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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 50
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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19. April

Mein lieber Sohn. Für mich, als Deinem Dich liebenden und seinem Ende sehr nah sich fühlenden Vater, ist es ein Hartes, Dir in einer Sache Rat zu geben, die mich niederdrückt. Ich wünsche nicht, daß Du als Gemeiner in eine ohnehin trübselige Laufbahn eintreten möchtest. Wär es möglich, daß Du als Freiwilliger auf Deine Kosten dienen und in der Adjutantur ankommen könntest, so wäre mir das das liebste. Ich weiß, daß Enthusiasmus Dich treibt, aber sieh Dich vor, daß er Dich nicht zu Schritten verleitet, die Dir später unangenehm werden könnten. Glaube mir als einem alten, erfahrenen und vorurteilsfreien Manne, der Militärstand ist eine splendide Misère. Wenn man eine Zeitlang darin gearbeitet hat, so fühlt man erst das Angenehme der Independenz, und wie nützlich sich der macht, der als ein Privater seine Güter selbst bewirtschaftet. Er dient dem allgemeinen Besten und braucht mit seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Er ist ein freier Mann, der auch frei sprechen darf. Fessele Dich also nicht für immer.

 

Den 22. April

Ich kenne nun Deinen Entschluß, bei Major von Colombs Husaren eintreten zu wollen, und kann ihn nicht tadeln. Der Major hat den Ruf eines tätigen und gescheiten Mannes. Wenn Du mit ihm sprichst, so sag ihm Deine verfehlte vorjährige Dienstnehmung. Vielleicht kann er Dich zum Junker ernennen. Daß Du die Garden vermeiden willst, kann ich nur billigen; diese haben den alten unschicklichen Ton angenommenJetzt sehr anders geworden. Die Garden sind im ganzen genommen noch um einen Grad affabler und umgänglicher als die Linie. Kann auch kaum anders sein. Es zeigt sich dabei der Einfluß der großen Stadt, die jedem seine Stelle gibt und auch dem Selbstbewußtesten Bescheidenheit predigt., der sie dem Bürgerstande anstößig machen muß.

 

25. April

Über unser Aufrufsedikt, wenn ich darüber sprechen wollte, wäre kein Ende. Was soll die Menge Kinder, die zusammenläuft, teils um der Schule, teils um der elterlichen Vormundschaft zu entweichen. Wir hatten ja Landwehren genug, die nur allenfalls der Komplettierung bedurften. Ich bin ein Feind alles Enthusiasmus, weil er sich auf Kosten der gesunden Vernunft eindrängt. »Kalt überlegt und warm ausgeführt«, das ist mein Denkspruch.

 

8. Mai

Du mußt mich nun verlassen, mein lieber Sohn, in einem Zeitpunkt, in dem ich aus dieser Zeitlichkeit scheiden werde. Gott segne Dich und stehe Dir bei in Gefahren und führe Dich gesund und tugendhaft in Deine väterliche Wohnung zurück. Mich wirst Du nicht wiederfinden. Ist es aber meinem Geist erlaubt, Dich zu umschweben, so wird er stets mit Dir sein. Auf Dir ruht das Glück und der Wohlstand Deiner Schwester; Du kannst als ein unabhängiger Mann leben und als solcher viel Gutes fördern. Darum, lieber Sohn, verlasse Deine Güter nicht, gib sie nicht aus der Hand um bloßer Ehrenvorzüge willen, sondern bleibe selbständig. Dein Schwager ist Dein Vormund bis zu Deiner Großjährigkeit. Nochmals lebe wohl und glücklich, und denk an Deinen dahinwelkenden Vater als an einen verlorenen, schlichten, aber treuen Freund.

 

Es war des Alten aufrichtiger Glaube, daß er vor Rückkehr des Sohnes abscheiden werde. Der rasche Gang des Krieges aber übertraf alle Hoffnungen, und im Herbste war ihm noch ein Wiedersehen gegönnt, die letzte große Freude seines Lebens, denn seine Tage waren allerdings gezählt. Immer deutlicher stellte sich ein wassersüchtiger Zustand heraus, und der alte Heim wurde konsultiert, ohne daß seine Mittel eine Linderung herbeigeführt hätten. Im Gegenteil.

Unter diesen immer wachsenden Beschwerden und Beängstigungen war es, daß ihm, zum Ordensfeste 1816, das Eiserne Kreuz verliehen wurde.

Die Nachricht davon konnte nur noch ein Lächeln in ihm wecken und nebenher eine Verlegenheit darüber, wie der Dank dafür wohl abzustatten sei. Den Eitelkeiten der Welt hatte sein Herze früh entsagt, und das wenige, was ihm davon geblieben sein mochte, war angesichts des Todes hingeschwunden. In allem übrigen aber blieb er unverändert, und seine Briefe zeigen ihn bis zuletzt in allen Vorzügen seines Geistes und Gemütes, vor allem auch als einen feinen und liebenswürdigen Spötter. Und der Schluß dieser seiner Korrespondenz ist es, dem ich die nachstehenden, über die mannigfachsten Gebiete sich verbreitenden Äußerungen entnehme.

 

Liebenberg, im Januar 1816

... General Yorck muß zur Unzufriedenheit sehr geneigt sein, wenn er den Abschied darum nehmen will, daß nicht genug für ihn geschehen ist. Meiner Meinung nach kann er zufrieden sein. – Aus Kölner Briefen ersehe ich, daß Fürst Blücher gute Stunden, aber auch wieder »Abwesenheiten« hat. – Und nun wünsch ich vor allem Herrn Geheimrat Heim zu befriedigen, dem man, wie ich wohl weiß, mit einer mäßigen Retribution nicht kommen darf. Ich habe Geld bei Schicklers und werde die Firma benachrichtigen, 500 Taler an Dich verabfolgen zu lassen. Sobald Du sie hast, stelle sie dem Geheimrat Heim namens meiner zu.

 

Den voraufgehenden Briefen zufolge waren ihm durch Heim – sein eigentlicher Arzt war Formey, früher Stosch – ein paarmal Pillen verordnet worden, die seine Beschwerden eher gesteigert als gemindert hatten. Aber gesteigert oder gemindert, unter allen Umständen ein imposantes Honorar. Und das alles in »armen Zeiten«.

 

Liebenberg, den 14. Januar

Ich habe Niebuhr und Chateaubriand aufmerksam gelesen. Niebuhrs Stil hat mich einigermaßen verwundert; um kräftig zu sein, ist er hin und wieder dunkel und gezerrt. Chateaubriand aber hat sein Thema sehr artig ausgeführt, nur der Franzose leuchtet überall durch, Tiraden und Phrasen stürzen übereinander her, und »l'honneur des Français« (das A und das O dieser Nation) muß auch hier wieder als Aushängeschild dienen. Und diese sogenannte »honneur« besteht doch in weiter nichts als in dem törichten Versuch, ihr Besiegtsein nicht eingestehen zu wollen.

 

Liebenberg, den 10. Februar

Ich bitte Dich, grüße Danckelmann, und frag ihn, ob auf das Eiserne Kreuz, das ich empfangen, ein Danksagungsschreiben erfolgen müsse. Wenn dem so sein sollte, so bitt ihn, daß er das Nötige gleich aufsetze. Laß es dann abschreiben und unterschreib es und send es, wo es hin muß. Vermutlich an das Ordensdepartement. (Er nimmt es offenbar nicht sehr feierlich damit.)... Ich lasse jetzt die Pillen und trinke Wacholdertee... Niesigs Hochzeit ist vorüber, und soll die junge Frau so tölplich wie möglich gewesen sein... Gestern hat sich ein alter Fuchs in der Marderfalle gefangen und sie bis an seinen Bau fortgeschleppt. Da hat ihn Rackwitz (der Förster) in Empfang genommen.

 

Liebenberg, den 12. Februar

Ich muß doch den »Rheinischen Merkur« tadeln über die Schärfe, mit der er vorgeht. Hier heißt es mit Recht »est modus in rebus«. Wird dem Redakteur etwas Derartiges zugeschickt, so muß er es entweder unterdrücken oder es moderieren. Das ist aber der Journalisten Sache nicht, weit ihre Schriften mehr Abgang haben, wenn sie bitteren Spott auskramen. Besser aber wird die Welt dadurch nicht, denn die Serenissimi lesen es nicht. Es ist nur ein Weg, um die Wahrheit bis an den Thron zu bringen: solche Vorstellungen wie die der Württemberger Stände. Hierzu gehört aber Einigkeit und allgemeiner Sinn. Und wo soll man die suchen. Nachschrift. Vorgestern kam Ritter Claer hier an. (Ein Liebenberger Tagelöhnersohn, der sich, achtzehn Jahre alt und vom alten Hertefeld als Landwehrulan ausgerüstet, bei Hagelsberg, durch Sprengung eines feindlichen Carrées, das Eiserne Kreuz erworben hatte.) Er war sehr mißvergnügt und mit Recht. Sein Landwehr-Kavallerie-Regiment ist aufgelöst worden, und man hat ihnen die neuen Uniformen abgenommen bis auf die Hosen, ohne welche man sie füglich nicht nach Hause schicken konnte. Der König weiß gewiß nichts davon. Es kommen auch bei der Entlassung wieder allerhand Willkürlichkeiten vor, was schon daraus hervorgeht, daß unserer Infanterie-Landwehr ihre Röcke belassen wurden, obschon sie meist neu waren.

 

Liebenberg, den 14. Februar

Da mich nichts mehr verwundert, so befremdet mich auch nicht die Anstellung des gemeinen Spions O... Wer weiß, ob nicht ein Bureau errichtet wird mit diesem Menschen als Präsidenten. Aber diese Klasse, die jeder Ehre bar und bloß ist, läßt sich zu allem brauchen. Folglich ist sie nützlich.

 

Liebenberg, den 16. Februar 1816

Über den Aufenthalt Luisens (Enkelin des alten Freiherrn) im Hause J... will ich nur bemerken, daß man in diesem Hause sehr neugierig ist und allerlei sonderbare Leute zu sehen bekommt. Ich bitte, grüße tutti quanti. Rackwitz' älteste Tochter ist nun förmlich mit dem Falkenthaler Prediger verlobt. Beide tun eine dicke Sottise.

 

Das ist der Schlußbrief, und es ist hübsch, daß die letzte Zeile, die wir von dem Liebenberger Einsiedler haben, ihn noch einmal in seiner ganzen Eigenart widerspiegelt.

Am 3. April starb er und wurde wenige Tage später in der Liebenberger Gruft beigesetzt.

 

Es erübrigt nur noch der Versuch einer Charakteristik.

In Familienaufzeichnungen findet sich über Friedrich Leopold das Folgende: »Er war von großer Herzensgüte und stets darauf bedacht, den Seinigen eine Freude zu machen. An allem nahm er Interesse. Seine Enkeltochter (Luise Danckelmann) mußte ihm stets, bis in die Details, von ihrem Umgang und ihren Beschäftigungen erzählen, bei welcher Gelegenheit er mit jugendlichem Verständnis auf all und jedes einging. Besondere Freude gewährte es ihm, Geschenke zu machen und damit zu überraschen. So schickte er einst seiner Tochter vier schöne Wagenpferde nach Liegnitz, wohin – während der Besetzung Glogaus durch die Franzosen – sein Schwiegersohn als Chef des Landesgerichts mit der ganzen Behörde übersiedelt war. Ähnliche Züge finden sich viele in seinem Leben. Er war einfach und natürlich. Sein scharfer Verstand, seine großen Kenntnisse, sein Interesse für die Wissenschaften machten ihn, im Verein mit den edlen Eigenschaften seines Herzens und der Lebhaftigkeit seiner Ausdrucksweise, zu einem selten liebenswürdigen Menschen.«

Einige Züge mögen dies Bild, das ich vorfinde, vervollständigen.

In der nüchternen Beurteilung einerseits des Geschehenden, andererseits derer, die die Dinge geschehen ließen, erinnert er außerordentlich an Marwitz, und ein Vergleich mit diesem erleichtert die Schilderung und Hervorkehrung dessen, was das Wesen unseres alten Freiherrn ausmachte. Marwitz war in Standesvorurteilen befangener, auch leidenschaftlicher und aufbrausender, aber zugleich die weniger egoistische Natur. Er hatte durchaus den Sinn für das Ganze, den weiteren Blick, und wenn es Prinzipien galt oder ein Eintreten für Staat und Stand, so bracht er jedes Opfer an Gut, Gesundheit, Leben. Unseres Liebenberger Einsiedlers Vorzüge lagen nach anderer Seite hin und zeigten sich vor allem in großer gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit, in der er auch aushielt, als er kaum noch innerhalb der Gesellschaft stand. Er war rücksichts- und formvoller als Marwitz, behaglicher und jovialer. Aber diese Tugenden erwuchsen doch zu nicht geringem Teil aus einem selbstsüchtigen Hange nach Ruhe, Geborgensein und umfriedetem Glück. Er war nicht bloß unsensationell, er war auch, seinem eigenen Zeugnisse nach, unenthusiastisch und sah, ähnlich wie König Friedrich Wilhelm III., in allem, was ihn umlärmte, nur eine Mischung von Unordnung und Ungehörigkeit, an der teilzunehmen etwas wenig Schönes und im ganzen genommen auch nicht sonderlich Ehrenvolles war. Es führte meistens in schlechte Gesellschaft und – Kinder spielten Weltgeschichte. Wie weit er es in dem allem traf oder nicht traf, mag hier um so lieber unerörtert bleiben, als ich mich über diese Frage schon an anderer Stelle geäußert und namentlich auf das Mißliche seiner und der Marwitzischen Adelsopposition gegen die »Neuerer« hingewiesen habe. Was aber freilich in dieser Opposition überall erquickt, ist die konsequente Verspottung der Phrase, ganz besonders der Freiheitsphrase, zu deren abweisender Kritik er speziell um so berechtigter war, als er für die wirkliche Freiheit und »für das Recht, das mit uns geboren ist«, ein volles und freudiges Verständnis hatte. Und dies erscheint mir als seine schönste Seite, zugleich als die, der wir unschwer entnehmen können, daß er nicht in den vorwiegend militärisch-gedrillten Ostprovinzen unserer Monarchie, sondern im Westen, an der holländischen Grenze geboren und erzogen war. In der Tat, all seiner Loyalität unbeschadet, ist doch ein wohltuend republikanischer Zug in seinem ganzen Tun und Denken erkennbar, und jedesmal empört er sich, wenn er wahrnimmt, wie wieder einmal hier oder dort, aus bloßer Machthaberlaune, mit dem Menschenleben erbarmungslos gespielt worden ist. Am ablehnendsten verhielt er sich gegen das politische Gebaren der Rheinbundfürsten, denen er nicht bloß ihre frühere Schweifwedelei, sondern vielmehr noch ihre Haltung, ihren eigenen Untertanen gegenüber, zum Vorwurf machte. Jedem Absolutismus abhold, interessierten ihn aufs lebhafteste die Verfassungskämpfe jener Zeit, und es war wenige Wochen vor seinem Tode, daß er schrieb: »Ich erkenne mehr und mehr, daß die Politik die Wissenschaft des Betruges ist. Und so wird es bleiben, bis vernünftige Landesverfassungen dasein werden, die Kraft haben, die Großen zu binden.«

Solche Worte werden uns mit einer gewissen Enge, wie sie seinem zu stark ausgeprägten Familiensinn entstammte, leicht wieder aussöhnen, und um so leichter, je mehr wir im Gedächtnis behalten, daß er sich, wider Wunsch und Willen, in Zeitläufte gestellt sah, die seiner Natur widersprachen und der Betätigung seiner auf Beschaulichkeit und stilles Glück gerichteten Gaben ungünstig waren.

Er hatte nicht den großen Sinn für den Staat, aber er war ein nachgeborner Patriarch und ein Ideal innerhalb des Hauses und seiner Umfriedung.

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