während sie zwei- und dreijährige Zinsen schuldig sind.

Ich werde es täglich mehr gewahr, daß unsere neue Finanzeinrichtung infolge der Zerstückelung und Zwischenstationen nichts taugt. Die Regierungen sind bange vor den regierenden Geheimen Staatsräten und diese wiederum vor dem nicht antwortenden Staatskanzler samt Umgebung. Und so herrscht eine innere Konfusion, die man früher nicht kannte. – Zu den vorgekommenen Possierlichkeiten gehört auch die, daß der Kammerherr von Podewils, der die jüngste Tochter des Kammerherrn von Reck zur Frau hat, zu den Gardekosaken gegangen ist. Er hat sich einen tüchtigen Bauch angeschafft und nichts von einem Kosaken an sich. Sobald aber das Czernischewsche Corps vor Berlin kam, ritt er zum Tore hinaus und zog mit den Kosaken herum, um sich auf dem Zug nach Oranienburg und Kremmen das Kosakische einzustudieren. Dann kam er zurück, kleidete sich ein und ist nun bei den Gardekosaken. Überhaupt, eine gute Zahl Männer ist zur Armee abgegangen, die, meines Dafürhaltens, eher zur Last als zum Nutzen sein werden.

 
L., 27.April 1813

Daß die jetzt nachrückenden russischen Truppen schmutzig und abgerissen aussehen, ist kein Wunder. Sie haben ja beinah in neun Monaten nicht den Rock vom Leibe gehabt. – Wenn ich nur unsre Festungen in unsern Händen wüßte. Vor allen Dingen aber müßten wir Wittenberg haben, welches der darin kommandierende französische General total ruiniert. Überhaupt hausen die Franzosen, wo sie hinkommen, wie die Schinder. Unter andren zeichnet sich der General Vandamme, den Du ja kennst, als ein vorzüglicher Bösewicht aus. Er wird aber, denk ich, auch seinen Lohn bekommen, denn das Corps an der Niederelbe verstärkt sich täglich und wird ihn wohl aus Bremen herausjagen. – Die Schweden stehen, wie es allgemein heißt, in englischem Sold. – Der Vizekönig Stein tut alles Mögliche, um die Sachsen in Gang zu bringen, und der davongelaufene Ölgötze riskiert alles, wenn die Alliierten Glück haben. Von seiner Armee existieren vielleicht nur noch 8000 Mann, wovon 5000 in Torgau (unter Thielemann) die Neutralität ergriffen haben; die anderen sind in französischen Händen. – Wahrscheinlich wird in kurzem etwas Wichtiges vorfallen, denn Ney, der jetzige Liebling Napoleons, hat mit allem, was er zusammenzubringen imstande war, eine Bewegung gegen die Alliierten vorwärts gemacht. Vielleicht auch nur in der Absicht, sich die Kosaken vom Halse zu schaffen, die bis Eisenach gestreift haben.

 
L., den 7. Mai 1813

Gestern bekam ich das in Berlin angeheftete Extrablatt über die am 2. vorgefallene fürchterliche Bataille bei Lützen, also auf demselben Terrain, wo Gustav Adolf den Wallenstein schlug. Da das Blatt sagt, »daß die Nacht die Schlacht unentschieden gelassen habe«, so bin ich über die Folgen nicht ohne Sorge. Privatnachrichten meldeten, daß der Prinzessin Wilhelm Bruder geblieben und General Blücher leicht verwundet sei.

Zur Landwehreinstellung hier hab ich zwar alle pro forma losen lassen, dann aber ist eine Auswahl gemacht und die sind genommen worden, die am entbehrlichsten waren. Aus Liebenberg sieben, die ich alle ausgerüstet habe, einen als Kavalleristen und sechs als Fußgänger. Mit dem Landsturm sieht es konfuser aus, weit alles mit soll, was noch kriechen kann; Piken werden geschmiedet, und alles muß marschieren und schwenken lernen. Am allermeisten ärgern mich die unberufenen Aufforderer »zu allerlei Gaben«, nicht zu vergessen die Damenvereine. Wenn man dieser Menschen Aufforderungen liest, so sollte man glauben, es sei noch nichts geschehen, und wahrlich ein jeder hat gegeben und viel gegeben. Besonders wir Landleute und kleinen Städte, die die Magazine stets füllen mußten und doch zu allen anderen Beiträgen mit herangezogen worden sind. Und was alles vorgeschlagen wird! Ein Narr will zum Landsturm von zehn zu zehn Schritt eine kleine eiserne Kanone haben, wo aber Artilleristen und Munition herkommen sollen, das sagt er nicht. Ein anderer will alles Kirchensilber in die Münze liefern, ein dritter dagegen schlägt »silberne Kelche« als Prämien für die Taten des Landsturms vor. Flugs ist ein vierter Narr da und sagt, »nein, nicht silberne, sondern eiserne Kelche«. Aber auch er ist noch nicht der letzte, denn ein fünfter hat sogar sammetgestickte Kanzel- und Altardecken in Vorschlag gebracht. Wahrlich, die mehrsten solcher Kleinigkeitskrämer gehörten ins Tollhaus. Alles soll einen religiösen Zweck haben, im Grunde aber liegt ein mir ekelhafter Servilismus und Fanatismus im Hinterhalte, dessen mehrere Geistliche sich anjetzo bedienen, um die Hände mit im Spiel zu haben. Unter diesen ist der Herr Propst Hanstein nicht der letzte. Einige Prediger haben den Auftrag, »die Landwehr beim Ausmarsch durch eine Anrede zu ermuntern«, so weit getrieben, daß sie den Landwehrmännern das Abendmahl gereicht haben. Die Landwehr unseres Kreises ist mit einigen Compagnien des Havellandes nach Spandau eingezogen worden, um diese Festung, die vor kurzem kapitulierte, zu reinigen und ihr als Garnison zu dienen. Kaum aber ist sie zwei Tage dort gewesen, als sie nach Burg aufbrechen mußte, was vermuten läßt, daß von der französischen Garnison zu Magdeburg allerlei zu befürchten sei. Wollte Gott, daß der allgemeine Menschenschinder bald seinen Untergang fände!

 
L., den 18. Mai 13

Am 12. dieses ging ich nach Berlin. Ich fand daselbst solche Bestürzung und so eine Furcht, als ob schon die ganze feindliche Armee vor den Toren stünde. Der Justizminister, mehrere Geheime Staatsräte und die vornehmsten Banquiers waren abgereist. Die Prinzessinnen von Oranien und Hessen brachen in der Nacht nach Stargard auf; die Prinzessin Wilhelm hatte packen lassen und wollte folgen. Geheimrat Rosenstiel, der drei Söhne bei der Armee hat, hat einen durch Gefangenschaft verloren, die beiden andern sind verwundet. Reck, Dönhoff, die beiden Reuß sind wohl; Oberpräsident von Gerlachs Sohn ist verwundet, Fockes beide Söhne sind gesund. Zu verwundern ist es, daß die mehrsten Verwundungen nur leicht sind. Es hieß, daß Oberstlieutenant von Tippelskirch schwer blessiert sei und so sämtliche Stabsoffiziere der Garden. Anton von Stolbergs Pferd wurde erschossen, er stürzte und zwei andre Pferde über ihn, so daß er durch Quetschung sehr gelitten hat. Aber nicht gefährlich. Am meisten hat das Regiment der brandenburgischen Kürassiere verloren, welches beim Einhauen auf ein Viereck zwei Drittel seiner Mannschaft liegen ließ.

 
L., den 2 1. Mal 1813

Viel gewonnen ist dadurch, daß die Alliierten ihre Position behaupten und unterdessen Verstärkungen erhalten haben. Der französische Kaiser, um in Übermacht zu bleiben, läßt den Marschall Davoust von der Niederelbe nach Sachsen kommen. Sein Corps soll 10–12 000 Mann stark sein. Dadurch werden die Hanseaten frei, Schweden sind genug im Mecklenburgischen. Gehen die endlich über die Elbe, so wird der saubere Vandamme über die Weser zurück müssen, oder er bekommt Schläge. – Mit unseren Belagerungen geht es traurig, weil es an allem fehlt. Stettin ist eng eingeschlossen, aber weiter nichts. Küstrin wird beschossen; dieser Ort ist aber gerade der festeste. Hart ist es, seine eigenen Festungen ruinieren zu müssen, nachdem man sie dem Feinde zuliebe verproviantiert hatte. – Unsere Hoheiten sind nun gottlob alle aus Berlin fort. Sie waren eigentlich nachteilig und unbequem, brauchten eine enorme Menge Pferde, und sowie sie einpacken ließen, glaubt das Publikum, nun sei alles verloren.

 
L., den 5. Juni 1813

Ich werde ruhig hierbleiben, denn ich habe das feste Zutrauen, daß die Lage der Dinge bald besser werden wird. Schon ist es was, daß das Durchbrechungsprojekt des französischen Kaisers nicht geglückt ist. Seine Lage ist nicht angenehm, er findet Widerstand von Schritt zu Schritt, hat wenigstens schon 50 000 Mann verloren und wird in seinem Rücken beständig beunruhigt. Dabei leidet er Mangel, und in Dresden selbst herrscht Not. Die Bewegungen der Schweden können nichts anders als ein Vorgehen gegen ganz Niedersachsen und besonders gegen die Weser beabsichtigen, und dann muß sich die feindliche Hauptarmee schwächen, um dort zu helfen. Wenn nicht die verächtliche Haltung des sächsischen Hofes und die nun glücklicherweise beseitigte Jalousie der Dänen die Projekte des Feindes befördert hätten, so wäre dieser so weit nie gekommen. – Unsere Landwehren bilden sich in der ganzen Gegend, sie fangen an, eine militärische Konsistenz zu bekommen, und werden in kurzem keinem regulären Corps weichen. Der Landsturm dagegen ist meiner Meinung nach ein Unding. Indessen wird auch daran gearbeitet. Alles in allem, es steht nicht schlecht. Sollte nichtsdestoweniger das Unglück über uns hereinbrechen, so geh ich, nachdem es die Umstände erlauben, nach Stargard oder der Insel Rügen. Ich bleib aber nochmals bei meiner Meinung, daß die Sachen besser stehen, als manche fürchten, und schon ist es ein vieles, daß das Poniatowskische Armeecorps in Polen entwaffnet ist. Spanien wird wohl bald ganz frei sein, denn da geht es rasch vorwärts, und binnen kurzem wird Frankreich seine Südgrenze zu schützen haben. Jetzt ist die große Krisis. Hilft uns Österreich, so ist Deutschland frei.

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