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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Zwischen blauem Wasser und blauem Himmel

Regine ist wirklich am Ufer des Genfer Sees, um ›Zeit zu gewinnen‹. Maguy hat sie mit schwesterlicher Autorität hingeschickt.

»Das wird dich nicht hindern, zu arbeiten. Ich nehme an, daß das Orchester der Pariser Straßen nicht durchaus unentbehrlich ist?«

An der Grenze gelegen, ist das Dorf halb französisch, halb schweizerisch. Die sympathische Unordnung Savoyens ist bis in diesen Winkel von Wallis zu spüren und schmückt mit eigenem Zauber, zärtlich zugleich und wild, bröckelige, bemooste Mauern und sonnenüberstaubte Obstgärten, wo die kleinen Mädchen ihre Reigen tanzen.

Wo sonst als in savoyischem Land gibt es diese grauen Häuser, so gesittet neben dem schönen Überschwang des Grünens, wo die Weinlaube über der Schwelle? Wo diese engen Fenster, eben breit genug für zwei engvereinte Köpfe und mit dem grellen Farbfleck der Kapuzinerkresse, die in einem alten Kochtopf blüht?

Die blonden Maiskolben trocknen an dem Balkon von nacktem Eisen. Dort umschließt ein enger Bogen aus grauem Stein den Ausschnitt eines bläulichen Bergkammes, der mit dem Himmel verschwimmt. Ein Bach springt über die Felsen, und man hört Wasserfälle lärmen. Das Gebirge ist ganz nahe, jenseits dieser grünen Halde, wo sich der Schatten der alten Kastanien zermalmt. Der Berge wegen wird sich das Dorf, das auf der andern Seite von vierfachem Stahlband der Eisenbahn eingeengt ist, nicht vergrößern können. Gott sei Dank, es wird so bleiben, grau und sonnig, mit dem Brausen der Wasser, der üppigen Pracht der Kletterrosen, des Phlox und des Lorbeers.

Könnte es doch seine schlichte Kirche bewahren, die leise zerbröckelt; das Weihrauchbecken, das von zehn Generationen frommer Hände poliert ist; die abgetretenen Stufen zum Hochaltar, die man auf Knien hinauf rutschen könnte, so breit und niedrig sind sie.

Hinter dem mächtigen Portal aus glattem Holz, geadelt durch einen römischen Bogen und, mit deutscher Inschrift in schwarzen Lettern versehen, ist die Apotheke das Bereich von zwei hinterhältigen, süßlichen Klosterschwestern mit schwarzen Schleiern. An den Wänden des dunklen, kühlen Raumes, wo sie Blütentee abwiegen und mit Bedacht Originalpackungen herstellen, sehen blaugemusterte Fayencetöpfe mit lateinischen Aufschriften, die einen Kunsthändler zum Träumen bringen könnten.

Aus Sparsamkeit wie aus persönlicher Vorliebe ist Regine in den Gasthof gezogen. Trotz seiner »bevorzugten Lage« und der Terrasse am See hat ihr das Hotel doch zu sehr den Eindruck einer Menagerie gemacht. Die Table d'hôte steht für sie in einer Reihe mit den Massentransportmitteln: »die barbarischste Erfindung der Zivilisation.«

Übrigens sieht man den See hier von jedem Punkte aus und bis zu dem bergigen Horizont, den die weißen Häuser von Montreux und Vevey säumen, spiegelt er, bebend, seidig, den Abglanz des stillen Himmels wider.

Am Morgen geht die junge Frau spazieren. Die »Große Straße« ist nur im Vergleich zu den andern groß. Von der Brücke, die die Grenze bildet, führt sie in gerader Linie zur Post und von da zum französischen Bahnhof.

Längs der Großen Straße kann man durch die Fenster einer Werkstatt sehen, wie ein Tischler singend, unter einem Wirbel von Holzspänen, letzte Hand an einen Sarg legt. Der Besitzer des »Bazar Parisien« gegenüber verbindet die Gleichmut des Savoyarden mit der geschickten Liebenswürdigkeit des französischen Schweizers. Sein ganzer Laden trägt dieses doppelte Kennzeichen. Er ist schweizerisch nach dem, was man darin verkauft – Milchschokoladen und Granitwürfel, die mit eingeprägten Edelweiß geschmückt sind. Savoyisch nach der lieblichen Unordnung, die darinnen herrscht; typisch pariserisch dagegen nicht, außer etwa, weil er als einziger die Amtsblätter bekommt und die Romane zu 1 Fr. 20 für die Regentage.

Nach dem Frühstück geht Regine in die Bäckerei und kauft dort eine ländliche Zwischenmahlzeit ein: es ist eine richtige Bäckerei mit knusperigen Brötchen auf Holzgestellen, mit Stapeln von dicken Mehlsäcken bis auf die Mitte des Ladens hin, der nach warmem Brot riecht, und mit seiner Butterstolle, die von den Bergen »herunter« kommt. Regine läßt sich ein Achtel Kilo davon auswägen und verpackt es zusammen mit einem goldbraunen Brötchen in ihrer Handtasche aus gesticktem Raffia. Sie steigt die steilen Gäßchen des Dorfes hinan, wendet sich nach links, der Schweiz zu und geht in greller Sonne einen kiesigen Hang entlang, auf dem Ziegen unter der Hut bloßfüßiger Hirten herumtollen. Ein Brunnen plätschert singend in einen Holztrog, der auf bemoosten Steinen ruht. Die letzten Wohnhäuser drängen sich zwischen einen blonden Misthaufen, einen Garten, der mit roten Äpfeln überladen ist wie kaum eine Eberesche mit Beeren. Dann kommen nur noch die stillen Wiesen, mit Heuschobern bestanden; sie senken sich von den Bergen zur Straße und von da zum See. Regine sucht Abkürzungen, stürmt die Hänge hinunter. Sie überquert die Klee- und Lupinenfelder und setzt sich unter die Nußbäume über dem See.

Eine frische Kühle steigt aus dem Unterholz, das die Gipfel der hundertjährigen Kastanien vor den Sonnenstrahlen schützen.

Der Boden, feucht, schlüpfrig, zäh, von rostbraunem Farnkraut überdeckt, atmet den schwermütigen Geruch welker Blätter und nasser Erde.

Am Fuße des Abhangs taucht zwischen zwei Baumgruppen ein Ausschnitt des Sees auf, wie ein Teppich, dessen Blau der tanzende Widerschein der Blätter zu stumpfem Türkisgrün vertieft.

»Lassen wir uns nicht zerstreuen«, beschließt Regine nach kurzem Schauen.

Die Blätter des russischen Manuskripts auf den Knien, die Füllfeder in der Hand, streicht sie, schreibt Verbesserungen. Bei Ablieferung der Arbeit im Oktober soll sie zweitausend Franken bekommen: genug, um zwei Monate davon leben zu können, und dann wird es von neuem losgehen.

Einer Fledermaus gleich, die abends hartnäckig eine Wiese umfliegt, kreist der Gedanke an Deferny unablässig in Regines Kopf. Die Zeilen des Manuskripts verschwimmen ihr vor den Augen, die Sätze, plötzlich ohne Sinn, entfliehen ihr, wollen davon wie die Perlen einer zerrissenen Schnur, und die große Limousine, lackglänzend, weich wie ein Diwan, entführt sie in einen Traum selbstsüchtigen Wohlbehagens, in einen Traum von erfüllten Wünschen und befriedigten Launen.

Weiß, in ihrer blütenumrankten Pergola und den blonden Mimosen, bebend in der Sonne, ragt die Villa von Beauvallon zwischen der starren Feierlichkeit ihrer Palmen.

»Oh! warum habe ich das kennengelernt,« klagt Regine, »all das, was jetzt in meiner Reichweite ist. Ein Wink nur, ein Wort ... ich brauche nur ein Wort zu sagen.«

Die Unentschlossenheit peinigt sie. Sie blickt über den See hinüber nach den weißen Häusern des Schweizer Ufers. Aber sie sieht nur einen Hain voll schwarzer Stämme, die sich vor dem blassen Hintergrund des Mittelländischen Meeres krümmen und unter den Kronen der Bäume, an denen sich der Wind rauschend bricht, Deferny, der starr und stumm dasteht und sie anblickt.

»Jawohl, von dem Tage an hätte ich auf der Hut sein müssen. Ich fühlte, ich fühlte es ... und bin nicht abgereist. Alles ist mein Fehler.«

Sie überschüttet sich mit Selbstvorwürfen. »Ah, ich bin nicht viel wert, ich bin schwach, bin feige.«

Und plötzlich gefällt sie sich in dieser Schwäche, gibt sich ihr einen Augenblick lang hemmungslos hin.

»Das Leben ist zu hart. Wie schön es wäre, sich ein wenig gehen zu lassen, nicht immer kämpfen zu müssen.«

Um die Dämmerung kehrt sie ins Dorf zurück. Der Duft des Heus erfüllt den Abend. Unterwegs begegnet sie Bauernmädchen, die sorgsam ihre gefüllten Milcheimer tragen.


Nach dem Abendessen schlägt Regine die französische Straße ein, die nach Meillerie führt.

Eines Nachmittags ist sie bis in das kleine Dorf gegangen, dessen dichtgedeckte Ziegeldächer sich in wucherndem Laubwerk bergen. Schwarze Barken mit gerefften Segeln schwankten im lichten Blau an der Anlegestelle. Der Wind war günstig und eine Barke breitete ihr Großsegel und glitt leise zum Fischfang hinaus.

Regine sieht zu, wie die Häuser und Hotels am Schweizer Ufer sich eines um das andere erhellen.

Sie geht auf der dunklen Straße dahin und fragt sich:

»Ist es ein Stern, ist es ein Licht?«


Regine erhält nur wenig Post. Aber wie überstürzt ihre Abreise auch war, wie stark ihr Bedürfnis nach Ruhe – sie hat doch ihren »Zufluchtsort« vor Madame Clère nicht verheimlichen können. Sie ist abgereist, ohne sie nochmals zu sehen, hat nur ein paar Worte auf eine Karte geworfen:

»Verzeihen Sie mir, ich kann mich nicht entschließen. Ich fühle mich verwirrt, versucht und vor allem erschreckt. Ich verreise, das wird mir Klarheit schaffen. Lassen Sie mich ein wenig mit mir allein. In diesem Augenblick komme ich mir vor wie ein fast gezähmtes Tier, dessen ursprüngliche Wildheit plötzlich wieder geweckt wurde: der Ruf der Wildnis!«

Madame Clère, sehr weise, hat nichts geantwortet. Übrigens ist sie viel zu feinfühlend, um auch nur im geringsten Regines Entschluß zu beeinflussen und etwa leichten Herzens die Verantwortung für eine Ehe auf sich zu nehmen.

Und die Karte, die Regine heute in Händen hält, ist frei von jeder Anspielung auf die Angelegenheit.

»Meine liebe Kleine, nun bin ich also für einige Tage in Montreux. Überqueren Sie doch den See und nehmen Sie, wenn es Ihnen paßt, bei mir in der Schweiz Donnerstag den Tee. Ich werde zu dem Schiff drei Uhr fünfunddreißig am Landungssteg sein.«

Der Tag ist sehr grau, zwingt Regine im Zimmer zu bleiben und bringt sie zum Nachdenken.

Am Morgen ist sie im trüben Lichte erwacht. Der See, perlfarben, erinnert an die Nebelteiche, die sich gegen Abend auf Wiesen bilden. Eine schwarze Kohlenbarke mit flachem Boden, die Segel eng gerollt, glitt langsam zu unbestimmtem Ziel hinaus, vielleicht den weißen Häusern des Schweizer Ufers zu, die sich im Grau verloren haben. Und ein Nebelfetzen, vom Gebirge niederhängend, wie eine Schärpe von einer Schulter, enthüllt einen Kamm, den der erste Schnee überstäubt hat. Regines erste Regung – die Erregung eines wilden Tieres – war die, abzulehnen, plötzliche Abreise vorzuschützen.

Dann wirft sie, wie sie es so gerne tut, den ersten Entschluß um und beschließt hinzugehen.

»Ich muß aus dem allen heraus. So oder so. Sie wird mir sagen, wie ich zu denken habe. Sie wird mir vielleicht auch sagen, was ich zu tun habe.«

Regine fühlt sich verloren, die Barke schaukelt langsam auf der glatten Wasserfläche. Auch sie weiß nicht mehr, wohin es geht.

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