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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 68
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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10. Februar. Abstieg vom Sinai.

11. Februar. Desgleichen. Um fünf Uhr wird das Lager angesichts des »Serbâl« aufgeschlagen, in dem einige Forscher den biblischen Sinai vermuten. Beim Lagerfeuer beginnt man aus der Bibel vorzulesen, und zwar die Stelle, wo der diesen Teil des Sinai berührende Zug der Juden beschrieben wird.

12. Februar. Der Abstieg wird fortgesetzt. Man passiert das Wadi Maghâra. An den Felswänden Bilder und Inschriften;Von diesem »Tal der Inschriften«, wie man's nennt, zweigt ein Seitental, eine Schlucht ab, in der von 1855 bis 1866 ein ehemaliger schottischer Major, namens Macdonald, in einem selbstgebauten Hause wohnte, um die schon den alten Ägyptern bekannten Türkisminen dieser Gegenden auszubeuten und auf den europäischen Markt zu bringen. Das Geschäft ließ sich anfangs gut an, leider aber erwiesen sich später die oft faustgroßen Stücke des Edelsteins als unecht in der Farbe, denn sie verloren bald ihren Glanz und das Himmelblau, das den echten Türkis auszeichnet. Das Haus des Majors, dessen die Beduinen noch jetzt als ihres Wohltäters gedenken, steht als eine Ruine da. die ältesten aus der Zeit der dritten Dynastie. »Diese Inschriften sind von großer geschichtlicher Bedeutung; sie zeigen uns die ältesten Könige der ägyptischen Geschichte: Senofru (dritte Dynastie), Cheops, Erbauer der großen Pyramide von Gizeh (vierte Dynastie), und nach ihnen die Pharaonen der fünften und sechsten Dynastie bis auf den langlebigen König Pepi I. als Überwinder der ältesten Bewohner der Sinaihalbinsel.«

13. Februar. Weiterer Abstieg. Der »Paß der Schwertspitze« wird passiert. Zuletzt ein Felsentor, und das Meer liegt zu Füßen. Am 13. abends wird das Meer erreicht.

14. Februar. Erst Marsch am Meer. Dann, landeinwärts biegend, durch Wüsteneien auf Suez zu.

15. und 16. Februar. Weitermarsch im Flachland. Am 16. wird Suez erreicht. Hier schließt sich der inzwischen von Berlin aus mit Briefen und Meldungen eingetroffene Rittmeister Baron Maltzahn, erster Adjutant des Prinzen, dem Reisezuge an. Der Prinz geht an Bord des »Cyklop«.

17. Februar. Fahrt auf dem Suezkanal von Suez nach Ismaila und Port Saïd.

18. Februar. Fahrt von Port Saïd nach Jaffa.

19. Februar. Fortsetzung der Fahrt. Um vier Uhr Ankunft auf der Reede von Jaffa. Zwei höhere türkische Offiziere, Adjutanten des Großherrn in Stambul, Oberst Achmed Bey und Major Ismael Bey, stellen sich dem Prinzen vor und sprechen ihm in geläufigstem Französisch die Bitte des Großherrn aus, »daß er (der Prinz) geruhen wolle, die Gastfreundschaft Seiner Majestät während seines Aufenthaltes auf dem Gebiete des türkischen Reiches, huldvollst anzunehmen. Alles stände zum sofortigen Aufbruch nach Jerusalem bereit und Seine Königliche Hoheit habe nur die Befehle zu geben.«In Begleitung der beiden türkischen Offiziere befand sich auch ein »Verpflegungs- und Reise-Generaldirektor«, von dem Brugsch eine ganz vorzügliche Schilderung gibt. Ich entnehme derselben folgendes: »Er, dem die Adjutanten des Sultans die volle Ausrüstung und Verpflegung der prinzlichen Karawane übertragen hatten, war ein christlicher Syrier. Seiner Abstammung nach dem Lande der Philister zugehörig, nannte er sich auf seiner Visitenkarte trotz alledem ›Alexander Howard‹ oder ›Monsieur Alexandre, Entrepreneur et Directeur générale‹. Wie die meisten Leute seines Schlages sprach er alle möglichen Sprachen, war dabei stark und von eiserner Gesundheit. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein rötlich leuchtendes Vollmondgesicht mit den freundlich lächelnden Zügen. Er war der erste auf den Beinen und der letzte im Bett. Während des Marsches galoppierte er in unsinniger Hast neben den Pferdevermietern einher. In hohen Reiterstiefeln mit mächtigen Sporen, im Beduinenmantel und mit der syrischen dunklen Kopfbedeckung, Pistolen im Gürtel, die Nilpferdpeitsche oder den Kurbadsch in der Rechten, so flog er an uns vorüber, und sein Adlerblick erkannte im Nu, wo seine Gegenwart nottat. Das Frühstückszelt ward um die Mittagszeit aufgeschlagen. Mr. Alexandre erschien dann in der Tracht eines türkischen Effendi, das heißt in schwarzem Stambulin mit rotem Fez, in weißer Binde und mit weißen Handschuhen. Er übersah mit wohlgefällig-prüfendem Blick die reich gedeckte Tafel, half jeder mangelhaften Bedienung sofort ab und schätzte sich glücklich, Seiner Königlichen Hoheit selber servieren zu dürfen. Und nun erst am Abend, wenn die Reisegesellschaft an der Mittagstafel versammelt war und Lampen und Kandelaber ihren Glanzschimmer durch das lange Zelt verbreiteten! Mr. Alexandre präsentierte sich dann als vollendeter Salonmensch in schwarzem Leibrock und weißer Binde, dazu weiße Weste und funkelnagelneue Glanzstiefel, alles wie fertig für den Ball. Alles in allem hat sich Mr. Alexandre um die Reise des Prinzen wohl verdient gemacht und seine Wahl von seiten der Adjutanten des Sultans war sicherlich keine schlechte. In seiner frühesten Jugend ein toller Kopf, hatte er damals, in Gemeinschaft mit einem französischen Abenteurer, Palmyra erobern und ein neues Königreich herstellen wollen.«

Die Weiterreise von Jaffa nach Jerusalem erfolgt zu Wagen, in Begleitung türkischer Leibgendarmerie. Unterwegs sieht sich der Prinz von einer Gruppe Reiter überholt, die sich ihm als württembergische Templer, ansässig in Palästina, vorstellen und um die Ehre bitten, ihm auch ihrerseits bis Jerusalem das Geleit geben zu dürfen. Der Prinz lehnt es aber dankend ab, unter Hinweis auf seine türkische Begleitung.

20. Februar. Der Prinz trifft vor Jerusalem ein.

 
V. Im Heiligen Lande

20. Februar. Der Prinz hält durch das Tor von Jaffa seinen Einzug in Jerusalem. Über seiner Uniform trägt er den Johannitermantel. Bald aber steigt er vom Pferde, um den Weg zur Grabkirche zu Fuß zu machen. Die Geistlichkeit empfängt ihn am Portal. »Das Gotteshaus war durch Hunderte von Gaslampen erleuchtet deren höchster Glanz sich auf die reichgeschmückte Stätte des Heiligen Grabes ergoß.« Rückkehr in das mittlerweile vor dem Tor von Damaskus aufgeschlagene Zeltenlager.

21. Februar. Der Prinz und seine Begleiter empfangen das heilige Abendmahl in der Kapelle des »Muristân«, dem alten Wohngebäude der »Ritter vom Spital« (Johanniter).

22. Februar. Aufbruch von Jerusalem. Um neun Uhr früh saß der Prinz im Sattel. Zu guter Stunde wird Bethlehem erreicht, dessen Häuser »steinernen Burgen und Kastellen« gleichen. Besuch der »Marienkirche«; darauf, unter Führung des griechischen Bischofs Antimos, Besuch der Felsgrotte, der Geburtskapelle und der Krippe des Heilands. Nachtquartier draußen im Lager.

23. Februar. Aufbruch. Frühstück am Toten Meer. Das Menu lag in Golddruck auf der Tafel des Prinzen und hatte die Aufschrift: »A la Mer Morte, le 23 Février 1883. Campement de S. A. R. le Prince Frédéric-Charles de Prusse«. Vom Toten Meer nach Jericho. Auf den Trümmern des alten Jericho wird das Lager aufgeschlagen.

24. Februar. Fortsetzung der Reise bis zum Dorf Abd-el-Kader. Lager.

25. Februar. Aufbruch zu früher Stunde. Erste Rast am »Jakobsbrunnen«. Dann bis zur Stadt Nabulus, dem alten Sichem der Bibel. »Nabulus ist bekannt durch seine Seifenfabrikation; trotz dieser herrscht in dem altbiblischen Ort ein unglaublicher Schmutz.«

26. Februar. Weitermarsch gen Norden. Samaria wird passiert. Lager bei Djenin. Vom Regen aufgeweichter Boden; eine entsetzliche Schmutzlache. Nur der Prinz bleibt heiter und guter Dinge.

27. Februar. Mittagsrast in Sulem. Passierung der großen Ebene von Esdrelon. Dann bergauf. Als der Zug wieder niederstieg, wurde Nazareth sichtbar. Bald danach ging ein Wolkenbruch nieder. »Gott sei Dank, das Pilgerhaus des lateinischen Klosters, die sogenannte Casa nuova foresteria, ist in Sicht, und die Torhalle empfängt die triefenden Reisenden. Dienstfertige Klosterbrüder in brauner Mönchskutte tummeln sich in geschäftiger Hast, um den Prinzen und seine Begleiter in die kleinen, aber wohnlichen und sauberen Gemächer zu führen. Ein orientalisches Mangal, ein mächtiges blankes Kupferbecken voll glimmender Holzkohlen, verbreitet eine wohltuende Wärme im Zimmer des Prinzen, der seine Getreuen zu sich beruft, um die verklammten Glieder zu durchwärmen. Schwieriger war es, die durchweichten Kleider und Mäntel wieder auszutrocknen, aber der freundliche Grobschmied in der Nähe der Casa belud sich mit dieser Sorge, und die Esse sprühte Feuer und Funken, um die eingesogene Feuchtigkeit aus den dampfenden Stoffen und Kleidern herauszutreiben. Das böse Wetter setzte sein Wüten fort, aber die Nacht in Nazareth, im warmen trockenen Himmelbett, wird unvergeßlich bleiben.«

28. Februar. Wieder Regen. Der Prinz bleibt als Gast im Kloster und faßt den Entschluß, über Beirut und Damaskus nach Palmyra zu gehen.

 
VI. In Phönizien und Syrien

1. März. Aufbruch von Nazareth. »Auf der Höhe zeigte sich ein liebliches Bild. Am ›Marienbrunnen‹ standen Frauen und Mädchen, um ihre roten Tonkrüge mit dem klaren Wasser der einzigen Quelle des Ortes zu füllen. Die Legende, daß einst hier Jesus und seine Mutter gesessen, ist deshalb mehr als wahrscheinlich.« Im Konvent der Soeurs religieuses wird Abschied vom Gelobten Lande genommen. Phönizien beginnt. Nachtquartier im Gouvernementshaus zu Akka. Mücken- und Muskitoplage.

2. März. Aufbruch. Nach neunstündigem Ritt an der phönizischen Küste hin wurde Tyrus erreicht. Hier erfuhr man, daß der infolge der Schneeschmelze ungewöhnlich hohe Wasserstand des Flusses Litâni (früher Leontes) die Weiterreise unmöglich machen werde. Zugleich indes hieß es: »Der Postbote sei durchgekommen.« Der Prinz lachte: »Ist ein Postbote durchgekommen, werden wir's auch.« So wurde die Weiterreise beschlossen.

3. März. Aufbruch von Tyrus nach Sidon. Die Schwierigkeiten, die der Litâni bot, waren in der Tat groß. Der Prinz, einen überschäumten schmalen Steinweg benutzend, kam hinüber; sein Kammerdiener Goerz aber wurde von der Flut weggerissen und nur wie durch ein Wunder gerettet. Das gleiche Schicksal hatten mehrere Personen aus dem Gefolge. Den 3., abends, traf man in Sidon (Saïda) ein.

4. März. Von Sidon nach Beirut. Ankunft am Spätnachmittag. Man sah sofort, daß Beirut (nah an 100 000 Einwohner) nicht nur Sidon und Tyrus überflügelt, sondern sich überhaupt zum ersten Handelsort dieser Gegenden erhoben hat. Beirut ist in ähnlicher Weise französisch, wie Kairo und ganz Unterägypten englisch ist. Die Franzosen sind gewillt, sich hier, an der syrisch-phönizischen Küste, für den Verlust von Ägypten schadlos zu halten.

5. März. Ruhetag in Beirut, im Hôtel d'Orient. Der Prinz tritt in Beziehungen zu dem türkischen Gouverneur: Rustem Pascha. »Nur einzelne Zedern«, sagte Rustem Pascha, »stehen auf dem Libanon. Ich habe eine jede mit einer Mauer umgeben lassen, da die Reisenden sich nicht scheuten, ihr Lagerfeuer am Fuß ihrer Stämme anzuzünden, und mehrere infolgedessen abstarben. Meine Versuche, die jungen Sprossen hierher nach dem großen Garten von Beirut zu verpflanzen, scheiterten mehrere Male. Erst die Beobachtung, daß sie genau nach derselben Himmelsrichtung, der sie früher zugekehrt waren, stehen müssen, führte zu einem günstigen Resultate. Sie kommen jetzt fort, daß es eine Freude ist. Ja, man muß eben die schwachen Seiten der Bäume wie der Menschen kennen, um seine Hoffnungen auf ihre gute Zukunft nicht fallenzulassen.« Dann sprach Rustem Pascha über die Drusen und Maroniten und schloß: »Für die öffentliche Sicherheit habe ich in den langen Jahren meiner Verwaltung das Menschenmögliche geleistet. Maroniten und Drusen leben gegenwärtig in Frieden und Ruhe nebeneinander, und eine Frau oder ein Kind kann des Nachts sicherer durch den Libanon gehen als durch die Straßen von Paris! Wenn man gegenwärtig von Unruhen in meinem Distrikte spricht, so ist das Verleumdung. In summa, ich habe meine Schuldigkeit getan, ich gehöre nicht zur Klasse jener Orientalen, denen alles gleichgiltig ist.«

6. März. Desgleichen Ruhetag in Beirut. Oberst von Natzmer, seit Wochen von einem heftigen Anfall von Ischias geplagt, trennt sich vom Prinzen und der Reisegesellschaft desselben und kehrt auf dem von Konstantinopel eintreffenden Lloyddampfer nach Triest und Deutschland zurück.

7. März. Aufbruch 5½ Uhr früh von Beirut nach Damaskus, fünfzehn deutsche Meilen. Man benutzt die französische Diligence, die die Libanonausläufer zu passieren hat, und trifft beim Dunkelwerden in Damaskus ein.

8. März. Besuch des Prinzen bei Abd-el-Kader. Abd-el-Kaders Augen leuchteten, als ihm der Prinz entgegenging und seine beiden Hände, wie die eines alten Freundes, ergriff. Abd-el-Kader machte den Eindruck eines vollständigen Greises und wirkte wie ein betagtes Mitglied der gelehrten Klasse der Ulemas. Das kleine, faltige, rötliche Gesicht, von einem kurzgeschnittenen weißen Bart umrahmt, zeigte einen feingeformten Mund mit vollzähliger Zahnreihe und eine aquiline Nase. Die bläulich-grauen Augen leuchteten mit einem schillernden Matt, hafteten aber mit eigentümlicher Schärfe an den Blicken des mit ihm Redenden. Sein Gang war der eines ermüdeten Greises, langsam nur schlich er umher, und seine Hände waren beständig in einer leise zitternden Bewegung. Die Unterhaltung des Emirs begann mit höflichen Begrüßungen, voll jener feinen Wendungen, wie sie dem gebildeten Orientalen eigen sind. Der Prinz seinerseits bemerkte, daß er vor langen Jahren, bei einer Reise durch Frankreich, das Schloß von Amboise besucht habe, um die Gemächer zu sehen, in welchen der Emir einst seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Abd-el-Kader lächelte verlegen, als sei ihm die Erinnerung daran eine schmerzliche. Statt aller Antwort darauf ergriff er die Hand des Prinzen und legte sie wie die eines lieben Freundes in die seinige. Trotz seines hohen Alters bewies der Emir ein ausgezeichnetes Gedächtnis und erinnerte sich zum Beispiel mit allen nur möglichen Einzelheiten der erlauchten Person des Kronprinzen, mit dem er bei Gelegenheit der Eröffnung des Suezkanals in Ägypten reden zu dürfen die Ehre gehabt habe. Jedes Gespräch, welches auf die Ereignisse des letzten großen Krieges Frankreichs gegen Deutschland ein Streiflicht hätte werfen können, vermied er mit peinlicher Ängstlichkeit. Anderthalb Stunden später machte der Emir dem Prinzen seinen Gegenbesuch, bewegte sich hierbei freier, und die bis dahin gezeigte Schüchternheit war gewichen; er sprach von seinen Studien und namentlich auch davon, wie schwer es ihm werde, den Unterhalt für seine ihm in die Verbannung gefolgten Freunde (5000) aufzubringen. Der Abschied war der denkbar herzlichste. Der Prinz küßte den Emir zweimal und wünschte ihm ein langes und glückliches Alter. »Vielleicht ein Wiedersehen in Deutschland.« Abd-el-Kader dankte gerührt. »Mein nächstes Reiseziel wird ein anderes sein, denn ich fühle, daß meine Tage gezählt sind. Möge der Segen Gottes allezeit auf Eurer Königlichen Hoheit ruhen.«

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