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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Maguys Niederlage

Dieser Winter hat auch Maguy ihre Niederlage gebracht. Wir sahen, wie sie verging, ganz auf letzten Ausdruck gebracht war. Und die lebendigste herzzerreißendste Erinnerung, die wir später einmal an sie behalten werden, wird die an ihr armes Gesichtchen sein – tränenüberströmt, nie verschwollen, nie verhäßlicht, doch zerwühlt von Schmerz – wenn sie mit uns in der Pâtisserie zusammentraf und sich dort unter Francias tröstenden Blicken von schwarzem Kaffee und Zigaretten nährte.

Wie konnte sie ›durchhalten‹ – ein Geheimnis! –, ohne während ganzer Tage einen Bissen zu essen? Wohl einfach aus Überdruß, aus Ekel, dem Schwindel trotzend, tat sie ihre Arbeit, ohne nachzulassen.

Eines Abends aber, als sie um acht Uhr von ihrer Arbeit heimkehrte, da brach sie in Laures und Reines Armen zusammen, am Ende ihres Mutes und guten Willens, fast erstickt von Schmerz.

Schluchzen erschütterte ihre arme Brust, wir saßen auf dem Diwan des Salons, auf dem wir sie in Eile hingestreckt hatten, um sie herum, sorgten für sie, küßten sie.

»Liebe, liebe kleine Maguy, wir sind da, sprich doch...«

Es schien, als würde sie niemals die Stimme erheben, uns Erklärungen geben können. Nach und nach beruhigte sie sich und erzählte, das Gesicht gegen ein Kissen gelehnt, wo es wie das Profil auf einer Münze wirkte:

»Er will, daß ich weggehe. Er sagt, es kann nicht so weitergehen. Er will nicht länger unter diesen Bedingungen arbeiten. Es ist ihm verhaßt, mich weinen zu sehen. Wenn ich meine Tränen über meiner Arbeit hinunterschlucke, dann wirft er mir vor, daß ich ›bocke‹.

Ich! bocken! Ich kann doch nicht etwa lachen und Cancan tanzen! Mir ist das Herz zerbrochen. Aber das will er nicht sehen, er liebt mich nicht mehr. Für ihn war es eine Laune, oder vielleicht hatte er Angst, daß ich weggehen könnte. Das ist alles. Und ich habe doch nicht viel von ihm verlangt: weder daß er sich scheiden lassen noch daß er mich ausführen oder mit mir reisen sollte. Nein, nichts weiter als die Erlaubnis, ihn zu lieben, für ihn zu arbeiten; und dazu sollte er mir noch ein wenig Glück geben und mich von Zeit zu Zeit anderswo als im Bureau treffen, hier. Aber auch das war noch zu viel. Er hat genug davon, er kann meine Ansprüche nicht länger ertragen – er nennt das Ansprüche! Und allen denen seiner Frau gibt er nach ... Jetzt also hat er mich in eine andere Abteilung versetzt, in eine andere Abteilung mich, mich, die ich doch meine ganze Kraft an dieses Zusammenarbeiten gesetzt habe! Ich habe ihm geholfen, ihn vertreten, habe meinen Stolz und meine Lebensfreude in dieser Aufgabe gesehen! Nun nimmt er sie mir, reißt sie mir weg, wird sie sonst jemand anvertrauen. Er wird jemand an meinen Platz setzen können, das wird er können!«

Sie beginnt wieder zu weinen. Laure fragt behutsam:

»Wohin will er dich tun?«

»Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht ausreden lassen. Ich will es nicht annehmen. Lieber geh' ich ganz weg. Versteht ihr? Es ist so herzzerreißend, so demütigend.«

»Du darfst dich nicht weigern, Liebe,« sagt Reine, »du darfst deine Stellung nicht verlieren.«

Maguy lehnt sich auf.

»Meine Stellung! Was bedeutet die? Könnt ihr euch vorstellen, daß ich von nun an als Untergebene fern von ihm in diesem Hause leben könnte, in dem ich beinahe Herrin war?«

Wieder das würgende Schluchzen.

Mit ihrem mageren Hals, dem gebrechlichen Körper, dessen Knochen man durch die leichten Kleider fühlt, erinnert sie an einen von Sturm und Regen verschlagenen, von Hunger erschöpften Vogel, der nie wieder die Kraft finden wird, die Flügel zu breiten.

Zu allem Unglück nähert sich der Augenblick, in dem die Wohnung geräumt werden muß. Ein Brief von Dakar kündigt uns für das Frühjahr die Rückkehr unserer Vermieter an. Wir werden nichts Gleichwertiges finden und entweder im Hotel landen müssen wie Regine oder wieder bei der Familie Unterschlupf suchen, von wo uns die Notwendigkeit, unser Leben zu verdienen, weggeführt hat. Eines Tages, als wir diese Frage erörterten, sagte Regine:

»Es wäre möglich, daß mein Zimmer in einiger Zeit frei würde. Eine von euch könnte es immerhin nehmen. Es ist nicht der Traum, aber doch noch besser als die Brücken.«

Maguy hat lebhaft zurückgefragt:

»Hast du eine Wohnung in Aussicht, Regine?«

Regine hat recht geheimnisvoll und nicht ohne Bitterkeit geantwortet: »Vielleicht ja.«

Und wir haben zu verstehen geglaubt, aber wir haben nichts gesagt.

Raymondes Triumph

Und nun Raymondes Triumph.

Sie hat ein Jahr gebraucht, um den Sohn zu erobern.

Keine von uns anderen hat soviel Zeit gebraucht, um den geliebten Mann zu erringen. Doch, was war auch der Preis für diesen schnellen Sieg!

Während der letzten Monate war Raymonde immer gleichgeblieben: wunderbar in ihrer Kaltblütigkeit und ruhigen Berechnung. Sauber, gepflegt, mit ihrem schmächtigen und sorgfältig geschmückten Körper, ihrem zugleich unruhigen und kühlen Gesicht und den glänzenden Wellen ihres rostroten Haars erinnert sie mehr als je an eine Zauberpuppe, und diese Puppe hat in den toten Wassern ihres Blicks die Geschicke des Hauses Vorland versenkt.

Der Vater, der an einem Sohn ohne Scham genug hat, verträgt es schlecht, daß dieser ihm noch widerspricht:

»Eine arme Frau hat dir nichts als ihre Liebe zu geben .. .«

Der Vater hat den Sohn aufs trockene gesetzt, ganz und gar.

»Raymondes Triumph wird nicht vollständig sein«, sagt Gilberte. »Hat sie nicht gehofft, die Zügel der großen Sache ganz zu ergreifen?«

»Nun wird sie gute paar Jahre zu warten haben. Der Vater Vorland ist aus gutem Holz geschnitten.«

Raymonde hat uns mit Würde ihre Vermählung angezeigt. Ihre Liebenswürdigkeit ist etwas förmlich. Sie scheint die Sache ganz natürlich zu finden. Dies so sehr, daß man sich fragt, ob sie überhaupt Freude darüber empfindet. Ihre Bluttemperatur ist wohl nicht um ein Grad gestiegen, und sie scheint Maguys aufrührerische Reden so gut wie ihre eigenen vergessen zu haben.

»Wohin werdet ihr gehen?« fragt Gilberte geradezu, die das väterliche Verbannungsurteil kennt.

Raymonde antwortet, während sie ihren Braten zerlegt:

»Lucien steht in Unterhandlungen mit einer großen Buchhandlung in Alexandrien, dort könnte er eine angenehme Stellung finden.«

Lucien! Sie hat Lucien gesagt, als erste der ehelichen Vertraulichkeiten spricht sie den Vornamen mit der ruhigen Sicherheit der Besitzerin aus.

Niemand weiß, durch welche langsamen Umgehungskünste, durch welche schlangenhafte Geschmeidigkeit sie den schwachen, begeisterungsfähigen Jungen in die Enge getrieben hat. Wenn sie ihm einmal gehört, wird er dann das Geheimnis dieser verschlossenen Natur ergründen, die so überlegt und ganz vom eisigen Traum des Ehrgeizes erfüllt ist?

»In diesem Punkt sind die Männer genau so verrückt wie die Frauen«, sagt Regine.

»Sie heften sich mit Leidenschaft an das Wesen, das sie nicht kennen. Raymondes Unergründlichkeit ist die wichtigste Vorbedingung für ihren Erfolg.«

Maguy fällt angewidert ihr Urteil:

»Die Intrigantin!«

»Sie baut sich ihr Leben, sie ist im Recht. Was habt ihr daran auszusetzen?«

»Sie hatte es nicht nötig, ihre Verbindung gesetzlich bestätigen zu lassen, um sicher zu sein, daß Lucien Vorland der wahre Gefährte ihres Lebens sei.«

»Mein Kleines,« sagt Gilberte, »ich weiß nicht, ob man dem wahren Gefährten sehr häufig begegnet, aber ich weiß, daß nichts der Dauer einer Liebe gefährlicher ist als die sogenannte freie Vereinigung. Edel, ja, das mag sie sein, so gut und mehr vielleicht als die Ehe. Nie aber wird sie die Dauerhaftigkeit der Ehe haben, weil sie nicht, wie diese, die Bildung von Nebendingen erlaubt, und was nun den Gefährten angeht, so leben wir in der Angst, ihn zu verlieren, wenn wir ihn nicht in den Eheketten fest haben; und mag diese Angst selbst ungerechtfertigt sein.«

»Kann man denn einen Mann nicht verlieren? Das Leben wimmelt von Beispielen dafür. Wieviel Männer haben ihre Frauen verlassen, ohne mehr Bedenken, als hätte es sich um eine Geliebte gehandelt!«

»Zugegeben. Aber es ist doch etwas schwieriger, und das hilft manche Lust unterdrücken.«

»Das gemeinsame Leben, der Alltag braucht die stärkste Liebe auf.«

Regine mengt sich ein:

»Und was nützt es euch, zu zweit zu sein? In der freien Liebe hat man nur das Recht, die angenehmen Anlässe zu teilen. Die Sorgen bleiben abseits. Alle unsere Kümmernisse, alle unsere Enttäuschungen, alle die Gründe zu Entmutigung, verbergen wir sorgfältig vor dem ›Freund‹, um ihm nicht zu mißfallen, denn der Mann verabscheut ja die Trauer, die Klagen, die Scherereien. Und nebenbei gesagt: er hat an seinen eigenen Sorgen genug, so daß wir ihm die unseren gern ersparen. Dann aber ist man eben allein und bleibt allein.«

»Moral«, sagt Gilberte. »Die beste Form der Gemeinsamkeit ist die Ehe.«

Maguy hört zu, ohne noch ein Wort zu sagen. Der Widerspruch liegt ihr auf den Lippen, blitzt in ihren Augen, aber sie spricht ihn nicht aus. Man fühlt, irgend etwas in ihr ist unheilbar verletzt – das tiefe Vertrauen in das Leben, in die Menschheit, die Dinge ... für immer dahin. Doch hat ein Herz, besonders ein Frauenherz soviel Triebkräfte und geheime Quellen, daß sie vielleicht noch einmal wiedererwachen wird unter dem Einfluß eines tiefen Gefühls, das sie selbst empfunden oder erweckt haben wird.

Sie wird das Glück suchen, hartnäckig, und wird es vielleicht finden. Wer weiß es?

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