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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Der Abschied

Eines Morgens, als Laure ihren Artikel in der Zeitung suchte, hat sie am Fuße einer Spalte eine neue weibliche Unterschrift bemerkt.

Ihr Herz ist so müde, so bekümmert, so voll einer anderen Sorge, daß sie den Artikel zunächst nicht weiter beachtet hat. Nach einigen Augenblicken erst hat sie ihn nochmals überflogen, vom Titel, vom Gegenstand angezogen. Das Thema ist ihr vertraut, sie hat es selbst behandelt, kein Zweifel darüber. Seit einer Woche ist ihr Artikel gesetzt, und so oft sie deswegen Duvar, den Redaktionssekretär, fragte, hat er sie verblüfft angesehen und sich hinter Ausflüchten verschanzt: »Ich kann nichts dazu. Der Chef will ihn nicht ...«

Laure fühlt, wie sie erbleicht. Das Herz voll Aufruhr, stürzt sie in die Redaktion.

Ihr Freund Duvar ist nicht da, aber Bernard liest eben Korrektur. Sie geht auf ihn zu:

»Kennen Sie das?«

Mit dem Finger auf dem Blatt weist sie auf den Frauennamen, den neuen Namen.

Er sieht auf, bemerkt das verzerrte Gesicht, die Augen, die dunkler werden, wie das Meer im Gewitter. Er legt die Füllfeder hin.

»Kleine Frau, ich habe Sie zehnmal, hundertmal gewarnt, das ist der alte Trick, man setzt Ihnen jemand vor die Nase, trachten Sie, den Hieb zu parieren.«

»Aber ... wie denn?« stammelt Laure.

Sie setzt sich, überwältigt von der Erregung, Bernard faßt ihre Hände:

»Lassen Sie sich nicht unterkriegen, Sie zwingen es vielleicht. Sie wissen nicht, was der Journalismus ist. Es gehört mehr Geschicklichkeit dazu, immer wieder zu gefallen, als Sie gezeigt haben. Es ist ja nicht das Talent, was Ihnen fehlt, aber in unserem Handwerk nützt das Talent wenig, wenn nicht noch etwas anderes dabei ist. Man hat Ihnen, um Sie zu Fall zu bringen, unmögliche Themen gestellt. Dem mußten sie lächelnd ausweichen, statt dessen haben Sie sie mürrisch angenommen, haben sie nicht fertiggebracht, und man hat sie insgeheim, des Interesses halber, an eine andere weitergegeben.«

»Ich war krank«, murmelt Laure zerknirscht. »Ich brachte nichts mehr fertig. Aber warum hat man mir nichts gesagt? Warum hat man mir keine Antwort gegeben, als ich nachfragte?«

»Kleine Frau, liebe Freundin, merken Sie sich eines für später: in den Redaktionen wird nie etwas gesagt, man hat keine großen Reden nötig, um Sie zu verderben. Es gab keine laute Entrüstung über Ihre Artikel. Als aber Verdier, der Sie wirklich gern hat, einmal sagte: ›Nicht übel, der Artikel der kleinen Frau ...‹, da zogen die andern lange Gesichter: ›hm ...‹ Mit ein paarmal ›hm‹ am rechten Ort kann man dem besten Journalisten den Kragen brechen.«

Laure, niedergeschmettert, versucht nachzudenken. Welche Anzeichen für diese ungünstige Entscheidung hat es gegeben? Die systematische Unterdrückung ihrer Artikel, gewiß; doch die hatte sie, in Unkenntnis der journalistischen Bräuche, anderen Ursachen zugeschrieben: der bekannten ›Überfülle von Material‹ oder einer gebieterischen ›letzten Nachricht‹.

So merkwürdig ahnungslos hatte sie sich gezeigt? Mitunter hatte ihr in letzter Zeit der Generalsekretär mit der zerstreuten Nachlässigkeit, wie sie in den Redaktionen üblich ist, im Vorübergehen gesagt:

»Sie haben da gestern einen recht schlechten Artikel geliefert ...«

Und statt unterwürfig zuzugeben: »Ja, wirklich miserabel! Ich weiß nicht, was mir eingefallen ist ...«, hatte sie sich zur Wehr gesetzt und einmal sogar zurückgegeben – und dabei für geistreich gehalten, was doch nur frech war: »Wer noch nie einen schlechten Artikel geschrieben hat, der werfe den ersten Stein auf mich!«

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihr Verdier gesagt:

»Passen Sie auf, Kleine, Sie spinnen ein schlechtes Garn!«

Verdier verteidigte sie immer, aus Freundschaft, konnte es aber doch nicht verhindern, daß mehr als einen Monat Laures Artikel systematisch beiseite geschoben wurden. Aber all das andere? Alles, was ihr gelungen war zur Zufriedenheit des Chefs – das zählte nicht mehr?

Am Abend des gleichen Tages setzt sie sich vor ihren Schreibtisch mit dem festen Entschluß, einen guten Artikel zu schreiben, und sich wieder in Gnade zu setzen.

»Recht kurz, nicht mehr als hundert Zeilen,« hat ihr Duvar gesagt, »die Anzeigen nehmen heute abend den ganzen Platz.«

Laure faßt sich also kurz. Doch ihr guter Wille ist nicht imstande, günstigen Einfluß auf ihre Nerven zu gewinnen, die überspannt sind von der Angst und dem Aufruhr in ihrem Herzen. Mit ziehendem Schmerz im Nacken, mit zitternden Fingern beginnt sie zu schreiben: »Die Arbeit der Familienmütter stellt eine der grausamsten Anomalien unserer Zeit dar ...«

Über ihre weißen Blätter gebeugt, schreiben ihre Kollegen hastig, die Klingel des Telephons schrillt, das ›hallo‹ gehetzter Redakteurs gibt ungeduldig Antwort. Eine Tür fällt zu. Der Chef des Nachrichtendienstes taucht auf: »Vorwärts in Teufels Namen!«

Und wie der Redaktionssekretär auf dem Wege zu den Korrektoren im Fluge vorbeieilt, wehen die Blätter von den Tischen herunter zu Boden.

»Die Arbeit der Familienmütter ... Anomalie unserer Zeit.

Ach ja, es ist nicht die einzige!

Wie dumm!« sagt sie sich angeekelt.

»Was für ein Handwerk!«

Sie drängt Tränen zurück, beugt den Kopf tiefer über den Tisch, sie fühlt, daß sie bald, im nächsten Augenblick in Schluchzen ausbrechen wird, und das, nein, das will sie nicht vor ihren Kollegen: Didier, der bei der Zusammenstellung seiner Spesen trällert, und Bernard, der recht nett zu ihr, aber immer in Eile ist.

Geblendet von brennenden Tränen liest sie nochmals: »... eine der grausamsten Anomalien ...«

Sie murmelt mit zitternden Lippen:

»Ich bring' es nicht fertig!«

Ihr Gegenüber sagt, ohne den Kopf zu heben, ein emsig schreibender Redakteur:

»Schimpfen Sie nicht! Sie schimpfen immer, meine Liebe. Wenn Sie erst wie ich zehn Jahre Zeitungsdienst auf dem Buckel haben, dann werden Sie wohl etwas ruhiger geworden sein.«

Laure zuckt unmerklich die Schultern, am Rand ihrer Kräfte: »Ich hoffe nur, daß ich in zehn Jahren nicht ebenso abgestumpft sein werde wie Sie jetzt.«

»Sie sind sehr hart, meine Liebe. Zum Trost will ich meine Spesenrechnung nochmals durchsehen.«

Hierin hat Didier nicht seinesgleichen. Er fährt nie anders als Untergrund, zweiter, aber er versteht es, imaginäre Autobuslinien in seine Rechnungen einzuschmuggeln und freut sich diebisch, wenn er in einem Monat dreißig Franken herausgeschunden hat.

»Sie lachen, meine Liebe? Aus kleinen Bächen werden große Ströme.« Gestützt auf dieses Sprichwort borgte er vom Fünfzehnten an von den Kameraden einmal ums andere zehn Franken, manchmal weniger. Er zahlte in Raten zurück. Das ermöglichte es ihm, Unordnung in die Rechnung zu bringen:

»Hör' mal, du, dir bin ich zehn Franken schuldig, hier hast du einmal vier, und dir dort bin ich fünf schuldig; da hast du drei. Ihnen, meine Dame, schulde ich nichts.«

Seine Freude ist ungemessen, wenn es ihm gelungen ist, einen Kameraden um zwei Franken zu betrügen.

Verdier stürzt zur Tür herein, fragt zerstreut:

»Fertig?«

Laure wirft ihm ihren harten, unruhigen Blick zu. Aber er ist schon bei Didier, der in seinem Stuhl wippt und laut seinen Artikel überliest.

»Hör' einmal, Jorlot hat beim Verlassen des Senats einen Schlaganfall gehabt. Saus' hin und trachte Einzelheiten zu bekommen. Wenn er vor Mitternacht abschnappt, gibt es eine schöne Notiz fürs Titelblatt.«

Didier springt von seinem Stuhl auf, reißt vom Kleiderständer Hut und Staubmantel.

»Taxi?« ruft er von der Türe her.

»Selbstverständlich, Idiot!«

Man hört Didier noch schreien: »Fein!«

Er nimmt sicher wieder die Untergrund, sagt sich Laure gedankenlos.

»Kleine Frau,« sagt Verdier, »man telephoniert mir eben, daß Sie in einer halben Stunde oben erwartet werden.«

›Oben‹, das ist die Höhle des Direktoriums, die Werkstatt des Hinauswurfs. Laure fragt leise:

»Es soll also heute abend sein ?«

Aber Verdier verschwindet verwirrt, von Bernard gefolgt. Laure ist allein. Sie hebt den Kopf und begegnet in dem großen Wandspiegel ihr gegenüber dem eigenen verstörten Gesicht mit den jammervollen Augen.

»Das ist das letzte!« sagt sie sich. »Alles kommt zusammen.«

Die Flügeltür wird aufgestoßen, Jeannin tritt ein und kommt auf sie zu, ohne den Blick von ihr zu lassen. Und in diesem Blick liest Laure nur Freude und Zärtlichkeit.

Er faßt ihre Hände, führt sie an die Lippen und hält sie ehrfürchtig fest. Laure senkt den Kopf nicht. Sie fühlt, daß sie den überraschten Blick ihres Freundes aushalten, sich ihm hingeben kann, und läßt die Maske fallen, die sie vor den andern trägt.

Während er sich über sie neigt, schüttelt sie ein jähes Schluchzen; wie eine Pflanze im Wind beugt sie sich stöhnend. Es ist fast ein Rascheln. Sofort will sie sich aufreißen:

»Verzeihen Sie.«

»Ein Verzeihen! wie lächerlich.« Er hätte sie in die Arme nehmen, sie an die Brust drücken, sie forttragen wollen, sie, so fiebrig, aufgelöst, mit Küssen bedecken. »Großer Gott, ich hätte so sehr gewünscht, daß das Leben Ihnen nicht wehe täte!«

»Wissen Sie es, gleich jetzt wird man mir kündigen, ich werde stellungslos sein.«

»Warum wollen Sie mir etwas vormachen?« sagt er leise. »Ich weiß sehr gut, daß das nichts zu sagen hat im Vergleich zu ... anderm.«

Sie senkt die Lider, um ihre Überraschung zu verbergen. Hatte Jeannin ihre Liebe erraten? Hatte er darunter gelitten? Er war ihr immer der treue, selbstlose, brüderliche Freund geblieben. Ein Bruder, der seine Schwester innig liebt: der Mann, dem man in den entscheidenden Augenblicken begegnet. Er war nur in dem Maße vorhanden, in dem er nützlich sein, helfen, raten konnte. Fraglos hatte er zu Anfang diese Frau insgeheim begehrt, doch war von diesem überwundenen Begehren nichts als Zärtlichkeit übriggeblieben.

Laure überdachte bedrückt, daß ihr sein Herz voll Liebe ganz gehörte, während ein anderes sich ihr entzog, ein anderes, nach dem sie vergebens die Arme reckte, nach dem ihr eigenes Herz, ihr junges Fleisch verlangte. Jeannin dachte wohl das gleiche. Er neigte sich ihr zu: »Das Leben ist weiß Gott nicht leicht, liebe Freundin ...!«

Hinter der Tür entstand Getöse, eine Schar von Redakteuren drängte lärmend herein.

»Oh, Verzeihung!« sagte einer von ihnen und machte Miene, sich diskret zurückzuziehen.

Im ganzen Hause glaubte jedermann an eine zarte Beziehung zwischen Jeannin und Laure.

»Ich bitte Sie!« sagte sie unwillig. »Keine Affereien!«

Verdier erschien und gab Laure ein Zeichen: »Sie werden erwartet, gehen Sie schnell!«

Mit wankenden Knien klomm sie die Treppe bis zum Zimmer des Direktors hinan.

Zwei Herren erwarteten sie. Mit undurchdringlichen Gesichtern, müßigen Händen, die mit der Löschwippe spielten.

»Ja also, liebes Fräulein ...

Sie sind scheinbar nicht zufrieden hier im Hause...«

Der andere fiel als Echo ein:

»Scheinbar, ja ...«

»Hm ... ja, und wir, wir sind auch nicht sonderlich zufrieden. Unser Direktor hat von Ihnen Artikel verlangt, die Sie nicht geliefert haben ...«

In Laures Kopf klingt Bernards Ausspruch auf, und sie erwidert mit Bestimmtheit:

»Es waren unmögliche Themen.« Die beiden sonst so verschiedenen Gesichter zeigten denselben Ausdruck gewollter Gleichgültigkeit. Das eine mit Bart und Glatze, das Gesicht eines ängstlichen Tartüff, und das andere jung, glattrasiert, erstarrt in hinterhältiger Verschlagenheit.

Laure hörte ihre Stimmen, als kämen sie durch weites Wasser bis zu ihr.

»Es wäre vielleicht in unsrem wie in Ihrem Interesse besser ... kurz und gut: unser Direktor bedauert, auf Ihre weitere Mitarbeit verzichten zu müssen. Ein Monatsgehalt wird Ihnen als Entschädigung ausgezahlt werden. Sechshundert Franken.«

Laure rührt sich nicht, fühlt sich wie festgenagelt in dem tiefen Klubsessel, der seine fünfhundert Franken gekostet haben mochte. Die eine der beiden Stimmen fährt fort: »Wenn Sie uns von Zeit zu Zeit einen Artikel schicken wollen, so wird er selbstverständlich mit dem größten Wohlwollen geprüft werden.«

Es war vorbei. Sie erhoben sich, auch Laure erhob sich. »Ich danke sehr«, brachte sie mühsam heraus.

Sie verbeugten sich, sie sah sie vor sich. Sie sah ihre Gestalten, ihre schwarzen Anzüge. Doch hatte sie kein Gefühl von ihrer Gegenwart, vielmehr den Eindruck, daß sie sich verflüchtigt, in Dunst aufgelöst hätten.

»Sechshundert Franken«, wiederholte sie sich, während sie die Stiegen hinunterging. »Damit kann ich abwarten.«

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