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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Der Teufel wird am Schwanz gepackt

Der Winter droht hart zu werden. Alles wird teurer: das Restaurant, der Friseur, die Fahrten. Für alle, die in ihren Mitteln beschränkt sind, wird das Leben ein Problem.

»So kann es nicht weitergehen«, erklärt Laure eines Tages erschöpft.

»Ich werde mir etwas ›Festes‹ suchen.«

»Oh! das famose ›Feste‹, das nie zu finden ist! – Eine Sekretärstelle oder so was Ähnliches.«

Regine ist in einen fiebrigen Traum verloren. Die letzten Monate haben ihren mutigen Entschluß stark erschüttert. Sie spricht nie von Deferny – aber fühlen wir nicht alle, wie sehr sie die Beute der Versuchung ist? Und doch ist sie noch nicht ›reif‹. Sie hat nicht genug gekämpft, genug gezweifelt. Sie ist nicht hart genug vom Leben angefaßt worden. Ihre Angst vor dem Gatten, vor dem Eheleben, vor dem Käfig, und sei er vergoldet, ist stärker als ihre Müdigkeit, ihre Sorgen. Sie schwankt, zögert, wie ein Matrose auf See, der im Wüten des Ozeans das Ufer sieht, sich danach sehnt und sich doch sagt: »Der Sturm legt sich vielleicht, halten wir aus, man fühlt sich besser auf hoher See, trotz allem ...« Wenn sie aber in ihrem Zimmer die Spirituslampe nachfüllt, um sich eine Tasse Tee zu kochen – wie sollte sie dann nicht Defernys Haus vor sich sehen? Das ruhige Haus, in dessen Mitte der Lift auf und ab gleitet. Die tadellosen Teppiche; die hohen Spiegel; und die von der Dampfheizung gleichmäßig erwärmten Räume; und den soliden Luxus, den sie vielleicht nicht bis in alle Einzelheiten liebt (»gewiß, es gibt manches bei Deferny, was mir nicht gefällt und was ich ausmerzen würde, wenn ich ...«).

Aber doch ein Luxus, der ihr die eigenen Daseinsbedingungen noch kümmerlicher erscheinen läßt.

An Regentagen fühlt sich der Arme doppelt arm: Regine könnte weinen vor Empörung, wenn sie sich die hellen Strümpfe vollspritzt, während sie auf den Autobus wartet. In der Untergrundbahn, in der sie schwankend eingekeilt steht inmitten des Gedränges naßdünstender Menschheit; im Zufallsrestaurant, dessen Küche nach Spülwasser riecht und in dem sie doch die Sorge nicht los wird, keinesfalls mehr als sechs Franken für ihre Mahlzeit auszugeben, – da läßt ihr Wille zum Durchhalten nach, alles, was sie gewollt, ersehnt, gesucht, gehofft hat, verschwimmt ins Nichts. Wieder peinigen sie feige Gedanken:

»Warum soll ich mich plagen, für wen?«

So sehr ist sie von besseren Möglichkeiten besessen, daß die kleinste materielle Frage sie darin nur bestärkt.

»Die herrlichen Blumen aus den Auslagen des großen Ladens – soll ich ihre Pracht denn nie besitzen dürfen? Da liegen Steine und Perlen im Fenster des Juweliers. Und ich habe neulich meinen Ehering verkaufen müssen, um mir ein Paar seidene Strümpfe kaufen zu können!«

Das Lesen der Modezeitungen regt sie auf:

»Mit fünf kleinen Kleidern zu fünfzehnhundert Franken das Stück kann eine vernünftige Frau sehr gut ein Jahr auskommen.«

»Gewiß, es gibt sogar welche, die alles in allem nicht einmal den Preis eines Kleides ausgeben. Und Regine denkt an die drei Kleider des ›eisernen Bestandes‹, die nicht umzubringen, untereinander auszuwechseln sind und die sie an einem Tag frohphilosophischer Stimmung nach ihrer Bestimmung getauft hat: ›Va-toujours, Bellotte und Triomphante‹.

Und weiter: »Um der Legende vom teuren Hut ein Ende zu machen, werden Clarette und Madine vom Montag ab entzückende Formen letzter Schöpfung zum Verkauf bringen von zweihundertfünfzig aufwärts.«

Man könnte glauben, daß sich die Kundschaft der Tageszeitungen mit hohen Auflagen ausschließlich aus Schauspielerinnen und Kokotten zusammensetzt.

»Und warum ist der nicht für mich, der lange Wagen, der so lackglänzend am Bürgersteig steht? Warum bin ich nicht die Frau, die eben ausgestiegen ist, in vierzigtausend Franken Pelzwerk gehüllt?«

Neid? Nein, sie ist nicht neidisch, aber feig, das ja. Und von nun an wird alles nur irgendwie Anmutige und Schöne für sie, bei ihrem kahlen Leben, eine Versuchung bedeuten.

Alles, sogar bis zu der ausgesucht einfachen Schale mit Bonbons, die die Marke eines berühmten Keramikers trägt, mit der sich Deferny diskret zum neuen Jahr eingestellt hat und die doch in Regines schauerlichem Zimmer in so grellem Widerspruch steht, daß Regine, als sie sie aus den Händen des Ritters vom Flederwisch entgegennahm, eine Welle von Bitterkeit in sich aufsteigen fühlte.

Aber sie reißt sich zusammen und beschließt wie Laure:

»Auch ich will suchen.«

Laure und sie studieren die Anzeigen, lassen Stellengesuche einrücken, lassen sich in einem Vermietungsbureau einschreiben, wo man ihnen jeden Tag eine Adressenliste gibt:

»Das könnte etwas für Sie sein.«

Das erstemal hat sich Regine in der Rue de Seine bei einem Bilderhändler vorgestellt, einem fetten, nicht durchaus vertrauenerweckenden Orientalen, der sie fragt: »Für sie selbst?«

»Gewiß, für mich selbst. Sie, Sie suchen wohl ... jemanden für Ihren Laden?«

Er hat sie von oben bis unten angesehen, als wollte er sie abschätzen.

»Um mir beim Verkauf zu helfen, ja«, hat er mit schauerlichem Akzent gesagt. »Von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Eineinhalb Stunden Mittagspause, vierhundert Franken monatlich.«

Regine hat die Augen durch den niedrigen Laden wandern lassen, der mit zusammengerollten Bildern und leeren Rahmen angefüllt ist. Es riecht nach Schimmel und Firnis. Die Stimme bricht ihr:

»Vierhundert Franken für den ganzen Tag!«

Der Kaufmann hat sich ihr genähert, hat sie mit seinem schweren Leib gestreift, der nach Öl und Ameisen riecht:

»Ich werde Sie aufbessern, wenn Sie nett sind ...«

Regine ist geflohen.

Irgendein Arzt hat Regine vorgeschlagen, Sekretärin bei ihm zu werden, wie er es nennt – nur für die Nachmittage: »zweihundertfünfzig Franken. Ich werde Sie bitten, auf das Telephon und die Türglocke zu achten.«

»Warum suchen Sie kein Stubenmädchen?«

»Ich habe ein Zimmermädchen. Sie findet, daß man zu oft läutet, sie weigert sich, aufmachen zu gehen.«

Und die Stellenangebote:

»Junges Mädchen mit schöner Schrift für Rechnungen. Fünfundsiebenzig Franken die Woche.«

»Junges Mädchen für die Registratur, von Eltern vorgestellt.«

»Geübte Stenotypistin, Kenntnis des Englischen, für Handelshaus. Anfangsgehalt fünfhundert Franken.«

»Filmgesellschaft sucht Anfänger beiderlei Geschlechts für kleine Rollen und Komparserie.«

»Wenn man sich da vorstellen ginge,« sagt Regine, »die Statisten bekommen dreißig Franken im Tag. Dann könntest du einen Artikel schreiben über das, was du gesehen hast.«

Eine Tür, ganz hinten im Hof eines Hauses an der Rue d'Amsterdam, zeigt ihr die Inschrift: Eintreten, ohne zu läuten.

Laure wagt es nicht, Regine muß als erste hinein.

Ein pickelbesäter Jüngling kam ihr im Vorzimmer entgegen.

»Verzeihung, werden hier die Statisten angenommen?«

Man weist sie in einen Warteraum, etwa wie ein kahles Atelier mit Holzbänken an den Wänden, wackeligen Fensterscheiben, zerfetzten Tapeten. Ein kleines Mädchen, recht bescheiden, aber zu sehr geschminkt, ziert sich ein wenig:

»Habe ich ein Photographiergesicht, ja oder nein?«

»Wie lang das dauert, wirklich!«

Im Bureau hat man sie auf und ab gehen lassen.

»Ja, es geht.« Dann wurde gefragt, ob sie Abendkleider hätten: sehr elegant, sehr hell. Sie sollen bei einer Ballszene mitwirken. Können Sie tanzen? Nein? Oh! Na, wir werden es uns überlegen. Sie bekommen eine Rohrpostkarte. Drei Tage Komparserie in Joinville, Abfahrt sieben Uhr, Bahnhof an der Bastille. Guten Tag, meine Damen.«

»Das wird immerhin hundert Franken eintragen«, sagt Laure. »Wir werden uns aus Sparsamkeit das Frühstück mitnehmen.«

Sie haben Pläne gemacht, Kleider für die Ballszene hergerichtet, das Schminken probiert.

Sie wurden niemals einberufen.

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