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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Aufbruch nach Kythera

Beim Verlassen der Untergrundbahn sah Regine, die niemals in dieses entlegene Viertel gekommen war, unentschlossen um sich.

Frédéric hatte ihr gesagt:

». .. Eine kleine Anlage, inmitten des Platzes. Stelldichein am Fuß des Denkmals. Du wirst kommen, Liebste?«

Ein vielfach gestuftes Grün hob sich von dem unbestimmten Aprilhimmel ab und wirkte durch das Fehlen der Sonne und das matte Grau der Wolken opalfarben und unbeseelt. Jähe, scharfe Windstöße wechselten ab mit unerträglichen Hitzewellen. Es roch nach Metzgerladen und Veilchen.

»Dreckige Jahreszeit«, dachte Regine. Sie erschauerte und eilte auf die kleine Bauminsel zu: »Das ist also offenbar die Anlage.«

Sie öffnete eine niedere Gittertür. Der kleine Park war voll von Kinderwagen und Kleinbürgerinnen, die auf den Bänken schwatzten.

Regine empfand diese Schaustellung des Familienglücks seit jeher bedrückend.

Sie war als erste da und machte einige langsame Schritte um den Steinsockel; als sie bei der dritten Runde war, sah sie Frédéric kommen:

»Ah, da ist er ja.«

Sie fühlte ihr Herz plötzlich heißer werden, beschwert von einer Angst, die nicht ohne Süße war. Und sie ging freudig auf ihren Freund zu, mit einem schönen Lächeln, in dem frohes Vertrauen blühte.

»Grüß Gott, mein Freund! ...«

Er murmelte:

»Vorsicht, Liebste! Wir müssen tun, als träfen wir uns zufällig.«

Sie fuhr zusammen, jäh durchkältet, des schönen Schwungs beraubt, und begann schweigend neben Fred herzugehen.

»Bist du wohlauf?« fragte er sanft.

»Mein Gott, ja ...«

So gezwungen, ohne Hingabe, ohne Anmut fast – war er es, der sich so zum Alltag bekannte?

Und dennoch hatte er sie heute hierherkommen lassen. Der Gedanke stammte von ihm, sie wußte gut, wie der Nachmittag enden würde. Sie hatte angenommen – und alles, was er ihr zu sagen wußte, war: »Bist du wohlauf?«

Freds Blicke suchten einen Winkel, der nicht von Ammen belagert wäre. Er fand ihn neben einer Gruppe von Lorbeerbüschen.

»Hier laufen wir nicht Gefahr, erkannt zu werden.«

Sie setzten sich. Er nahm ihre Hand, die sie ihm überließ, mit dem nervösen Wunsch, aufzustehen, wegzugehen.

All ihre Freude war verflogen. Diese nüchterne Begegnung in dem nüchternen Stadtpark hatte ihr genügt.

»Vorbei, vorbei!« wiederholte sie sich, wütend enttäuscht.

Frédéric beugte sich vor und wollte ihre Lippen küssen. Sie überließ ihm einen kalten, teilnahmslosen Mund und entzog sich ihm rasch.

»Man könnte uns sehen«, meinte sie spöttisch.

Sie schwiegen. Frédéric fühlte, daß sie gereizt war, einem Ausbruch nahe, und die Angst lähmte ihn, hinderte ihn, das rechte Wort zu finden und auszusprechen. So streichelte er stumm der jungen Frau, die enttäuscht und verstimmt dasaß, die Hand. Plötzlich:

»Komm, Liebste.«

»Wohin willst du gehen?«

»Komm!«

Seine Augen baten und bettelten. Er stand auf, zog Regine an sich und zwang sich zu einem Lächeln.

Sie verließen den Park, und sie war sich bewußt, daß er sie in ein Hotel führte. Er zeigte keine Hast, nur gespannte Vorsicht, mühte sich aber dabei, den zerstreuten Spaziergänger zu spielen. Es kam vor allem darauf an, daß man, wenn man sie sah, keinesfalls vermuten könnte ...

Im tiefsten Herzen Regines regte sich, fast schmerzhaft, eine Schroffheit, die Abwehr, Empörung schien.

Sie rief sich Frédéric vor Augen, wie er bei sich zu Hause war, in seinem Atelier, zwischen seinen Bildern und Büchern, in dem bequemen Hausanzug, dessen nachlässige Eleganz den romantischen Stil des Trägers so glücklich unterstrich. War er ihr damals nicht wie ein Märchenprinz erschienen? Er hatte den geringschätzigen Stolz dazu und die fast übernatürliche Verführungskraft.

Und nun war er es, der, mit den Händen in den Taschen, sie in ein Stundenhotel führte, peinlich darauf bedacht, sich nichts merken zu lassen ... ?

Im Augenblick der Ankunft warf er einen raschen Blick in die Runde und schob sie dann leise, aber nachdrücklich vor sich her:

»Schnell, Liebste ...«

In ihr bäumte sich etwas, sie hatte das Gefühl, als müßte sie sich mit dem ganzen Leib zurückwerfen; doch schon war Fred hinter ihr eingetreten. Ein Kellner kam ihnen entgegen, und sie mußten seine zudringlichen Fragen über sich ergehen lassen. Die beiden Männer flüsterten. Regine, der es in den Ohren sauste, verstand noch:

»Ein Zimmer nach der Straße, im ersten Stock? Nein, mein Herr, es ist nur noch eines im dritten Stock frei, zu zwanzig Franken.«

Regine stieg hinter dem Kellner die Treppe hinan, mit schweren Gliedern, eine Hand auf das Geländer gekrampft, die Augen niedergeschlagen und das Herz zum Bersten voll von dem Gefühl einer ungeahnten Schmach. Sollte denn dieser groteske Aufstieg nie ein Ende haben?

Endlich hielt der Kellner auf einem Treppenflur an. Die Flügel seiner weißen Schürze flatterten vor Regines Blicken. Sie bemerkte auch noch die rot und schwarz gestreifte Weste. Dann öffnete eine Hand mit einem Universalschlüssel eine Türe, und Regine sah ein Bett. Dieses Bett sprang, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Augen. Es erfüllte das ganze Zimmer. Es war breit, aufdringlich, schamlos. Regine sah nichts sonst. Kein rettender Zweifel blieb. Wenn man in ein solches Zimmer kam, dann konnte es nur dem Bett zuliebe sein.

Der Kellner durchquerte das Zimmer, zog die Vorhänge zu und drehte das Licht an.

»Wird er ›das Bett machen‹?« dachte Regine schaudernd.

An der Schwelle mahnte er stumm ein Trinkgeld ein. Frédéric, der seine Brieftasche schon eingesteckt hatte, mußte sie nochmals ziehen.

»Mein Gott, die Schande!« wiederholte sich Regine gepeinigt.

Ein Vorhang, der an einer Stange lief, schloß den Waschtisch ab und bildete ein kleines Abteil, ähnlich dem Schlafraum einer Aufseherin in einem Internat. Blumen kreischten auf einem Teppich wie aus einem bösen Traum. Doch Frédéric kam auf sie zu, nahm sie in die Arme, stammelte:

»Verzeih, Liebste, daß ich dir dies zumute. Es ist scheußlich ...« Und während sich Regine innerlich mit quälendem Spott die Junggesellenwohnungen aus den Romanen, im Erdgeschoß, vor Augen rief und andere Stätten verliebter Zusammenkünfte, fügte er ahnungslos hinzu:

»Wir haben kein Glück gehabt. Die andern Zimmer sind besser als dieses. Aber das Hotel ist sehr besucht. Das nächste Mal werden wir früher kommen.«

Das nächste Mal! Sollte es also ein nächstes Mal geben ?

Regine sah Frédéric Gesicht über sich gebeugt, ein unentschlossenes Gesicht, müde schon vor der Liebe und schwer von ungesprochenen Fragen.

Gewiß war sie heute keine tolle Geliebte. Sie war durchfroren von der Lieblosigkeit des Zusammentreffens, ohne Begehren, ohne Rausch, in diesem Allerweltbett ausgestreckt wie eine große, zerbrochene Puppe, gepeinigt von der Sucht nach Tränen.

Auf ihrem Körper fühlte sie die laue Liebkosung von Frédérics Händen. Einen Augenblick lang strengte sie sich an, sie zu genießen, eine Vorfreude darin zu finden, die sie ihm nicht zu geben hatte. Doch hatte sie eine unbezwingliche Gefühllosigkeit ganz und gar ergriffen, seit dem Eintritt in das Zimmer, seit der Begegnung in dem Park mit den Ammen. In ihrem Kopf machte ein Wort, ein Satz unaufhörlich die Runde, immer gleich, wie der einzige Soldat der Wachablösung, der bei den Provinzaufführungen von Carmen um den Prospekt herumtrabt.

»... Ein Geliebter – Liebesstunde – Geliebter – Liebe ...«

»Liebste ...«

Fred drückte sie sanft an sich, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, ihre Schulter, ihre Brust, über die Regine, mit einer irren Hartnäckigkeit, immer wieder die Decke heraufzog.

»Nein, nein, laß.«

Er enthüllte sie ganz, sehr zärtlich, und sie hörte ihn sagen:

»Ich bete dich an, du bist meine schöne, reine Statue.«

Da wartete sie, in einer scharfsichtigen Ungeduld, auf die Lust, die vielleicht diese schwere Kälte von ihr nehmen würde.


Frédéric lag neben ihr, gefällt von der Wollust, wie ein Baum, den ein zu starker Wind niedergeworfen hat. Hätte sie sich über diese ruhige Stirne gebeugt, deren Elfenbeinblässe eine Byronlocke wie ein schwarzer Fittich querte – Regine hätte darauf, wie in den halbgeschlossenen Augen, eine Trauer gelesen, eine erschöpfte Dankbarkeit; sie aber ruhte mit der Wange auf dem Kissen, nach der andern Seite zu, und hatte nur den einen Gedanken, daß also nichts an diesem Tage das böse Band lösen würde, das, seit vorhin, ihr Herz und ihre Sinne gefesselt hielt; und sie schämte sich, so nackt zu sein, auf diesem Bett, zur Seite eines unbekannten Wesens.

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