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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Die Patisserie

Wenn ihr Blatt sie nicht mit gar zu eiliger Berichterstattung betraut hatte, dann kam Laure nach dem Verlassen der Redaktion über die Quais herüber zum Frühstück in die Patisserie von Saint-Germain des Prés, wo sie sicher sein konnte, eine von uns zu treffen: Regine, die von ihrem Schlupfwinkel vom Odéon heruntergestiegen war; oder Reine, die sich das Ende ihrer Unterrichtsstunden in der Rue d'Assas so einrichtete, um da ihr Mittagsmahl einnehmen zu können; oder Maguy, die, ohne Rücksicht auf Wetter, Stunde oder Arbeit, von der Madeleine herbeieilte, außer wenn ihr Freund sie mit sich nahm.

Gilberte sahen wir nur in größeren Zwischenräumen; sie fand zu uns, wenn ihr Dienstmädchen abwesend war, wenn sie uns etwas zu sagen hatte, oder aus einer der Launen, die so angenehm ihren Tageslauf regelten.

Zu jener Zeit war Regine quietschvergnügt über ihre neugewonnene Freiheit. Gilberte, ihre Schulfreundin, hatte ihr einige Verlagsarbeiten verschafft: die Überarbeitung von Ausgaben für die Jugend oder von unbrauchbaren Übersetzungen. Auf diesen Arbeiten hatte Regine ihre Unabhängigkeit aufgebaut.

Wie war sie doch damals gesellig und unbefangen, voller Einfälle und von sprühender Laune! ... Und die Lippen Laures, die späterhin so schmerzlich die Gewohnheit zu lächeln verlieren sollten – wieviel Freude schenkten sie uns damals!

Ihre dunklen Augen, die weder blau noch schwarz waren, doch überraschend den Schimmer brünierten Silbers zeigten, diese Augen, meistens ernst, manchmal fast hart, konnten sich doch auch in zartem Leuchten verklären.

Laure kam, immer etwas spät, drückte Gilberte die Hand, küßte Reine, Maguy flüchtig auf die Stirne und kraute Regine, die schnurrte, im Nacken.

Man machte ihr Platz am Tisch, an dem Puppentisch, wo die Teller aneinanderstießen:

»Wir hofften gar nicht, daß du noch kommen würdest.«

»Ja, ich habe bis halb ein Uhr auf das Vergnügungsprogramm warten müssen; der Kongreß für Sozialhygiene ist mir zugefallen. Zum Glück ist es nicht weit: im Saal der Sociétés Savantes.«

Laure war mit ihren Krabben fertig.

Francia, das Hausmädchen, eine fette Italienerin, zur Zuneigung wie zur Empfindlichkeit gleich schnell bereit, setzte einen Teller Kalbsbraten mit Nudeln vor sie hin. Laure wehrte heftig ab:

»Nein, Francia, nein! Nichts von Kalb – auch keine Nudeln – und vor allem nicht Kalb mit Nudeln! Francia, es gibt zu viele Kälber in Frankreich. Sie werden doch wohl eine Scheibe Schinken haben, statt dieses Kalbsbratens, der wie vorgekaut aussieht ...«

»Vor ... vorgekaut! ... oh!«

»Eine Scheibe Schinken? Und dazu ein paar Salzkartoffeln, wie, Francia?«

Die Italienerin zog sich mit Würde zurück:

»Ich werde nachsehen, ich bin nicht sicher.«

»Francia,« sagte Reine einen Augenblick später und zupfte das Mädchen an der Schürze, »Francia, zur Belohnung, weil ich den Kalbsbraten gegessen habe, den ich nicht mag, wirst du mir ein Rumtörtchen geben!«

Dabei hob sie ihr kleines, bewegliches Gesichtchen dem Mädchen entgegen.

»Sie wissen doch, wenn ich erwischt werde, dann verliere ich meinen Posten ...«

Dieser Teesalon, der sich zu den Stunden der Mahlzeiten in ein enges, aber liebenswürdiges Restaurant verwandelte, bewahrt zwischen seinen stuckverzierten Wänden viele lebendige Erinnerungen. Dort haben wir Georges Anselme kennengelernt. Ehemaliger Journalist und damals Leiter einer Monatsschrift in einem großen Verlag, war er zu Kriegsende mit einem literarischen Erstlingswerk hervorgetreten, einem vorzüglichen, tiefen Buch, das anonym erschienen war.

Ein Psychologe von unerbittlichem Scharfblick – kannibalisch nannten wir ihn gerne – ein Spötter, bissig und gutmütig zugleich, übersprudelnd von einer Art wütender Freude, die ihm ganz eigentümlich war, fühlte er sich wohl hauptsächlich als Beobachter zu uns hingezogen, nicht so sehr als Mann.

Wenn er so allein an seinem Tischchen saß, wobei der blauseidene Schirm des elektrischen Leuchters sein braunes Gesicht mit einer gewittrigen Blässe überzog; aufmerksam, mit wachen Augen, das ewig bewegte Gesicht zeitweilig von einem strahlenden Lächeln erhellt –: da hatte man den Eindruck, daß er tatsächlich zusah, wie wir vor ihm hinlebten. Und aus seinem Gesicht, das noch die flüchtigsten Erlebnisse in raschen Wellen widerspiegelte, lasen wir einen durchaus nicht schmeichelhaften Zweifel.

»Ihr wollt alleine leben? Wollt euch dem Herkommen, dem Brauch entziehen? Ihr kriecht noch zu Kreuze, und recht bald, will ich wetten!«

Beim Kommen und Gehen küßte er uns die Hand:

»Keine Verwendung für mich ? Was kann ich für Sie tun?«

Laure unterhielt sich mit ihm über Journalismus, Gilberte und Regine über den Verlagsbetrieb. Allen dreien sagte er:

»Ein Hundedasein. Es gibt nichts Schlimmeres...«

Ach ja! Das war uns nicht ganz unbewußt.

Aber wir mußten ja doch leben. Übrigens teilten wir damals seine düsteren Ansichten nicht. Und ebensowenig die verbissene Schwarzseherei Asrahs; das war ein Syrer, ohne Haus und Herd, Arzt ohne Praxis, ein Fatalist und Nörgler, verbittert durch die Verbannung und von Schlaflosigkeit verzehrt, dabei korrekt und von so finsterer Vornehmheit mit seinem Kopf einer neurasthenischen Kobra, daß Léonel, Künstler und Freund des Absonderlichen, ihn gerne ins Theater mitnahm:

»In der Loge kann man mit ihm Staat machen: die weiße Hemdbrust, die schiefe Schnauze ...«

Léonels heiterer Optimismus sagte uns zu; er erschien uns als das Sinnbild einer bis zu gewissem Grade bewußten und geschlossenen Bohème; mit einem ihrer Vertreter zu verkehren, hatte für uns den Reiz der Neuheit.

Er und seine Frau zusammen waren kein halbes Jahrhundert alt und boten ein gutes Beispiel für ›die junge Ehe dieser Tage‹, verbunden durch gegenseitige Zuneigung, die gleiche liebenswürdig einfache Lebensanschauung und eine vertrauensvolle Kameradschaft, das Netteste, was es auf der Welt gibt.

Für Maguy war dieses Glück Gegenstand des Staunens und ungläubiger Bewunderung. Die beiden Kinder hatten eine Wohnung gefunden und lebten in einer Mansarde – Raum ist in der kleinsten Hütte –, die sie mit vielem Geschick wie einen Nebensaal des Salon d'Automne ausgestaltet hatten. Und das Wunderbare dabei war, daß sie auf diesen vier Quadratmetern Wohnfläche fortfuhren, einander zu lieben.

Seitdem sie da wohnten, betrachtete Léonel die Einrichtungsgegenstände nur von dem Gesichtspunkt aus, ob und wie weit sie sich willkürlich zusammenklappen ließen.

»Du hast also einen Schrank,« (Léonel hatte die größte Mühe, das Du zu vermeiden), »du hast also einen Schrank, machst ihn auf, ziehst einen Diwan heraus. Du drehst den Diwan um, findest einen Tisch. Hebst den Tisch auf, da ist eine Badewanne drin. Verstanden?«

Eine rasche Skizze zeigte die Einzelheiten. Bei ihm versah ein Koffer, genannt ›Erneuerung‹, hinter einem Samtvorhang aufgestellt, den doppelten Dienst des Hänge- und Legekastens. Ging man auf Reisen, dann klappte man den Koffer zu, und fertig.

Léonels Redekünste machten uns viel Spaß. Lili, seine Frau, baten wir um die Modelle ihrer Hüte und Kleider. Sie folgte der Mode mit entzückendem Feingefühl für das rechte Maß und einem Geschmack, der keine Irrtümer oder Gewagtheiten kannte. An Sicherheit und Anmut eine Pariserin im besten Sinn.

Und wir, wir lebten mit Schwung und Vertrauen schöne Tage. Uns alle umschlossen die geheimen Bande einer Art von Brüderlichkeit. Wir waren mit verschiedenem Temperament und Ehrgeiz, mit verschiedenen Wünschen und Plänen, doch mit den gleichen Illusionen ins Leben getreten; nun hatten wir uns zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren zusammengefunden, die Blüte einer aufgeopferten Frauengeneration mit den gleichen Pflichten und Sorgen, der gleichen Unruhe und dem gleichen Hunger.


Abends gingen wir nicht ins Restaurant. Wir speisten in der Rue de Vaugirard, und aus verschiedenen Gründen hielten sich diese Mahlzeiten nicht an die klassische bürgerliche Regel; es gab zwei Scheibchen Wurst, ein Viertel Oliven und Mandarinen – diese letzteren in Mengen.

Uns selbst überlassen, wären wir sehr wohl imstande gewesen, diese lächerlichen Menüs ganz bohèmemäßig am Kamin zu verzehren.

Maguy entrüstete sich:

»Wie könnt ihr nur? Das wirkt armselig, ... das ist häßlich!«

Sie begriff natürlich, daß es lächerlich gewesen wäre, einen Tisch zu decken. Doch hatte sie nicht ihresgleichen in der Kunst, eine Platte herzurichten, die sie dann zwischen uns auf einen Stuhl setzte.

»Ist es nicht netter so?«

Ein kleiner gestickter Läufer, Silberlöffel und, auf einer Untertasse, ein Rundkäschen für jede und drei Bananen. »Das lohnt wohl die Mühe, für nichts und wieder nichts«, scherzte Laure. »Seht doch, ich bin schon fertig.«

Maguy schürzte vorwurfsvoll die Lippen und pickte mit den kleinen Gesten einer Japanerin eine Vogelmahlzeit von ihrem Ziertellerchen.

Glatt wie ein Blütenblatt, köstlich belebt vom Glanz der schwarzen Augen und der gleichmäßigen Zähne, glich ihr Gesicht einer Spalierfrucht: samtig, reif in der Farbe, niemals zu leuchtend, doch auch niemals stumpf.

Sophie sagte von ihr, mit gefalteten Händen:

»Wie herzig sie ist, unser kleines Fräulein! Man könnte doch, weiß Gott, glauben, sie ist aus Porzellan!«

So hätte sie von einer schönen Rose gesagt: »Man könnte meinen, sie ist aus Zelluloid.«

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