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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Acta est fabula

Eines Morgens ist Regine von Sorgen zernagt aufgewacht, mit einem Kopfschmerz wie einem bleiernen Helm, vom Nacken bis zu den Augenlidern.

Seit einiger Zeit boten ihr die Nächte nur kurze Ruhe, zerstückelt von schlaflosen Pausen und Fieberanfällen. Allmählich hat sich die Unmöglichkeit herausgestellt, die Augen auf eine Buchseite, auf ein Zeitungsblatt zu werfen, ohne daß die Buchstaben zu tanzen anfingen.

»Nervöse Depression« hat der Arzt festgestellt und Brom und Schlafmittel verschrieben.

»Haben Sie eine große Anstrengung mitgemacht? Etwas Unangenehmes vielleicht ?«

Der Arzt gefällt sich in euphemistischen Ausdrücken.

Das dumpfe Unwohlsein hat gut eine Woche angehalten. Eine endlose Woche, während derer Regine weder ausgehen konnte noch lesen, schreiben oder nähen. Nichts konnte sie tun als dem Februarregen zuhören, der auf den Balkon klatschte. Aus den Händen des Ritters vom Flederwisch lauwarme Mahlzeiten auf fettigen Tellern entgegennehmen, die in den Händen rutschen. Die Tränen über Laures zerquältes Gesicht rinnen sehen, ohne die Kraft, ihr nur ein wenig Hoffnung zuzusprechen, mit der es ja doch vorbei ist.

Eines Morgens endlich ist sie aufgestanden. Über ihr Nachthemd hat sie den blauen Frisiermantel angezogen, für den sie einst in Tagen des Glanzes vierhundert Franken bezahlt hat und den sie nun mitunter erstaunt betrachtet:

»Hat es denn in meinem Leben eine Zeit gegeben, wo ich vierhundert Franken für einen Frisiermantel ausgeben konnte? jetzt muß ich mit der gleichen Summe einen Monat lang mein Essen bestreiten.«

Heute unterstreicht das harte Blau der Seide die Spuren der Müdigkeit auf ihrem Gesicht. Aber ihr Teint, von dem grünlichen Weiß einer jungen Erbse, ihre schlaffen Züge, ihre matten Augen, ihre Haare noch, denen das Fieber den Glanz genommen hat und die nun anmutlos, wie vernachlässigt, auf ihre schmächtigen Schultern niederfallen – das alles betrachtet Regine mit stumpfer Mutlosigkeit. Zum erstenmal vielleicht wehrt sie sich nicht mehr, nimmt teilnahmslos die Entstellung ihrer Züge hin, die unsaubere Häßlichkeit der Umgebung, in der sich ihre Tage abspielen: die dickverstaubten Fenster, die Vorhänge mit den verblichenen Mohnblumen, die schief hängen, weil ein Ring abgerissen ist; den Waschtisch, auf dem sich die Zitronenschalen der vielen Limonaden angesammelt haben und dessen zerknüllter Vorhang die Eisenbeine des zugehörigen Geräts sehen läßt.

Was tun? Sie findet keine Wohnung. Könnte sie übrigens die schmutzigen Vorhänge abschaffen, das Waschbecken mit den blauen Chrysanthemen, den Nachttisch, der so treu alle Gerüche bewahrt? Sie setzt sich vor den engen Tisch, auf dessen baumwollenem Überwurf mit den verknoteten Fransen sich die Papiere häufen. Wird sie wohl in dieser Unordnung einen Bogen Briefpapier finden?

Ja. Sie nimmt die Füllfeder und schreibt auf einen Umschlag Madame Clères Adresse:

»Meine liebe große Freundin ...«

Was wird sie nun der ›lieben großen Freundin‹ sagen?

Ihr danken, daß sie neulich gekommen ist und ihr damit ein wenig Trost gebracht hat?

Es klopft.

»Der Ritter vom Flederwisch wohl, mit einer Botschaft«, denkt Regine.

Denn jede ihrer Freundinnen kündigte sich immer mit einem hinter der Tür gemurmelten ›ich bin es, Liebste,‹ an.

Ohne sich vom Sitz zu erheben, beugte sie sich hinüber, faßte den Türgriff und öffnete.

Eine Männergestalt zeichnete sich gegen das Halbdunkel des Flurs ab. Ein Gesicht voll Unruhe und Zweifel.

Deferny stand da, bleich vor Erregung, außer Atem von den fünf Stockwerken.

Regine sprang jäh auf und schrie beinahe:

»Nein, nein, ich kann Sie unmöglich empfangen.«

Etwas wie Wut zitterte in ihrer Stimme. Sie fühlte sich gepeinigt von einer unerträglichen Verwirrung.

»Ich kann nicht, ich kann nicht«, wiederholte sie ratlos. »Warum sind Sie gekommen?«

Im stillen gab sie dem Hotelportier üble Namen, weil er sich nie die Mühe nahm, sie zu verständigen; weil er ganz gleichgültig die Austräger der großen Geschäfte, den Telegraphenboten oder einen Besucher hinaufschickte ...

An den Wänden des Zimmers stieß sich ihr Blick an tausend grotesken oder kümmerlichen Einzelheiten: an dem Kamin, der, mangels eines Tisches, zum Frisiertisch umgebaut war. An dem Frottiertuch, das auf dem Heizkörper trocknete. An dem zerwühlten Bett, aus dem sie eben aufgestanden war, ohne sich die Mühe zu nehmen, es zuzudecken. An dem Teppich, an dem unlösbar Mandarinenkerne und Fadenendchen hafteten. An dem Spirituskocher ohne Griff auf dem Nachttisch.

»Der Samowar der Armen«, pflegte sie an guten Tagen zu scherzen.

Und sie selbst in ihrem abgetragenen Frisiermantel von so unbarmherzigem Blau – einem Blau für blühende Frauen – mit ihrer matten Haut, den erloschenen Augen und Haaren. Sie hätte vor Demütigung weinen mögen.

Deferny stammelte:

»Ich habe von Madame Clère erfahren ... Verzeihen Sie, ich wollte ...«

Was wollte er? Die junge Frau sah eine andere Regine vor sich, eine Regine in ›rosenholzfarbenem‹ Seidentrikot, die vor Vergnügen hüpfte in einem Garten der Provence unter dem samtigen Gold der Mimosen. Eine Regine in weißem Kleid vor dem Mittelländischen Meer zwischen den schwarzen Pinien. Und die hatte die volle Anmut der Gestalt von Puvis.

»Ich bin häßlich, ich werde ihn abschrecken. Auch recht.«

»Treten Sie ein«, sagte sie schroff. »Und entschuldigen Sie mich, ich bin nicht angezogen.«

Eine harte Mißstimmung legte sich über sie.

Eingezwängt in seinen Überzieher hielt Deferny sehr korrekt den Hut vor der Brust.

Regine nahm ihn ihm aus den Händen, das sollte der Übergang sein. Er benutzte die Gelegenheit, um aufzustehen und den Überzieher abzulegen.

»Geben Sie ihn mir.«

Sie warf ihn auf das Bett. Die Decken hingen zu Boden. Man sah die Ecke eines granatfarbenen Federbetts, das mit dem verschlissenen Etamin seiner Hülle an einen Leinsamenumschlag erinnerte.

Deferny setzte sich wieder. Er nahm bekümmert Regines Hände:

»Mein armes, armes Kind.«

»Nein, nein, beklagen Sie mich nicht ...«

Sie brach in Tränen aus.

»Sie bringen mich zur Verzweiflung.«

Er bedeckte die Hände der jungen Frau mit Küssen.

»Mein Kind, meine liebe kleine Zauberin.«

Sie schüttelte den Kopf. Ach ja, eine armselige Zauberin – was blieb von ihrer Macht?

Die Tränen rannen ihr übers Gesicht, und ebensosehr um vor diesen Männeraugen ihr tränennasses, verzerrtes Gesicht zu verbergen wie aus unendlicher Müdigkeit neigte sie ihre Stirn Deferny zu und streifte mit den Haaren die glattrasierte Wange, die nach Eau de Cologne ambrée duftete. Er zog sie sanft an sich. Sie empfand sehr scharf:

»Das tut gut. Eine Männerschulter. Es tut gut, seine Arme um mich. Es tut gut, wenn man so schwach und wehrlos ist, soviel Vertrauen zu ihm zu haben und ein so unbedingtes Gefühl von Sicherheit neben ihm.«

In dieser Schulter, diesen Armen verkörperte sich für Regine die ganze Kraft des männlichen Beistands.

»Liebste, weinen Sie ... wie sollten Sie auch nicht über sich selbst weinen.

Hören Sie mich, erinnern Sie sich noch, daß Sie mir in Beauvallon gesagt haben: ›Das Leben fängt immer morgen an. Das nennt man: Die Zukunft vor sich haben‹.

Diese Zukunft, die Sie doch ahnten – warum soll ich die nicht sein?«

Regine lehnt ihre Stirn fester an Defernys Schulter. Das war ihre einzige Zustimmung. Er verstand sie und drückte sie leise an sich voll unendlich zärtlicher Achtung.

»Er hat mich geliebt mit meinem zerstörten Teint, den müden Lidern. Er hat mich geliebt, so wie ich bin, ohne Pracht, ohne Anmut, ohne die glückliche Unbefangenheit der Frau, die sich begehrt weiß – in diesem schäbigen Frisiermantel, in diesem Zimmer!«

Eine Dankbarkeit voll tiefer Rührung erfüllt Regines Herz.

»Liebt mich nun dieser Mann nicht ›wirklich‹, da er doch diese Stunde gewählt hat, um mir seine Liebe darzubieten? Und ich, wie sollte ich ihn nicht lieben?« dachte sie. »Sooft mich seine Gegenwart bedrücken wird, sooft ich mich neben ihm nach einer anderen Stimme sehnen werde, nach anderen Liebkosungen, sooft sich der Wunsch regen wird nach dem, was ich nicht haben werde – und das wird geschehen, wahrhaftig, ich fühle es –, da werde ich immer an diesen Augenblick denken, wo er mir, die ich so häßlich und traurig war, seine Arme und sein Haus aufgetan hat.«

Während Deferny die Treppe hinabstieg, blieb Regine einen Augenblick lang regungslos und nachdenklich stehen, gegen die Tür gelehnt. Sie dachte daran, daß sie nun in Kürze diese Wohnung, ›ihre Höhle‹, wie sie sie nannte, aufgeben, und daß die so geliebte Freiheit, dieses Leben ohne Pflichten, ohne Bindungen, ohne Regeln – den Broterwerb ausgenommen – bald der Vergangenheit angehören sollte.

Sie dachte auch an die schönen Stunden. Warum leugnen wollen, daß es auch die gegeben hatte. Nun gerade empfand sie stärker die wenigen Lichtseiten: den vertrauten Kreis der Freundinnen, ihre sooft zertretenen Illusionen, das liebe Quartier Latin, das sie gegen eine minder vertraute Umgebung vertauschen sollte. Und in ihrem müden Kopf rollten regellos nacheinander die Bilder ab, die ein Schmuck ihrer Unabhängigkeit gewesen waren.

Laures Tränen. Die festlichen und lächerlichen Schüsseln, die Maguy anzurichten liebte. Reine beim Schälen von Mandarinen, Reine und ihr trauriges Gesichtchen, verschlossen wie ein Sarg. Gilbertes körperliche und moralische Widerstandskraft:

›Schert euch nicht umeinander!‹

Dann die Umgebung: das Luxembourg mit seiner herbstlichen Pracht. Die melancholischen, wilden Umrisse der schwarzen Ecktürmchen am Palast gegen den Stadthimmel. Die Seine, erinnerungsträchtig. Notre-Dame, ein Schiff aus grauen Steinen verankert zwischen den Bäumen, den Wassern und Wolken von Paris.

»Es war trotz allem doch schön, dieses egoistische Leben ohne Aufgaben, ohne Belastung. Diese Spaziergänge ohne Rücksicht auf die Stunde; dieses Fest aller Laune und jeder Phantasie. Du wirst es manchmal bedauern ...«

Über den Straßenlärm steigt das Surren eines Motors bis zu ihrem fünften Stock empor.

Sie trat auf ihren Balkon gerade zur rechten Zeit, um Defernys Automobil mit dem weichen und machtvollen Surren der erstklassigen Wagen losfahren zu sehen.

Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er um den Säulenvorbau des Odéon umbog. Und lange nachdem der Wagen verschwunden war, sah sie, gegen das Eisengeländer des Balkons gelehnt, ihn noch vor sich, wie er schwarz, lackglänzend, weich auf seinen stillen Rädern hinrollte.

Und ein wenig geblendet, ein wenig traurig, fragte sie sich:

»Die Zukunft besteht also zuweilen aus einem Vierzigpferder, einer Villa an der Côte d'Azur und einem Mann, der einen wahrhaft liebt?«

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