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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 79
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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L., 28. April 12

Aus Glogau hör ich, daß General Grouchy sein Quartier daselbst genommen hat und sich höflich, still und mit allem zufrieden zeigt. Er will sein Hauptquartier nach Fraustadt verlegen und seine Wohnung bei D.s lediglich als Absteigequartier behalten, womit sie sehr zufrieden sind. Die Division Italiener liegt nun in und um Glogau; die Kerls sollen stehlen wie die Raben. Der Duc d'Abrantes, der sie kommandiert, traut ihnen so wenig, daß er zwar zwei Italiener zur Schildwacht vor dem Hause, im Innern aber zwei Sachsen zur Wache hat. Ebenso machen es auch die andern Generale. Des Kaisers Garde kömmt nun auch noch nach Glogau.

 
L., 5. Mai 1812

Über das Einrücken der heute bei Dir erwarteten, sehr prätentiösen Gäste (die Kaisergarde) bin ich für Dich besorgt, denn ich glaube nicht daß man auf die Schildwachen des Generals Grouchy Rücksicht nehmen, sondern Dir Einquartierung geben wird. Es wird in der Tat schrecklich mit uns verfahren. So müssen wir jetzt beispielsweise zur Komplettierung der französischen Artillerie Pferde liefern, alles auf Konto der vermeintlich rückständigen Kontribution, wodurch unsere besten Pferde fortgehen. Und deren sind nur noch wenige. Für den Tag, wo ein Corps in den Etappenplatz einrückt, wird nichts mehr vergütet; die Vergütigung gilt nur für Kantonierungen. Ich bin froh, daß ich mein Vieh gestern auf die Weide treiben konnte, denn mit dem Futter war es am Ende. Hafer laß ich so geschwind als möglich säen, denn was in der Erde keimt, kann wenigstens nicht genommen werden. Ob der Marschall Victor in Berlin bleibt, ist noch nicht gewiß; einen unangenehmeren Gouverneur hätte man nicht wohl wählen können. Er ist noch in zu frischem Andenken. Übrigens ist er in der Stadt Paris abgetreten, was fast vermuten läßt, daß er auf eigne Kosten zehren wird. Nun hoffen wir, daß alles, was nach Norden soll, hier durch ist; auch werden wir durch die Wassertransporte in etwas erleichtert. Einer unserer Liebenberger, der mit in den Krieg ist, schreibt aus Friedland in Preußen, daß dort ein grobes Brot zwanzig Groschen Courant und das Quart Branntwein einen Taler koste, woraus man auf das übrige schließen kann. Am Ende wird Hunger und Elend bewirken, was durch menschliche Kraft nicht erzwungen werden konnte.

 
L., 12. Mai 12

Gestern hatt ich wieder Nachrichten aus Glogau. Die Gegend ist mit Truppen überdeckt, so daß nun schon der vollständigste Mangel an allem herrscht. Außer dem Corps des Herzogs von Abrantes, welches noch stehenbleibt, liegen 20 000 Mann Garden von Glogau bis Liegnitz in Quartier. Letztere kennt man als nie genug habende Buben. Am 3. Mai hat Glogau einen großen Schreck gehabt. In einem Sauf- und Tanzhause haben sich sächsische und italienische Soldaten verzürnet. Die Italiener waren meistens Dalmatiner. Sie haben sich geschlagen, andere von beiden Teilen sind hinzugekommen, und so ist die Schlägerei in den Straßen fortgesetzt worden, ohne daß die Offiziere die Macht gehabt hätten, die Kerls auseinanderzubringen. Nur durch Generalmarschschlagen hat man sie wieder zur Ruhe gebracht. Fünf sind tot, über fünfzig schwer blessiert. Abrantes ist besonders auf den sächsischen Obersten, der sich ängstlich benommen hat, böse gewesen, und weil die Gärung unter den Soldaten fortwährte, so hat er die Italiener ausmarschieren lassen und auf die Dörfer verlegt. – In unserm Ostpreußen ist noch kein Franzose; es heißt dort, daß diese Provinz allein unsern Truppen verbleiben werde. – Am Sonnabend lagen in Zehdenick und Umgegend neun Compagnien Matrosen, die zwar nach Matrosenart gekleidet, aber im übrigen wie Musketiere bewaffnet waren. Sie kamen von Boulogne und zogen nach Danzig, welches ein Spaziergang von dreihundert Meilen ist. Also will Napoleon auch Flotten ausrüsten. Es heißt, er wolle sie auf dem Kaspischen Meere gebrauchen, und man erinnert sich, daß schon ein ähnliches Detachement mit Davoust vorangezogen ist.

 
L., 16. Mai 12

Ich habe gerade noch auf vierzehn Tage Heu für meine Pferde, bekomme ich aber Reiterei zu verpflegen, so wird alles in einem Tage aufgezehrt. Alle Preise der Lebensmittel steigen, und schon ist ein Schock Stroh mit dreißig Talern bezahlt worden. Die von Danzig und aus der Armeegegend zurückkommenden Offiziere machen eine traurige Beschreibung des dort herrschenden Elends, und doch sollen die Leute sich einbilden, daß das alles zu ihrem Glück geschieht. Was dort erzählt wird, daß ein Zug zu Lande nach Ostindien beabsichtigt sei, das haben wir hier lange geglaubt; was sollten auch sonst die mitgeschleppten Mühlen, die in Vorrat gemachten Wasserschläuche und die trotz aller Not mitgeführten Kleidungsstücke bedeuten? Unter den Vorräten befinden sich auch Brillen, gewiß, um die Augen gegen den Sand der Wüste zu schützen. Möchten sie doch alle schon am Kaspischen Meer oder im Kaukasus sein. Vielleicht gilt es auch Ägypten, wo dann einige Steppen und Wüsten zu durchziehen wären. Nie ist eine Expedition mit mehr Macht und Vorsicht unternommen worden, und doch ist drei gegen eins zu wetten, daß sie mißlingt.

 
L., den 23. Mai 1812

Aus Berlin erfahre ich heut, daß nun das eigentliche Victorsche Corps, das IX., daselbst einquartiert worden sei und daß nach diesem die Garden folgen sollen. Letzteres kann ich mit der Nachricht nicht reimen, daß die Garden bereits durch Glogau gezogen sind. – Stelle Dir vor, daß ein Brief, den ich im März an Schwager Wylich schrieb und in dem ich ihm beiläufig sagte, »daß wir durch die Truppendurchzüge litten«, in Wesel geöffnet, an das Pariser Polizeiamt gesandt und von diesem eine Weisung an Wylich gegeben worden ist, »in seinen Korrespondenzen keine Politik zu berühren«, also daß nun auch das Unschuldigste nicht mehr geschrieben werden darf.

 
L., 26. Mai 1812

Unser König ist vermutlich zur Dresdner Konferenz nicht eingeladen worden, sonst wäre er gewiß dahin gereist, da seinerseits nichts versäumt wird, um die durch Berlin reisenden vornehmen Oberen der französischen Armee zu bewillkommnen. Der König von Neapel hat sich, wie ich von Berlinern gestern erfuhr, sehr freigiebig gezeigt, sowohl gegen die königlichen Equipagen als auch gegen die Madame Overmann, bei der er inkognito abgetreten war. Unter anderem hat er auch ein englisches Racepferd, welches der junge Schickler hatte, für 500 Friedrichsdor gekauft. – Da nun alle Matadores zur Armee abgegangen sind, so kann der Zeitpunkt nicht entfernt sein, wo sich die Frage Krieg oder Frieden entscheidet. Die Russen haben keine geringen Gegenanstalten gemacht und haben, um nur eines zu nennen, fünfzehn Meilen von ihrer Grenze alle Lebensmittel, Fourage, Vieh, selbst Arbeitsgeräte hinter ihre Linien bringen lassen. Dieses sagen französische Offiziers, die hier durchkamen, um Rekruten zu holen. Die ganze alliierte Armee lebt aus Magazinen; der Bauer in Polen hat nichts, ja er ist froh, wenn der Soldat ihm ein Stück Brot abgibt. Auf der Frankfurter Route ist es ebenso gegangen wie auf manchen Gütern in Schlesien; Saathafer und Gerste sind genommen worden, wo es an Futter fehlte, und hätte die schnelle Witterungsänderung nicht Gras hervorgebracht, so hätte unser Vieh in den kahlen Wäldern und Wiesen verhungern müssen.

 
L., den 6. Juni 1812

Ich freue mich um Deinetwillen, daß der vornehme Schwarm aus Glogau fort ist, denn hoffentlich wird nun einige Erholungszeit eintreten. Der gelbsüchtige höfliche Mann, von dem Du schreibst, gehörte zu den Lieblingen des Kaisers. Ob er es noch ist, steht dahin. Er hätte übrigens nicht nötig gehabt, die Gelbsucht eigens mit auf die Reise zu nehmen, denn nach den Nachrichten, die wir hier haben, herrscht sie in tödlichem Grade bei den Truppen. Er konnte sie also dort, wo er hinwollte, schon vorfinden. Was Du von unserem alten Feldmarschall schreibst, hat mich nicht überrascht; da man uns schmeicheln will, mußt er auch gut empfangen werden. Mit dem sächsischen Hofe soll man nicht so ganz zuvorkommend umgegangen sein, sondern alles etwas de haut en bas behandelt haben. – Die Armeecorps hatten schon vor der Dresdener Zusammenkunft Befehl, weiter vorzurücken, und waren großenteils über die Weichsel gegangen; ich befürchte daher, daß nun auch Ostpreußen in Mitleidenschaft gezogen wird. Einige von der Armee zum Rekrutenholen abgeschickte französische Offiziere machten kein günstiges Gemälde von der Lage der Truppen, sie litten Mangel am Notwendigsten, und Krankheiten äußerten sich über Erwartung. Wie es unserem Yorckschen Corps geht, wissen wir aus einigen Soldatenbriefen; sie klagen über Mangel und melden, daß Wasser ihr Hauptgetränk sei. Dem Gerüchte, daß mit Rußland eine Übereinkunft getroffen sei und der Krieg nicht statthaben werde, kann ich keinen Glauben schenken; vielmehr will ich wetten, daß in vierzehn Tagen Tätlichkeiten vorgefallen sein werden. Wir sehen voller Ungewißheit in die Zukunft, und obgleich Ängstlichkeit nicht in mir liegt, so bin ich doch überzeugt, daß wir, es möge glücklich oder unglücklich ablaufen, immer als der leidende Teil aus diesem Kriege hervorgehen werden. Alliierter oder Feind, wir werden aufgezehrt.

 
L., 12.Juni

Aus Glogau höre ich, daß Marschall Bessières nur eine Nacht bei Danckelmanns im Quartier gewesen ist. Er benahm sich etwas steif, sonst höflich.

Bei Danzig und in unserm Westpreußen wird schon grün fouragiert für die Kavallerie. Einige französische und badische Offiziere, die zum Rekrutenholen von der Armee zurückkamen, haben ohne Rückhalt erzählt, daß Mangel und Krankheiten die Menschen und Hunger die Pferde aufriebe. Alles ist unzufrieden bis zum Schimpfen. – In Stettin hat sich vor circa vierzehn Tagen eine ähnliche Geschichte wie die in Glogau zugetragen. Der Tambourmajor eines badenschen Regiments hatte sich mit einem Franzosen geschlagen und diesem derart zugesetzt, daß er niederstürzte. Darauf sind mehrere Franzosen über den Tambour hergefallen und haben ihn, wie es heißt, totgestochen. Dies wurde selbstverständlich von den badenschen Soldaten sehr übel genommen, die sich nun zusammenrotteten. Eine Schlägerei entstand, Gewehr und Bajonette sind in Gang gekommen, und als man endlich Frieden gestiftet hatte, zählte man siebzig Tote und Blessierte, unter denen sogar Offiziere sein sollen. Man erschrickt, wenn man sieht, daß alle Ordnung sich auflöst und überall nur das Recht des Stärkeren gilt. Es soll der sächsische Graf Einsiedel sein, der einen französischen General, man sagt Reynier, vielleicht einen Bruder des Corpskommandeurs, zu Warschau totgeschossen hat.

 
L., 23.Juni 12

Zwischen Kyritz und Wusterhausen hat sich am 14. d. M., um neun Uhr abends, ein sonderbarer Vorfall ereignet. Ein wohlgekleideter Reisender, der zu Fuß nach Kyritz ging, wurde auf der Landstraße von vier Kerls angegriffen, von denen zwei mit Säbeln und die beiden andern mit dicken Prügeln bewaffnet waren. Gegen diese wehrt er sich und ruft um Hilfe. Ein des Weges gehender invalider Gardejäger, mit Namen Romanus, eilt herbei und schlägt auf die Mörder so gewaltig los, daß diese die Flucht ergreifen. Romanus hat vier Hiebe in seinen Tschako und einen am Kopfe bekommen, jedoch nicht gefährliche. Der Reisende hat seinen Namen dem Romanus nicht sagen wollen, sondern nur erklärt, »er sei der Graf von G.,« hat dann dem Romanus freundlich gedankt und ihm seine Börse angeboten, die dieser jedoch nicht hat annehmen wollen. Am anderen Tage hat man, nicht weit vom Kampfplatz, ein an den Kommandeur der Invalidencompagnie, bei welcher Romanus steht, gerichtetes und an einem Baum befestigtes Blatt gefunden, worin um Bekanntmachung der edlen Tat des Romanus in einem sehr gebildeten Stil gebeten wird. Auch dieses Billet war unterzeichnet Gr. von G. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es der Graf von Gottorp, der, nachdem ihn die Herrnhuter in Gnadenfrei nicht haben aufnehmen wollen, nun, um nicht bemerkt zu werden, zu Fuß reist. Wohin, das mag nur er wissen. Sollten ihm nicht auch Spione nachgeschickt sein, um ihn gelegentlich aus der Welt zu schaffen? War es doch in derselben Gegend in der Nähe von Perleberg, wo, vor fünf Jahren, ein englischer zurückreisender Gesandter (Lord Bathurst) verschwand.

 
L., 1. Juli 12

Gestern kam das 4. Westfälische Regiment hier durch, zum Teil bloße Jungen. Unser benachbartes Bergsdorf hat davon eine Compagnie futtern müssen. Sie eilen nach Stralsund, weil man französischerseits in der Furcht ist, daß die Engländer es besetzen möchten. Übrigens hab ich Dir aus Bergsdorf noch zu berichten, daß Knorrs Bruder, als er einen großen Stein einsenken wollte, durch ebendiesen Stein totgequetscht worden ist. Wenn man diesen doch über den Niemen senden und an richtigem Ort und, versteht sich, zu gleichem Zweck aufstellen könnte.

 
L., 7. Juli

Wenn Ochsen sich zu wundern imstande wären, so würden die illyrischen sich wundern, die heute hier, der Großen Armee nach, vorübergetrieben wurden. Unser Vieh, soviel wir dessen noch haben, zieht desselben Weges. Dazu wird selbstverständlich Roggen, Hafer, Heu und Stroh verlangt; von den beiden letzteren Artikeln ist nichts mehr vorhanden. Auch in Preußen oben geht alles über Bord. Auf Onkel Kalcksteins Gut hat die Einquartierung neunundvierzig Ochsen und sieben Kühe weggefressen. Alle guten Pferde waren auf Vorspann mitgeschleppt, und ob sie zurückkommen, ist mindestens zweifelhaft.

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